"Das Rauschen der Flügel": Keine Scheu vor großen Gefühlen

    3. Februar 2017, 16:14
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    Am Donnerstag hatte im Wiener Odeon der erste Teil der Trilogie "Fidèles d'amour" umjubelte Premiere. Erwin Piplits und sein Ensemble suchen nach universeller Liebe

    Wien – Woher kommen wir, wohin gehen wir – und welche Abzweigungen nehmen wir in diesem Kreislauf, der da "Leben" heißt und dessen Ende, wie einmal festgestellt wird, wir nicht sehen können? Sind wir mutig genug, um auf unsere innere Stimme zu hören? Erkennen wir die Liebe, wenn sie uns begegnet? Es sind existenzielle Fragen, denen sich Erwin Piplits, der poetische Philosoph unter den Wiener Theatermachern, mit seiner Trilogie Fidèles d'amour im Wiener Odeon widmet.

    foto: odeon / max kaufmann
    "Das Rauschen der Flügel" ist bewegend in jedem Sinn des Wortes, voller Anmut und von weiser Melancholie gefärbt. Die prächtigen Kostüme stammen aus den Beständen von Ulrike Kaufmann (1953-2014), das grandiose Bühnenbild von Max Kaufmann und seinem Team.

    Teil eins, Das Rauschen der Flügel, erzählt von einem jungen Mann, der in die Welt hinaus irrt, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Um Aufklärung geht es, um Erkenntnis, das Geheimnis des Kosmos, um Spiritualität, universelle Liebe. Und um Herzensbildung. Der Titel bezieht sich auf die aus reinem Licht bestehenden Flügel des Engels Gabriel. Deren Rauschen erzählt von nichts Geringerem als der Schöpfung.

    Nein, Piplits scheut sich nicht vor monumentalen Gesten, großen Gefühlen und ebensolchen Worten. Das zeigt auch diese formvollendet anmutige, von weiser Melancholie gefärbte und in jeder Hinsicht bewegte und bewegende Aufführung wieder. In der übrigens viel gesprochen und gesungen wird – ungewöhnlich für die Serapionten.

    Vertraut Piplits der Wirkmacht seiner Bildwelten nicht mehr? Doch. Aber er misstraut gleichzeitig nicht mehr dem gesprochenen Wort. Gut so.

    foto: odeon / max kaufmann

    Gemeinsam mit seinen Co-Regisseuren Mario Mattiazzo und Ivana Rauchmann dirigiert Piplits das internationale Ensemble durch ein Licht- und Schattenreich der Versuchungen und Verirrungen, kein geradliniger Weg führt durch die staunenmachende Serapionswelt. Max Kaufmann hat mit seinem Team betörende Bühnenräume und -bilder gezimmert, gemalt, videoanimiert. (Kein Wunder dass ihn unlängst die Mailänder Scala für ein Bühnenbild engagierte.) Der Großteil der stimmigen Musik wurde von Hans Wagner eigens komponiert.

    Das Rauschen der Flügel ist – auch – ein Spiel im Spiel. Während sich der Zuschauerraum füllt, macht das Ensemble im grellen Saallicht letzte Aufwärm- und Dehnübungen, Regisseur Piplits lehnt an einer Säule am Bühnenrand. Probenchaos bricht aus. Einer sucht das Kabel für den Scheinwerfer; Leitern, Feuerlöscher, Stoffballen werden von hier nach da geschleift.

    West trifft Ost

    Schließlich nimmt Piplits die Sache selbst in die Hand. Dreht den Scheinwerfer an. Kurzschluss. Funkenregen. Dunkelheit. Verunsicherung im Publikum. Echt jetzt? Lichtausfall? Der absurd-heitere Dialog im Dunklen, vielleicht sogar ein Zwiegespräch von Piplits mit sich selbst (so genau weiß man das nicht, weil finster) ist vom Allerfeinsten. Hörst mi? Ja eh.

    foto: odeon / stefan smidt

    Plötzlich ergießt sich Licht auf eine orientalische Szenerie. Menschen in prächtigen Kostümen – sie alle stammen aus dem Fundus der unvergesslichen Ulrike Kaufmann (1953-2014) – reden, singen, ringen. Der junge Mann im Straßenanzug stößt dazu. West trifft Ost: Kulturschock? Kulissenwände öffnen sich, geben den Blick frei auf ein Kaffeehaus. Von hier wird der Jüngling schließlich aufbrechen, wird seinen Herzensmenschen zurücklassen und später auf sein älteres und geläutertes Alter Ego treffen.

    Die Trilogie (Teil zwei – Die rote Intelligenz - hat am 5. 5., Teil drei – Das Exil im Westen – am 12. 12. Premiere) basiert auf Erzählungen des persischen Dichters, Philosophen und Mystikers Suhrawardi (1153-1191), angereichert mit Schriften des islamischen Mystikers Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207-1273), Goethe-Märchen sowie Texten aus dem Gilgamesch-Epos und dem Corpus Hermeticum. Diese Sammlung griechischer Traktate aus 300 bis 100 v. Chr. handelt von der Entstehung der Welt, der Gestalt des Kosmos und menschlicher sowie göttlicher Weisheit.

    "Erzählst du mir die Geschichte vom Rauschen der Flügel Gabriels?", fragt der Suchende. Antwort seines Alter Egos: "Wisse!"

    Licht aus. Standing Ovations. Fortsetzung folgt am 5. Mai. (Andrea Schurian, 3.2.2017)

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