Türkei: Forscher warnt vor einer "religiösen Generation"

5. Februar 2017, 09:46
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Die Entfernung von der Evolutionstheorie bedeute eine "intellektuelle Katastrophe", sagt Celal Sengör

Istanbul – "Für einen zivilisierten, gebildeten Menschen ist das undenkbar", kritisiert der türkische Geologe Celal Sengör im APA-Gespräch die Pläne des türkischen Bildungsministeriums, die Evolutionstheorie von Charles Darwin aus den Schulbüchern zu entfernen. "Die Evolutionstheorie zu streichen heißt, die moderne Menschheit zu streichen", so Sengör, der der bekannteste Atheist und Erdbebenforscher der Türkei ist.

Für die Schüler seien die Pläne des Bildungsministeriums eine intellektuelle Katastrophe. "Die werden von der modernen Welt abgeschnitten". Die AKP ziehe eine unwissende und religiöse Generation heran. Ein kritisches und selbstständiges Nachfragen solle so unmöglich gemacht werden. Damit wolle die Regierung das Volk leichter beherrschen. Denn "kritisches Denken ist immer eine Bedrohung". Die Türkei werde dann demnächst dasselbe Bildungsniveau wie Afghanistan haben, so der 62-jährige Anhänger von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk.

Sengör, geboren 1955 in Istanbul, studierte in New York. Er war unter anderem Gastwissenschaftler im britischen Oxford, an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und am College de France in Paris. Seit 1992 ist er Professor an der Technischen Universität Istanbul. Er ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Warnung vor Islamisierung

Seit Jahren schon schreibt er in unterschiedlichen regierungskritischen Tageszeitungen Kommentare zu der Re-Islamisierung türkischer Lehrpläne unter der AKP-Regierung. Er wirft der AKP vor, eine schleichende Islamisierung der Türkei zu betreiben und die von Atatürk verfügte Trennung von Staat und Religion aufzuweichen. So ist Sengör ein Gegner der Lockerung des Kopftuchverbotes in staatlichen Einrichtungen und für Beamtinnen. Denn das Kopftuch sei ein rückständiges, politisches Symbol. Religion solle keinen Platz im öffentlichen Leben haben. "Jeder kann seine eigene Religion ausüben", so Sengör. Doch deren Ausübung solle nicht der Gesellschaft aufgedrängt werden.

Deswegen begrüßt Sengör auch das in Österreich geplante Neutralitätsgebot. Die österreichische Regierung will ein Verbot der Vollverschleierung im öffentlichen Raum durchsetzen. Ein Kopftuchverbot wird in einem veröffentlichten Arbeitsprogramm nicht explizit angeführt, der Staat müsse aber weltanschaulich und religiös neutral auftreten. "In den jeweiligen Ressorts wird bei uniformierten ExekutivbeamtInnen sowie RichterInnen und StaatsanwältInnen darauf geachtet, dass bei Ausübung des Dienstes dieses Neutralitätsgebot gewahrt wird", heißt es darin.

"Gute Idee"

"Eine gute Idee", kommentiert Sengör dieses Vorhaben. "Eine Richterin, eine Polizistin dürfen öffentlich keine Religion unterstützen", so der Erdbebenforscher. Er selbst könne keinem Beamten vertrauen, der sich öffentlich seiner Religionszugehörigkeit bekenne. Auch Kreuze sollten etwa aus Gerichtssälen oder Schulen entfernt werden. "Davidsterne, Kreuze, Buddha-Statuen – alles weg". Diese Glaubens-Symbole seien gegen das kritische Denken.

Mitte Jänner kündigte der türkische Bildungsminister Ismet Yilmaz an, die Evolutionstheorie aus dem Schulunterricht streichen zu wollen. Statt der Evolutionstheorie sollen demnächst Ersatzkapitel mit dem Titel "Lebewesen und die Umwelt" in den Schulbüchern zu finden sein. Zudem sollen alle Hinweise auf Darwin entfernt werden. Zusätzlich sollen Begriffe wie "Säkularismus", "Wiedergeburt" und "Atheismus" in Schulbüchern als "problematische Überzeugungen" und als "Krankheiten" eingestuft werden.

Noch handelt es sich um Vorschläge. Doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits demnächst in Kraft treten.

Der Sprecher der AKP-Regierung, Numan Kurtulmus, kritisierte die Evolutionstheorie als "veraltet und verfault". Deswegen gehöre diese aus den türkischen Schulbüchern gestrichen, sagte Kurtulmus Ende Jänner in einer Fernsehsendung. Der Politiker kritisierte, wer an die Evolutionstheorie glaube, werde als "progressiv" hervorgehoben. Wer diese Theorie aber ablehne, gelte als "reaktionär". Dies sei aber eine "veraltete Sicht".

"Dieser Mann hat keine Ahnung, wovon er spricht", kritisiert Sengör den Regierungssprecher. Denn die Evolutionstheorie sei die Basis aller Lebenswissenschaften. Kurtulmus solle bei seinen Aussagen stärker differenzieren, fordert der Wissenschafter. "Das ist ein Mensch, der das Denken aufgegeben hat." (APA, 5.2.2017)

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