"Das Kreuz bleibt" – wird nicht reichen

Kolumne3. Februar 2017, 17:01
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Die große Mehrheit der Kinder bekommt ein ganz wesentliches Element unserer Kultur nicht oder kaum mit

In hoc signo vinces! Seit dem oströmischen Kaiser Konstantin dem Großen Anfang des vierten Jahrhunderts das Kreuz Christi mit der Aufschrift "In diesem Zeichen wirst du siegen" erschienen sein soll, ist das Kruzifix ein Leitsignal unserer Kultur.

Wenn daher jetzt die ÖVP-Junghoffnung Sebastian Kurz dekretiert: "Das Kreuz bleibt!" (im Klassenzimmer), bahnt sich ein unsinniger, geschürter Kulturkampf an:

Kurz ist für das Kreuz und gegen das Kopftuch, Staatssekretärin Muna Duzdar (die kürzlich den Besuch des größten muslimischen Heiligtums in Jerusalem unterließ, weil sie sich kein Kopftuch aufzwingen lassen wollte) ist (laut Krone) "gegen das Kreuz".

Das ist aber die vollkommen falsche, typisch österreichische Debatte. An der Realität ändert das gar nichts, und die lautet: Die christlichen Grundelemente unserer fast zweitausendjährigen europäischen Kultur verblassen so und so, zum Schaden der geistig-kulturellen Entwicklung unserer Kinder.

Dieser Tage war eine dritte Gymnasialklasse aus einem Wiener Bobo-Bezirk auf Besuch in der STANDARD-Redaktion. In dieser Klasse gibt es kein Kreuz, weil der Prozentsatz der Katholiken nur 20 Prozent beträgt. Nicht weil es so viele muslimischen Schülerinnen und Schüler gäbe, sondern weil die Zahl der Religionslosen so hoch ist. Anmeldungen zum Religionsunterricht: zwei bis drei.

Das bedeutet aber, dass die große Mehrheit der Kinder ein ganz wesentliches Element unserer Kultur nicht oder kaum mitbekommen. Und das ist die wahre Katastrophe.

Auch wenn man die Zukunft ansieht: Nach dem "WIREL-Projekt" namhafter wissenschaftlicher Institute werden in 30 Jahren 33 Prozent Katholiken in Wien leben (jetzt: 43 Prozent), 28 Prozent ohne Bekenntnis (jetzt: 30), 20 Prozent Muslime (jetzt: elf), sowie elf Prozent Orthodoxe und vier Prozent Protestanten.

Was immer man über das Christentum oder über Religionen überhaupt denken mag – sie bieten ein ethisches, philosophisches und kulturhistorisches Gerüst. 13-Jährige, die über die revolutionären Aussagen der Bergpredigt ("Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen") nichts erfahren; oder die titanischen Leistungen religiöser Kunst, von den gotischen Kathedralen bis zu Michelangelos Weltgericht nicht richtig einordnen können, sind einfach benachteiligt. Egal, woran oder ob sie glauben.

Alle hier lebenden Kinder sollten über den christlichen Hintergrund unserer Kultur unterrichtet werden (neben den anderen Pfeilern griechische Philosophie, römisches Staatsverständnis, Modernisierung durch die Aufklärung).

Das wird zwar in anderen Fächern auch so halbwegs gelehrt, aber ohne den religiösen Hintergrund ist unsere Kulturgeschichte einfach nicht zu verstehen, wobei man über die beste Form der Lehre nachdenken muss.

Wir erleben einen gar nicht so schleichenden Kulturverlust. Und dessen sollten sich sowohl die konservativen Kruzifixler wie die progressiven Kruzifixophoben schleunigst bewusst werden. (Hans Rauscher, 3.2.2017)

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