UN-Nothilfekoordinator: "Keiner im Tschadbecken wollte nach Europa"

Interview8. Februar 2017, 10:00
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Toby Lanzer über die Ursachen der vernachlässigten Hungerkrise rund um den Tschadsee und darüber, welche Konsequenzen fehlende Hilfe für Europa hätte

Insgesamt sieben Millionen Menschen kämpfen in der Region rund um den Tschadsee gegen den Hungertod. Brauchten die Vereinten Nationen im Vorjahr noch rund 464 Millionen Euro, um den Menschen im Nordosten Nigerias, dem Norden Kameruns, im Süden des Niger und der Region um den See im Tschad zu helfen, hat sich die Summe für 2017 verdreifacht. Der UN-Nothilfekoordinator für die Sahelzone, Toby Lanzer, kämpft um internationale Aufmerksamkeit für die vernachlässigte Krise und ist zuversichtlich, dass eine Geberkonferenz in Oslo im Februar notwendige Spendengelder einbringt – auch wenn humanitäre Hilfe seiner Meinung nach nicht die Lösung des Problems ist.

STANDARD: Noch in den 1960er-Jahren galt der Tschadsee als reiche Nahrungsquelle der Region. Experten sprachen von Nahrungsmittelexporten aus dem Gebiet. Was ist passiert?

Lanzer: Viele Dinge haben sich verändert. Zum Beispiel das Bevölkerungswachstum. Ich erzähle politischen Führern in Europa immer wieder: Wenn Nigeria heute 185 Millionen Einwohner hat, wird es 2040 400 Millionen Menschen beherbergen. Das Land bräuchte ein jährliches Wirtschaftswachstum von elf Prozent, nur um den momentanen Lebensstandard abzusichern. Wenn man das Bevölkerungswachstum nicht unter Kontrolle bekommt, ist es egal, wie schnell die Wirtschaft wächst, wie viele Arbeitsplätze man schafft, wie viele Klassenzimmer man baut oder wie viele Ärzte man ausbildet.

STANDARD: Sie sprechen von einigen Dingen. Was hat sich noch geändert?

Lanzer: Teile Afrikas wurden vernachlässigt, marginalisiert. Das war auch definitiv der Fall in der Region um den Tschadsee. Hinzu kommt das schlechte Ressourcenmanagement. Das betrifft das Wasser im und um den See, nachhaltige Fischerei. Nicht zu vergessen der Faktor, der durch die industrialisierten Nationen geschaffen wurde: der Klimawandel. All diese Dinge haben dazu beigetragen, dass die Gegend immer ärmer wurde. Das schuf Platz für gewalttätige Extremisten, die die Situation ausnutzen konnten.

Einst war der Tschadsee die Hoffnung einer Region auf Nahrungsmittelüberschuss.

STANDARD: In den vergangenen Jahren war die Krise in der Region eine gewalttätige – etwa durch die Terrorgruppe Boko Haram. Nun wurde sie zu einer Hungerkrise. Wie ist das passiert?

Lanzer: Diese beiden Krisen haben sich nebeneinander entwickelt und sind irgendwann einmal verschmolzen. Die Leute dort sind so arm, ihre Lebensgrundlage ist so zerstört durch den Klimawandel, und dann werden die Menschen auch noch von den Extremisten ausgebeutet. Boko Haram hat es geschafft, diese Situation auszunutzen und große Gebiete und fast die Millionenstadt Maiduguri im Nordosten Nigerias in ihre Gewalt gebracht. Das ist eine sehr giftige Mischung, und im Moment leiden die Leute unter den Konsequenzen. Wir können uns für so viel humanitäre Hilfe einsetzen, wie wir wollen – und das müssen wir auch. Aber wir brauchen auch viel mehr politische Sicherheit, Stabilität und Handel, damit den Leuten eine nachhaltige Zukunft gegeben werden kann.

STANDARD: Welche Auswirkung hat die Krise auf das Leben der Menschen?

Lanzer: Die Krise hat ein furchtbares Gesicht. Ich habe Jahre in Darfur, dem Südsudan und Tschetschenien verbracht und habe noch nie solch menschliches Leid wie rund um den Tschadsee gesehen. Ich hab noch nie zuvor Erwachsene gesehen, die so wenig Energie haben, dass sie nicht mehr gehen können. Und ich habe noch nie zuvor Dörfer gesehen, in denen es keine zwei-, drei- und vierjährigen Kinder gibt, weil diese alle gestorben sind.

Diese Krise ist noch dazu zu einer Zeit gekommen, in der die Welt mit anderen Dingen wie den US-Wahlen, dem Brexit oder anderen Krisen beschäftigt war. Es ist im Moment ein sehr schwieriges Klima, um die Aufmerksamkeit auf eine neue Herausforderung zu lenken, die das Engagement der internationalen Staatengemeinschaft braucht. Denn keine Regierung der Welt – auch nicht in Europa – könnte die Herausforderungen bewältigen, vor denen Kamerun, der Tschad, Niger und Nigeria stehen.

