Kinderlobby: Viele Kinder, die nicht dort hingehören, landen in Sonderschule

6. Februar 2017, 07:14
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Lobby4kids-Obfrau Irene Promussas: "Die Sonderschule ist ein segregierendes System"

Wien – Sonderschulen abschaffen und Inklusion für alle Kinder, oder doch nicht? In der Debatte um eine Abschaffung dieser Schulform – Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) will Sonderschulen ab 2020 nur noch als "Ausnahme", Pflichtschullehrergewerkschaftschef Paul Kimberger warnte im STANDARD vor schulischer Inklusion ohne adäquate Finanzierung, Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) ist für den Erhalt der Sonderschulen, um "Wahlfreiheit" für die Eltern zu bieten – spricht sich die Obfrau des Vereins Lobby4kids, Irene Promussas, für Inklusion aus.

Österreich bisher "sehr säumig"

Österreich habe sich mit der Ratifizierung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderung 2008 dazu verpflichtet, sei aber bisher "sehr säumig" gewesen und "jetzt unter Zeitdruck", sagte Promussas, selbst eine betroffene Mutter, zum STANDARD: "Natürlich ist es gefährlich, die Sonderschulen abzuschaffen, bevor die inklusive Schule steht, aber mehr Sorgen machen mir die Einsparung bei den Sonderpädagoginnen und -pädagogen, die weiter dringend gebraucht werden, und die neue Lehrerausbildung, die niemals die echte Sonderpädagogenausbildung ersetzt. Trotzdem ist die Sonderschule ein segregierendes System." Sie begrüße jedoch auch die "umgekehrte Inklusion, wenn sich Sonderschulen mit ihren tollen Einrichtungen für alle Kinder öffnen". Auch hier sei noch viel Bewusstseinsarbeit zu leisten.

Es gab nie echte Wahlfreiheit

Die von Ministerin Karmasin gepriesene Wahlfreiheit habe es aber "de facto auch bis jetzt nie gegeben", kritisiert die Kinderlobbyistin. Lobby4kids habe "viel öfter beobachtet, dass Eltern von Kindern mit Behinderungen der Bequemlichkeit halber oft direkt zur Sonderschule hin beraten wurden, als dass man ihnen eine tatsächliche Wahlfreiheit geboten hat", erzählt Promussas. "Aus diesem Grund landen sehr viele Kinder in der Sonderschule, die eigentlich dem Regelplan in einer Regelschule folgen könnten, zum Beispiel Kinder mit Migrationshintergrund, die lediglich Sprachanfangsschwierigkeiten haben, oder Kinder mit kleinen Wahrnehmungsstörungen, die teilweise nur etwas langsamer sind."

Geld in die Hand nehmen

Sie kenne natürlich auch Eltern, "die nach schlechten Integrationserfahrungen um ihren geschützten Schulplatz fürchten", sagt Irene Promussas. Es gebe aber auch Beispiele, wo schulische Inklusion wirklich gut funktioniere und alle Beteiligten davon profitierten. Und: "Langfristig hat sich in anderen Ländern gezeigt, dass Inklusion nicht mehr kostet als der Erhalt des jetzigen Systems, wenn wir nur rechtzeitig – das heißt jetzt – Geld in die Hand nehmen und jedem Kind die Unterstützung zukommen lassen, die es tatsächlich braucht. (Lisa Nimmervoll, 6.2.2017)

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