Fredy Bickel: "Edith Piaf wollte nur singen"

    Interview4. Februar 2017, 09:17
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    Der neue Geschäftsführer Sport von Rapid, spricht über den Verlust der Romantik im Fußball, seine Sucht nach Emotionen, die Wurzeln im Schweizer Dorf – und erklärt, warum er auf der Bank feinen Zwirn trägt

    STANDARD: Sind Sie ein Fußballromantiker?

    Bickel: Ja. Ich habe hin und wieder große Mühe, mich der heutigen Zeit anzupassen. Aber das gehört zum Geschäft, man muss über den eigenen Schatten springen.

    STANDARD: Die Frage stellt sich deshalb, weil es eine Ihrer ersten Aufgaben ist, den Kader zu reduzieren. Weggefährten loben unisono Ihre menschlichen Eigenschaften, Ihre Handschlagqualität. Und jetzt müssen Sie Spielern klarmachen, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Eher unromantisch, oder?

    Bickel: Das ist nicht die schönste Aufgabe, nicht jene, die ich mir auswählen würde. Für mich ist es sehr wichtig, zuerst mit den Spielern zu sprechen, eine gemeinsame Lösung zu finden. Ich werde niemals auf Teufel komm raus einen Fußballer rasieren.

    STANDARD: Bleiben wir bei der Romantik. Ist ein Fußballverein mittlerweile nicht ein ganz gewöhnliches Unternehmen, das den marktüblichen Gesetzen unterliegt?

    Bickel: Grundsätzlich ist es so, obwohl es mir schwerfällt, das über meine Lippen zu bringen. Es geht immer mehr in Richtung Wirtschaftsunternehmen. Wenn du den Fußball so sehr liebst und du haben möchtest, dass er das überlebt, dann musst du dich mit diesem notwendigen Übel abfinden.

    STANDARD: Haben Sie Erklärungen gefunden, warum Rapid 15 Zähler Rückstand auf Spitzenreiter Altach aufweist und nur Fünfter ist?

    Bickel: Ich möchte ganz bewusst nicht zurückschauen, aber natürlich habe ich Überlegungen angestellt. Wenn du mit großen Ambitionen in eine Saison gehst, das auch noch verkündest, vom besten Kader sprichst, steigen die Erwartungen. Und dann waren die ersten Spiele wirklich gut. Plötzlich läuft es nicht mehr, du weißt nicht, warum. Die Psyche ist angeknackst, das Verletzungspech kommt dazu. Wenn du laut rufst, hallt es laut zurück. Du bist in einer Spirale, die dich in die Tiefe zieht. Dann wechselt man Trainer und Sportchef.

    STANDARD: Werden Sie also eher leise, nicht marktschreierisch sein?

    Bickel: Grundsätzlich bin ich leise, zurückhaltend und im Hintergrund. Zwischendurch braucht es aber auch einen lauten Ton, manchmal trittst du bewusst oder unbewusst in einen Fettnapf, um zu provozieren, um wachzurütteln. Ich kann sehr direkt sein.

    STANDARD: Ist der Zeitpunkt des Jobantritts vielleicht gar kein schlechter? Weil es sportlich kaum noch weiter bergab gehen kann.

    Bickel: Das behaupten alle Leute. Ich will aber nicht daran denken, ich will mir nicht sagen, das ist ja nicht meine Schuld. Nach außen bin ich ein geduldiger Mensch, in mir drin steckt Ungeduld. Ich will keine Zeit beanspruchen, ich will, dass es sofort läuft.

    STANDARD: Der Gestaltungsspielraum ist nicht gerade groß. Trainer Damir Canadi wurde vor Ihnen verpflichtet, normalerweise sucht sich der Chef die Angestellten aus. Atypisch, oder?

    Bickel: Ich habe das sehr selten erlebt, es ist aber für mich das geringste Problem. Ich interpretiere die Rolle anders. Geschäftsführer Sport oder Sportdirektor klingt wunderbar, im Grunde genommen bist du Teil eines Teams. Natürlich habe ich kein Problem damit, Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie unromantisch sind. Die wichtigste Personen im Verein sind der Trainer, sein Betreuerteam, die Mannschaft. Ich muss ihnen helfen, speziell, wenn ich spüre, dass sie mich brauchen.