STANDARD: Jahr für Jahr wird die Krise als eine der am meisten vernachlässigten Krisen der Welt bezeichnet. Wie kann eine Region regelmäßig diesen Status erhalten ohne dass sich etwas ändert?

Lanzer: Wir alle sind dafür verantwortlich. Es braucht so viel Aufmerksamkeit wie möglich, aber es ist auch klar, dass die Öffentlichkeit anderer Staaten nur eine begrenzte Aufnahmefähigkeit hat. Es ist schwer, mehr als zwei, drei ausländischen Ereignissen gleichzeitig zu folgen. Das ist aber nur Teil des Problems. Ich habe kürzlich Regierungen von Geberländern geraten, sich nicht auf die Medien zu verlassen. Die Regierungen haben Budgets, um auf Katastrophen zu reagieren. Dabei ist es unsere Aufgabe als politische Entscheidungsträger, die Krisen zu begleiten, die gerade akut sind – egal, ob sie in den Medien sind oder nicht. Nigeria und der Tschadsee hat definitiv eine Priorität für alle.

STANDARD: Hätte es auch Auswirkungen auf Europa, wenn nichts getan wird?

Lanzer: Ich möchte nicht übertreiben, was das Ausmaß oder die Risiken der Krise betrifft. Eine der größten Migrantengruppe in Europa im vergangenen Jahr stammte aus Nigeria. Die meisten Personen fliehen noch im eigenen Land oder in benachbarte Staaten. Wenn wir aber nicht die Wurzel der Krise in der Region bekämpfen, bin ich mir sicher, dass die Menschen mit der Zeit weiter weg flüchten werden. Das darf die europäischen Staaten nicht überraschen.

Die Regierungen sollen in die betroffenen Staaten investieren, um Solidarität mit den Menschen zu zeigen, aber auch aus dem eigennützigen Grund, den Menschen dort zu helfen, wo sie sind und wo sie die Hilfe wollen. Niemand vor Ort hat mich je darum gebeten, ihm nach Europa zu helfen. Alle wollten Hilfe vor Ort, um in ihren Dörfern ein stabiles Leben zurückzubekommen.

STANDARD: Im vergangenen Jahr hat sich die benötigte Summe für humanitäre Hilfe in der Region auf rund 1,4 Milliarden Euro verdreifacht. Wie wahrscheinlich ist es, dieses Geld aufzutreiben?

Lanzer: Je länger wir warten, umso teurer wird es werden. Am 24. Februar gibt es deshalb eine Konferenz in Oslo, die gemeinsam von Deutschland, Nigeria, Norwegen und den Vereinten Nationen organisiert wird. Dazu eingeladen werden wichtige EU-Mitgliedsstaaten, Kanada, die USA und Staaten aus der Golfregion. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Jahr deutlich besser für die Menschen der Region wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine große Hungersnot verhindern und 515.000 Kindern, die kurz vor dem Tod stehen, beim Überleben helfen können.

STANDARD: Sie haben das Bevölkerungswachstum angesprochen: Wie kann man dem entgegentreten?

Lanzer: Es ist ein sehr sensibles Thema, mit dem viele Länder der Welt kämpfen. Ich weiß, dass sich im Dezember Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaft und der christlichen Kirchen in Nigeria getroffen haben, um kulturell sensible Wege zu finden, über das Thema in ihren Gemeinschaften zu reden. Darüber zu sprechen ist ein erster Schritt. Dann müssen Maßnahmen ergriffen werden, um den Frauen zu helfen, die Kontrolle über ihren Körper zu übernehmen und nur so viele Kinder zu bekommen, wie sie wollen. Das wird Zeit brauchen – aber die Regierungen befinden sich gerade auf diesem Weg. (Bianca Blei, 8.2.2017)

Toby Lanzer (51) ist seit Juli 2015 UN-Nothilfekoordinator für die Sahelzone. Der Brite hat die Position noch bis Ende Februar inne. Lanzer wurde vom neuen UN-Generalsekretär António Guterres zum Sondergesandten für den UN-Assistenzeinsatz in Afghanistan ernannt.

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Vernachlässigte Krise – Tschadbecken: Wo der Terror auf den Hunger trifft

  • Binnenflüchtlinge im nigerianischen Bundesstaat Borno. Die Menschen fliehen vor allem vor der Gewalt der Terrorgruppe Boko Haram. Nun fürchten sie eine massive Hungerkrise.
    foto: ocha/eve sabbagh

    Binnenflüchtlinge im nigerianischen Bundesstaat Borno. Die Menschen fliehen vor allem vor der Gewalt der Terrorgruppe Boko Haram. Nun fürchten sie eine massive Hungerkrise.

  • Toby Lanzer ist zuversichtlich, dass 2017 ein besseres Jahr für die Bevölkerung des Tschadbeckens wird.
    foto: un photo / rick bajornas

    Toby Lanzer ist zuversichtlich, dass 2017 ein besseres Jahr für die Bevölkerung des Tschadbeckens wird.

  • Übersicht über die humanitäre Katastrophe im Tschadbecken.
    foto: ocha

    Übersicht über die humanitäre Katastrophe im Tschadbecken.

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