Maria Theresia: Die Monarchin und ihre Migranten

4. Februar 2017, 17:00
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Sie war eine mächtige Regentin und Schulreformerin, beharrlich und enthusiastisch, nach heutigen Maßstäben ein Workaholic

Schon bald nach dem Ableben ihres Vaters, als Maria Theresia mit dreiundzwanzig in dessen Fußstapfen tritt, sieht sie sich von Feinden umgeben und in (Erbfolge-)Kriege verwickelt. Um ihre Erb- und Kronländer steht es nicht gut. Verluste sind zu beklagen, das Heer ist zerrüttet, die Kassen sind leer. Gestützt auf ihren Beraterstab und den Gatten und Mitregenten Franz Stephan, stürzt sie sich in die Regierungsgeschäfte. Es gilt zu zentralisieren, zu stabilisieren, zu reformieren, nach außen, nach innen, bis hinein in die harten Bandagen der Verwaltungsreform, bis zum Schulwesen, zur Bildung, zur Schulpflicht: Maria Theresias Satz: "Das Schulwesen ist und bleibt ein Politikum", hat die Wirkmächtigkeit eines Vierteljahrtausends, an der sich die Politiker hierzulande noch 2017 die Zähne ausbeißen.

Sie ist wieder schwanger

Also Workaholic, sprich Beharrlichkeit, Energie und ja, Enthusiasmus und Lebenslust. Auch eine delikate Ehe. Dass der die meiste Zeit nur mehr in seiner Kuriositätenkammer steckende Gemahl fremdgehen soll? Es gibt Wichtigeres. Sie ist wieder schwanger, insgesamt sechzehnmal wird sie gebären. Schon im Kindesalter ihrer elf Töchter hält sie nach passenden Partien Ausschau, um sie, den Unwillen der Töchter negierend, zweckdienlich in alle Himmelsrichtungen zu vermählen.

In die Agrarreformen der Kronländer eingebunden war auch der Wunsch, das miserable westungarische Wegenetz auszubauen, auch eine Straße von Ödenburg nach Landsee stand auf dem Plan. Tatsächlich war dann ein Stück der Verbindungsstraße entstanden, und diese war zugleich mit dem damaligen Modetrend, mit Maulbeerbäumchen, geziert worden, als der Plan auch schon wieder ins Stocken kam. Neue kriegerische Projekte sollen es gewesen sein, die die Kassen der zur verehrten und über die habsburgischen Grenzen hinaus respektierten Monarchin Gewordenen bis zum letzten Gulden geleert hatten.

Aus der Straße war ein Weg für Karren und Leiterwägen geworden, ein sandiger Fußweg, der der Buckelkraxenträgerin ins Gesicht staubte oder ihr nach schweren Regengüssen die Schuhe auszog. In dieser Allee, die nun schon ein paar Jahrhunderte im trockenen Sandbett unserer Hutweid ausgeharrt hatte, ging ich in Kindheit und Jugend unentwegt hin und her, fort und zurück, von einer Seite zur nächsten. Das ursprüngliche Baumensemble war noch da, bloß am Alleeende streckten ein paar verdorrte Geschöpfe die Arme aus. Die Bäume waren mir wie ein Buch, ein Buch, das Räume erhellt und Fragen gestellt hat: das Woher und Wohin. Das Fremde. Entfernte.

Die müssen weg da

Die Frage daheim. Ein Buch mit mehr oder weniger spannenden Seiten. Da waren Seiten, die mich besonders anzogen, nicht weil sie an die missglückten einer Monarchin denken ließen, die ein Vierteljahrtausend vor mir das Licht der Welt erblickt hat, sondern weil die Bäume von dorther waren, von wo das Licht herkommt: ex oriente lux! Ein Satz. Ein Spruch. Ein Feuer. Gesang. Ein Gesang, der mich fortzog, fort durch die Allee. An ihr stieß sich der ungestüme Frühlingswind seine Hörner ab, bevor er Staubwolken durchs Dorf schob, sie hielt die pannonisch brütende Hitze ab, sie bot Orientierung, wenn die Flure in dichten Nebelschwaden versanken. Diese duldsamen Exoten hatten zahllose Winter in trockenen Frösten sowie von Schneewechten zugeweht überlebt, hatten Kriege und Umbrüche überstanden und waren trotz ehrwürdigen Alters und monarchischen Backgrounds in den Augen der Bauern Fremde geblieben, Fremdlinge. Migranten.