    STANDARD: Aber im Endeffekt müssen Sie über Trainer entscheiden?

    Bickel: Das ist mir bewusst.

    STANDARD: Wie ist das Verhältnis zu Canadi? Sie sagten, in den meisten Punkten stimme man überein. Wo gibt es Differenzen?

    Bickel: Dass man unterschiedliche Ansichten hat, liegt in der Natur der Sache, auch die Interessen sind andere. Der Trainer braucht und will den schnellen Erfolg, der Verein und ich wollen den langfristigen. Ich sehe zum Beispiel einen jungen Spieler, der Zukunft hat. Der Trainer benötigt aber einen, der sofort etwas bringt.

    STANDARD: Es wurde im Boulevard diskutiert, ob Sie auf der Bank sitzen. Sie haben das immer so gehandhabt, Canadi nicht.

    Bickel: Das diesbezügliche Gespräch zwischen Canadi und mir hat zehn Sekunden gedauert. Für ihn ist es kein Problem, also sitze ich auf der Bank. Ich lebe von meinen Beobachtungen, von meinem Bauchgefühl, ich suche die Nähe. Sollte es Canadi irgendwann nicht passen, bin ich der Erste, der sich auf die Tribüne zurückzieht.

    STANDARD: Ziehen Sie Trainingsanzug oder feinen Zwirn an?

    Bickel: Feinen Zwirn. Der Matchtag ist ein spezieller Tag, ein Festtag, das soll man auch zeigen.

    STANDARD: Die Auswüchse im Fußball sind unbestritten, Geld wurde abgeschafft. Wie kann sich Rapid in dieser Perversion positionieren?

    Bickel: Es muss uns klar sein, da mache ich keinen Unterschied zwischen Österreich und der Schweiz, dass wir Ausbildungsländer sind. Es wird immer schwieriger, finanziell mit den großen Ligen mitzuhalten. Die Summen dort gehen ins Perverse. Rapid muss sich in unserer Wirklichkeit positionieren.

    STANDARD: Was ist Erfolg für Rapid?

    Bickel: Ich verstehe die Frage völlig, aber sie passt mir nicht. Wir sind der Traditionsverein schlechthin, für uns zählen nach außen hin eigentlich nur Titel. Heute haben wir aber eine Situation, in der es bereits ein Erfolg ist, gewisse Strukturen in die Mannschaft zu bringen. Das Umfeld, die Trainingsmöglichkeiten gehören weiter verbessert, um die Basis für mögliche Titel zu legen. Gelingt das, wäre das auch ein Erfolg, den halt niemand wahrnimmt. Ich erwarte von uns, von der Mannschaft, dass der Fan nach Hause geht und sagt, sie wollten uns was zeigen, sie haben alles versucht.

    STANDARD: Schweiz und Österreich sind insofern vergleichbar, als Basel und Red Bull Salzburg sehr dominant sind. Bei Rapid wird immer betont, der Verein gehöre seinen Mitgliedern. Das mag schön, ehrenwert, romantisch sein. Aber kann es auf Dauer gutgehen? Würde Rapid mit irgendeinem Scheich oder Mäzen besser dastehen?

    Bickel: Nein, da kann ich den Romantiker nicht mehr wegdrücken. Da hätte ich persönlich ein Riesenproblem, dann wäre Rapid nicht der Verein gewesen, dessen Angebot ich angenommen hätte. Nur mehr Kommerz oder Marketinginstrument geht gar nicht.

    STANDARD: Aber ist Rapid diesbezüglich nicht bereits gefährdet? Der Klub ist auf dem Smartphone besser und präsenter als auf dem Platz. Driftet da nicht etwas auseinander, besteht die Gefahr, an Glaubwürdigkeit zu verlieren, zur Werbeblase zu verkommen?

