"Live by Night": Ein Schrank ohne Eigenschaften

6. Februar 2017, 11:38
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Ben Afflecks Film stolpert über die eigene Ambitioniertheit

Wien – Der Erste Weltkrieg musste schon für vieles herhalten, notabene für den Zweiten und gelegentlich für ein ganzes (kurzes) Jahrhundert der Extreme. Er hat aber auch im Detail eine Menge angerichtet. Der irisch-amerikanische Gangster Joe Coughlin leitet seine Karriere auch aus dem "Great War" her. "Ich zog als Soldat in den Krieg, und ich kam als Gesetzloser zurück". Joe Coughlin ist eine Figur aus einem Roman von Dennis Lehane. Der Schauspieler und Regisseur Ben Affleck hat es übernommen, Live by Night von Dennis Lehane zu verfilmen. Vielleicht hat ihm ja diese Geburt eines Epos aus den Trümmern der Geschichte gefallen. Den Soldaten Coughlin streift er anfangs mit raunender Stimme, die restlichen zwei Stunden widmet er sich dann aber ausführlich dem Gesetzlosen.

Geld, Moral, Mode

Nach dem Ersten Weltkrieg kam eine Zeit, in der alles ein wenig aus den Fugen war: das Geld, die Moral, die Mode. Die Männer trugen Anzüge, in die eigentlich nur "heavies" richtig passten, schwere Jungs, ein anderes Wort für Verbrecher, die in diesen Tagen in der Regel organisiert vorgingen. Affleck ist schon von seiner Statur her ein "heavy", und nun lotet er so richtig aus, was damit alles gemeint sein könnte. Ein Mann wie ein Schrank, der sich aber elastisch bewegen muss, denn das Geschäft erfordert auch soziale Intelligenz. Besonders dann, wenn man sich als Ire mit Italienern einlässt. Es sind die Jahre der Prohibition. Alkohol gibt es nur in Hinterzimmern. Neue Märkte außerhalb der klassischen Immigrantenmetropolen an der Ostküste gibt es weiter im Süden. Florida hat den Vorteil größerer Nähe zu Kuba, von wo der Rum über das Meer kommt.

warner bros. pictures

Kuba hat auch noch den Vorteil schöner Frauen, die aber meistens den Nachteil einer dunklen Hautfarbe haben. Das organisierte Verbrechen in Live by Night ist rassistisch bis in die Knochen, nur Joe Coughlin ist in dieser Hinsicht liberal. Er findet seine Nemesis von einer überraschenden Seite. Ausgerechnet ein gefallenes und mit Christus wiederaufgerichtetes Mädchen (Elle Fanning spielt die Polizistentochter Loretta Figgis) mobilisiert die Menschen gegen ein Kasino, dabei wäre das doch der ideale Ausweg für das Rumsyndikat.

Großer amerikanischer Männerfilm

Einer der besten Filme von Martin Scorsese heißt auch so: Casino. Es war einer der letzten dieser großen amerikanischen Männerfilme, in denen es um alle erdenklichen Legierungen aus Hybris und Integrität und Familie geht. Ben Affleck will mit Live by Night in diese Liga. Er sucht ein Boardwalk-Empire auf den staubigen Straßen von Ybor, Tampa.

Das Problem des Films hat mit Ambitionen und Kompromissen zu tun. Man könnte ihn sich zur Not als einen der ursprünglichen Gangsterfilme aus den 30er-Jahren vorstellen, in dem eine kriminelle Karriere in eineinhalb Stunden ihren Bogen durchmaß. Oder aber Affleck hätte sich wirklich auf diesen Joe Coughlin eingelassen, der ja wegen einer offenen Rechnung nach Florida geht, die er dann doch allzu beiläufig einlöst. Zum Ende hin hinterlässt Live by Night beinahe den Eindruck, Affleck wollte nur noch Haken unter seine Exzerpte machen. Das Buch von Lehane hat ja noch eine Fortsetzung, nach Ben Afflecks seltsam eigenschaftsloser Verkörperung aber wird man das nicht mehr unbedingt im Kino sehen wollen. Nicht alles, was historisch anfängt, wird auch eine große Geschichte. (Bert Rebhandl, 6.2.2017)

Jetzt im Kino

  • Genrevision mit Femme fatale: Sienna Miller in "Live by Night"
    foto: claire folger/warner bros. entertainment via ap

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