Da war dieses Wort. Die müssen weg da, Migranten. Was weiß ich, was das heißt, so ein Nachbar, aus dem Weg müssen s', alles Nichtsnutze, stehen bloß herum und verstellen die Aussicht. Man hieb ihnen Äste und Wurzeln ab, auch die nicht im Weg stehenden. Die Migranten nahmen es hin. Mich berauschten sie, sie raunten mir ihre Herkunft zu: Aus dem fernen China stammten sie, lange vor Christi Geburt seien sie schon im Orient sesshaft gewesen, von dort nach hier sei es nicht mehr weit gewesen. Sie beschatteten ein Stück des Erdäpfelackers, der zu bearbeiten war, sie zogen mich in ihre Tiefen, holten mich mit vielstimmigem Vogelgeschrei wieder herauf.

Ich streichelte die zerklüfteten Stämme, ich atmete und umschlang sie. Ihre Laubdächer waren übersät mit blassrosa Beeren, mit weißen und schwarzen, mit winzigen Trauben, die wie nichts schmeckten – leersüß oder süßleer. Ich aß, um ihnen näher zu sein, zog mich in ihre Kronen hinauf, zog mit der Haue Äste herab. Obwohl jedes unreife Kriecherl mit Abstand besser schmeckte, ich aß, obwohl die schwarzen sofort Zunge und Zähne, die Finger sowie den graslosen Sandboden verfärbten.

Dass die Blätter den Seidenraupen und diese der Seidenherstellung dienen konnten, erfuhr ich erst nach Verlassen des Dorfs, nachdem die Bäume, von denen sich etliche, der Behandlung wegen – Maria Theresia, schau oba, in demütiger Schräge befanden, durch den Rauchfang waren. Auch die dünnstämmige Akazie, die sich, süße Blüten regnend, in manches Hauseck drückte, hatte das Los der Hacke ereilt, im Kollektiv geschwungene Krampen hatten das langgezogene Mauerwerk niedergerungen (hier die Pracht der Neubauten zu malen, würde den Text sprengen). Die langen Hosenstrumpfäcker waren zu Großvierecken zusammengeackert worden.

Der Lauf der Dinge

In Mode war auch das Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen, auf welchen sich die Störche Pannoniens nebst fernöstlichem Gefieder gütlich getan. Nicht zu sagen, was in erneuerungswütiger Akkordarbeit alles niedergemacht werden konnte – im stoisch ruhigen Lauf der Dinge, die um nichts als Tratsch dümpelten, ums Abverkaufsfleisch einer vom Wutbauern erschlagenen Sau, um Kriegs- und Hexengeschichten, ums Kinderkriegen, um eheliche Seitensprünge und daraus entsprungene Schandflecke, um Erhängte und scheintot Beerdigte. Diesen Abläufen konnten durch ein paar Jahrmärkte doch gehörige Portionen an Frischluft zugeführt werden, die sich durch die tags darauf stattfindende Wallfahrt zur Schwarzen Madonna mit feierlichem Hochamt gewaltig steigern konnte. Das war schon was, wenn sich langgezogene Prozessionsleiber von hüben und drüben ins deutschsprachige Dorf und ins Kirchenschiff wälzten, dampfend und Flaggen schwenkend,

Pilgerstäbe in Händen, Bittgebete vor sich hin plätschernd, und die Gesänge der Kroaten und Ungarn, die zuvor schon Klee und Kukuruz in Wallung gebracht hatten, verstiegen sich bis in den Glockenturm, verfingen sich in den Strängen und läuteten den Kirtag ein. (Dine Petrik, 4.2.2017)


Dine Petrik geboren im Burgenland, lebt als freie Autorin in Wien. Zuletzt erschien der Roman "Flucht vor der Nacht" und der Lyrikband "Funken Klagen" (beide Verlag der Provinz).

Info

Die Ausstellung "Maria Theresia. Habsburgs mächtigste Frau" läuft vom 17. 2. bis zum 5. 6. 2017 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek (Josefsplatz 1, 1010 Wien).

  • Maria Theresia: Beharrlichkeit, Energie und, ja, Enthusiasmus und Lebenslust. Auch eine delikate Ehe.
    foto: schloss eggenberg graz

    Maria Theresia: Beharrlichkeit, Energie und, ja, Enthusiasmus und Lebenslust. Auch eine delikate Ehe.

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