    Bickel: Auch wenn es niemand gerne hört: Die Waage ist bei Rapid etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Sicher, das neue Stadion ist super, die Produkte werden gekauft. Aber die sportliche Performance auf dem Platz, das Wesentliche, wurde nicht mitgezogen, da herrscht massiver Aufholbedarf.

    STANDARD: Haben Sie einen Leitsatz, eine Lebensphilosophie?

    Bickel: Nein, aber ich habe ein Vorbild: Edith Piaf.

    STANDARD: Interessant. Wie das?

    Bickel: Ich kannte sie nie persönlich, aber ich befasse mich mit ihr, besuche Paris jedes Jahr. Mich fasziniert, wie sie trotz der äußeren Umstände, die du hast, wenn du auf der Bühne stehst, authentisch und sie selbst geblieben ist. Sie wusste, wo sie ihre Wurzeln hat. Das auf so einem hohen Niveau durchzuziehen ist großartig.

    STANDARD: Wo sind Ihre Wurzeln?

    Bickel: Ich bin glücklich, normal und bodenständig in Mettmen-stetten aufgewachsen. Das ist mein Dorf, dort werde ich alt.

    STANDARD: Piaf galt als sehr sensibel und unglücklich.

    Bickel: Das ist der Preis. Man wollte sie zu etwas machen, was sie nicht ist. Edith Piaf wollte nur singen. Dann kommt die Flucht in den Alkohol oder andere Drogen. Keine Angst, so weit bin nicht. Ich will mich nicht mit ihr vergleichen, da liegen Welten dazwischen. Ich lebe nicht sehr gesund. Aber ich kann mich jederzeit in den Spiegel schauen, das klingt banal, ist jedoch wichtig.

    STANDARD: Sie wollten Profifußballer werden, es hat nicht geklappt. Dann haben Sie als Journalist gearbeitet. Waren Sie eher ein Fan oder einer, der kritisch hinterfragt hat? Radio Sunshine klingt nicht gerade nach Aufdeckerplattform.

    Bickel: Es war schwierig für meine Eltern. Ich brauchte die Schule nicht, wusste: Ich werde Fußballprofi. Es hat vieler Gespräche und Schulwechsel bedurft, ich hatte das Gefühl, es zu schaffen. Ich war mit 16 in der dritten Liga. Dann hat der Trainer gesagt: "Junge, konzentriere dich besser auf die Lehrstelle." Die Welt ist für mich zusammengebrochen. Ich habe mir geschworen: "Nie mehr Fußball." Aber du wirst älter und gescheiter. Der Trainer hatte zwar recht, aber du kannst dir nicht von einem Menschen deinen Traum nehmen lassen. Dann war Journalismus das Mittel zum Zweck. Trainer reizte mich nicht. Mir war klar: Auf der Medientribüne bist du schon ziemlich nahe beim Fußball. Die Klubs hatten noch keine Pressechefs, das war ein Zug, auf den ich aufspringen konnte.

    STANDARD: Werden wir wieder romantisch. Fußball ist für viele Menschen eine Konstante. Macht das auch für Sie den Reiz aus?

    Bickel: Ich bin süchtig nach Emotionen. Fußball ist meine Droge.

    STANDARD: Werden wir banal. Wer gewinnt am 12. Februar das Derby?

    Bickel: Ich werde doch nie und nimmer etwas anderes als Rapid sagen. Eine Niederlage gegen die Austria würde mich kaputtmachen, aber nicht daran hindern, sofort wieder aufzustehen. (Christian Hackl, 4.2.2017)

    Fredy Bickel (51) stammt aus der Schweiz. Er arbeitete in leitenden Funktionen bei Young Boys Bern und FC Zürich, feierte sechs Meistertitel. Im Dezember 2016 wurde er von Rapid zum Geschäftsführer Sport bestellt (bis 2019).

    • Fredy Bickel, Rapids Geschäftsführer Sport, sehnt den 12. Februar, das Wiener Derby herbei: "Eine Niederlage würde mich kaputtmachen."
      foto: apa/georg hochmuth

      Fredy Bickel, Rapids Geschäftsführer Sport, sehnt den 12. Februar, das Wiener Derby herbei: "Eine Niederlage würde mich kaputtmachen."

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