"Sommernachtstraum": Uraufführung von Kurt Palm in Linz

5. Februar 2017, 17:31
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Das Stück "Ein Sommernachtstraum ..." im Phönix-Theater Linz kriegt die Kurve zur Kapitalismuskritik

Linz – Kurt Palm, der Autor und Filmemacher, der Revoluzzer und Brecht-Dissertant, kriegt immer wieder, auch wenn Ein Sommernachtstraum im Titel steht, die Kurve zur Kapitalismuskritik. Shakespeares zugkräftige Komödie dient ihm als Stück im Stück, so einfach geht das. Drei Straßenzeitungsverkäufer proben im verstaubten KPÖ-Heim für das internationale Obdachlosen-Shakespeare-Festival. Sie wollen mit bescheidenen Mitteln den Sommernachtstraum aufführen.

Eine verheißungsvolle Ausgangslage, die Palm auch als Regisseur gewieft entspinnt. Im abgewirtschafteten Dekor des Sozialismus – selbst die Lenin-Gesamtausgabe ist eine hohle Buchattrappe (Ausstattung: Michaela Mandel) – erhebt sich auf dem Boden der Phönix-Bühne die Traumwelt der Feen und Handwerker, der Fürsten und Esel. Die Zutaten kommen vom Flohmarkt der Geschichte, und zu diesem zählt auch das sozialistische Inventar, allen voran ein "volkseigener Telefonapparat", an dem mysteriöse Anrufe eingehen.

Hausieren gehen mit Karl Marx

Denn Kurt Palm belässt es nicht beim Stück im Stück, er lässt auch die Zeit aus den Fugen geraten. Während in der altmodisch vertäfelten Parteizentrale die drei Herren (Ferry Öllinger, Karl Ferdinand Kratzl und Georg Lindorfer) ihren Shakespeare malträtieren, dringen Radionachrichten aus den 1960ern durch den Äther und geht ein strenger DDR-Funktionär (Tom Pohl) erfolglos mit seinen Karl-Marx-Thesen hausieren.

Zugleich bricht auf den Straßen draußen hörbar ein Tosen los, auch Schüsse fallen, Inspektor Clouseau schaut von Zeit zu Zeit herein, und der Tod wartet geduldig auf der Damentoilette.

theaterphoenix

Viel los in der griechischen Melicharstraße. Das aus dem Geiste des Sozialismus entwickelte wilde sozialkritische Spintisieren nach der Trashtheatermethode der frühen Nullerjahre hat Zugkraft. Auch wenn die kabarettistischen Pointen ("Buongiorno" – "John Porno") ein wenig schwächeln.

Kärntner und syrische Lieder

Die Besonderheit des Abends (im tiefen oberösterreichischen Slang) liegt im versöhnlichen Ineinanderschieben verschiedener Perspektiven. Nicht nur finden Kärntner mit syrischen Liedern zusammen, werden oberösterreichische Religionskriege (Frankenburger Würfelspiele) in heutigen gespiegelt. Sogar einer wie der trinkfreudige Lindi bekennt sich irgendwann dann doch zu "Palatschinken nach den fünf Elementen". Geht doch!

Einzig für den holpernden Untertitel des Stücks Oder Badewannengriffe im Preisvergleich täte es Not Ersatz zu finden. (Margarete Affenzeller, 5.2.2017)

  • Proben den "Sommernachtstraum" (v. li.): Lindi (Georg Lindorfer), Bertl (Ferry Öllinger) und Rudi (Karl Ferdinand Kratzl)
    foto: christian herzenberger

    Proben den "Sommernachtstraum" (v. li.): Lindi (Georg Lindorfer), Bertl (Ferry Öllinger) und Rudi (Karl Ferdinand Kratzl)

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