Wie sich die frühe bajuwarische Elite bestatten ließ

5. Februar 2017, 16:50
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Untersuchungen von Toten aus frühmittelalterlichen Steinplattengräbern enthüllen sozialen Status und verwandtschaftliche Beziehungen

München – Wissenschafter haben erstmals menschliche Skelette aus frühmittelalterlichen Steinplattengräbern in Bayern genetisch untersucht. Die Ergebnisse sprechen für die These, dass es sich dabei um Gräber des frühen bajuwarischen Adels handelt. Zudem fanden sich Hinweise darauf, dass die Friedhofstruktur des Frühmittelalters auch verwandtschaftliche Verhältnisse berücksichtigte.

Die Bajuwaren, die seit Mitte des 6. Jahrhunderts große Teile Bayerns bevölkerten, bestatteten ihre Toten im Normalfall einzeln in Erdgräbern auf großen Gräberfeldern – ähnlich heutigen Friedhöfen. Ab Mitte des 7. Jahrhunderts ist jedoch eine besondere Bestattungsform dokumentiert: Meist mehrere Personen wurden in sarkophagähnlichen Bauten, genannten Steinplattengräbern, beigesetzt.

Der aufwändige Grabbau und die zum Teil kostbaren Beigaben deuten auf eine hohe soziale Stellung der Toten hin. Handelt es sich also um die Gräber der Angehörigen einer frühen Adelsschicht? Dieser Frage gehen Forscher des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) und der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München (SAPM) nach.

Familiäre Strukturen

Wie die Archäologen kürzlich im "American Journal of Physical Anthropology" berichteten, konnten sie die genetischen Fingerabdrücke mehrerer rund 1.300 Jahre alter Skelette rekonstruieren. "Wir konnten so zeigen, dass in einem solchen Steinplattengrab oft Verwandte unterschiedlicher Generationen zusammenlagen", sagte Erstautor Andreas Rott. "Doch interessanterweise ließen sich auch zwischen Personen, die in unterschiedlichen Ruhestätten beigesetzt worden waren, verwandtschaftliche Bande nachweisen."

So auch im Fall der Steinplattengräber von Herrsching am Ammersee im oberbayerischen Landkreis Starnberg: Dort fand sich schon früher in einem Grab nur ein einziges Skelett – es stammt von einem 40 bis 60 Jahre alten Mann. Aufgrund der Lage des Grabes und seiner Ausstattung wurde er in der Vergangenheit als Gründer sowohl der sich direkt anschließenden Kirche als auch des ganzen Bestattungsplatzes interpretiert.

Die DNA-Analysen enthüllten nun, dass die Skelette im nächstgelegenen Grab von den Nachfahren des Mannes stammen – mit großer Wahrscheinlichkeit handle es sich um dessen Sohn sowie um Urenkel, so Rott. "Die nachgewiesenen Verwandtschaftsbeziehungen können nun tatsächlich als weiteres Indiz dafür gewertet werden, dass eine frühe bajuwarische Adelsschicht ihre Familienangehörigen in diesen Steinplattengräbern bestattete."

Ungewöhnliche Statusunterschiede

Spannende Ergebnisse brachten aber auch die Untersuchungen des frühmittelalterlichen Gräberfelds in Sindelsdorf im Landkreis Weilheim-Schongau: Dort wurde eine reich ausgestattete, junge Frau ebenfalls allein in einem Steinplattengrab bestattet, während um sie herum nur die typischen Erdgräber zu finden waren. Die genetischen Analysen zeigten, dass in den profanen Gräbern sowohl rechts als auch links der Frau ihre Verwandten, nämlich ihr Vater und ihr Bruder, begraben wurden.

"Wir konnten so zum ersten Mal mit genetischen Methoden zeigen, dass bajuwarische Gräberfelder auch nach verwandtschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut sind ", sagte die Archäologin Michaela Harbeck. Jochen Haberstroh, ebenfalls an der Studie beteiligt, ergänzte: "Durch die Einbeziehung anthropologischer Methoden werden für die archäologische Auswertung neue Fragen aufgeworfen: Denn gerade in Sindelsdorf hat der archäologische Befund die enge Verwandtschaft der drei Bestatteten nicht unbedingt nahegelegt." (red, 4.2.2017)

  • Typisches bajuwarisches Steinplattengrab aus Tuffstein.
    foto: kubiczek/bayerisches landesamt für denkmalpflege

    Typisches bajuwarisches Steinplattengrab aus Tuffstein.

  • Ein Zahn wird zur DNA-Analyse entnommen.
    foto: snsb/sapm

    Ein Zahn wird zur DNA-Analyse entnommen.

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