ORF engagiert "Abwehr"-Profi für sein millionenschweres Bauprojekt

6. Februar 2017, 07:00
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Etat-Wochenschau: Beruhigung für die ATV-Redakteure

Wien – Was kommt in diesen Ferientagen auf Österreichs kleine Medienwelt zu, vom Gedränge am Lift einmal abgesehen? Der ORF engagiert fünf Jahre nach Baubeginn seines 300-Millionen-Projekts Küniglberg doch noch einen Profi für den Vergleich von Soll und Ist und für die "Abwehr" von Forderungen – für den anstehenden Zubau, wie klein er nun auch immer werden soll. Und welche Auflagen ProSiebenSat1Puls4 für die Übernahme von ATV ins Haus stehen, wird wohl auch diese Woche mit der offiziellen Anmeldung kundgetan. Mal sehen, ob sie die besorgten Journalistinnen und Journalisten des Senders beruhigen können.

Ein Bau-Profi für den ORF

foto: fid
Betretenheit auf der Baustelle (aus der Reihe: Wochenschau-Symbolbilder).

Wer hat eigentlich diesen Auftrag vergeben? Solche Fragen – wie sie, etwas peinlich und vor allem teuer, mitten in der ersten großen Sanierungsphase des Küniglbergs auftauchten – will der ORF nun offenbar vermeiden: Er ist gerade dabei, einen Bau- und Rechte-Profi für den bisher mit rund 60 Millionen Euro veranschlagten Zubau zum ORF-Zentrum zu engagieren. Einen so genannten Claim-Manager.

Was tut ein Claim Manager? Wikipedia erläutert das Tätigkeitsfeld unter dem Stichwort Nachforderungsmanagement oder "Überwachung und Beurteilung von Abweichungen bzw. Änderungen und deren wirtschaftlichen Folgen zwecks Ermittlung und Durchsetzung von Ansprüchen".

Der Claim Manager könnte demnach also zum Beispiel herausfinden, wer bei der Sanierung des Haupttraktes auf dem Küniglberg den Auftrag erteilt hat, den kompletten Estrich zu erneuern. Darüber rätselten schon ganze ORF-Krisentagungen zu den bei Bauteil 1 merklich entglittenen Kosten.

Aber: Der nun ausgeschriebene und dieser Tage gecastete Claim Manager soll sich nicht um solche Altlasten kümmern, auch wenn die teurere Sanierung des Verwaltungstrakts nun just den Zubau Schritt für Schritt verkleinert, wo das Produkt des ORF entstehen soll – das Programm. Der eigentlich dort geplante multimediale Newsroom etwa wird inzwischen eher in bestehenden ORF-Hallen verortet – in einer offenbar deutlich abgespeckten Variante. Für den ORF-Stiftungsrat im März, so heißt es unter mit dem Newsroom befassten ORF-Menschen, suche man derzeit eine "gesichtswahrende Lösung".

foto: orf/riepl kaufmann bammer architektur gbr
Der Sieger-Entwurf für den ORF-Zubau von Riepl Kaufmann Bammer Architektur, inzwischen ein Stück abgespeckt.

Der gerade gecastete Claim Manager sei ein Anti-Claim-Manager, hieß es auf Nachfrage auf dem Küniglberg. Er soll laut Ausschreibung beim Zubau helfen "beim Vergleich zwischen faktischem Bauablauf und den vertraglich vereinbarten Vorgaben", bei "der professionellen Abwehr von Nachträgen aus dem Claim-Management der Planer und ausführenden Unternehmen", das "Qualitäts-, Kosten- und Termincontrolling" übernehmen, die Kalkulation von Baukosten prüfen und etwa auch "der juristischen Begleitung" Material liefern.

Der ORF engagiert den neuen Claim Manager für fünf Jahre, also bis ins Jahr 2022. Womöglich hätte eine solche Fachkraft auch in den vergangenen fünf Jahren zum günstigeren Ablauf des insgesamt 300 Millionen schweren Sanierungs- und Bauprojekts beigetragen. Mitte 2012 begann mit dem Umzug in Container die große ORF-Sanierung des maroden Altbestands.

Sorge bei ATV

foto: apa/georg hochmuth
Der bekannteste der ob der anstehenden Übernahme besorgten ATV-Journalisten: Martin Thür, hier in der Mitte als Moderator der TV-Konfrontation Alexander Van der Bellen vs. Norbert Hofer anno 2016.

Was tut sich sonst so in diesen (Ferien-)Tagen? Kommende Woche ist wohl mit der formellen Anmeldung des ATV/ProSiebenSat1Puls4-Deals zu rechnen. Mit der Anmeldung will die Wettbewerbsbehörde auch gleich die vorbesprochenen Auflagen für die Übernahme von ATV durch die schon jetzt größte Privatsendergruppe im Land veröffentlichen.

Diese Auflagen sollen wohl auch die Journalistinnen und Journalisten von ATV beruhigen, die sich Freitag per offenem Brief an BWB-Chef Theodor Thanner und die Medienpolitiker aller Parlamentsparteien um die Meinungsvielfalt im Privatfernsehen nach dem Deal sorgten. Was könnte da neben erwartbaren Vorgaben für eigene Budgets, eigene Programmschöpfung, eigene Nachrichstensendungen, eigenes Management noch helfen? Womöglich auch ein eigener Chefredakteur als Bedingung für den Deal. Bleiben Sie dran. (Harald Fidler, 6.2.2017)

Die Etat-Wochenschau

Die Etat-Wochenschau widmet sich sehr subjektiv ausgewählten, absehbaren Ereignissen der neuen Woche, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Gewähr.

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