Daniele Abbado: Spanischer Bruderkrieg des ewigen Hasses

Gespräch3. Februar 2017, 15:00
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Daniele Abbado inszeniert an der Staatsoper Giuseppe Verdis "Il trovatore" mit Anna Netrebko. Premiere ist am Sonntag. Der italienische Regisseur – Sohn von Dirigent Claudio Abbado – über das albtraumhafte Werk und seine Inszenierung

Wien – Erfolgreich und endlich freischaffend, war Giuseppe Verdi Anfang der 1850er-Jahre auf der Suche nach "originellen, einzigartigen und bizarren" Stoffen für seine Opern. Einen Text dieser bizarren Art fand der Komponist in Salvatore Cammaranos Libretto von Il trovatore. Da gibt es zwei Familien aus gegensätzlichen Klassen, die durch tragische Ereignisse in der Vergangenheit miteinander verbunden sind. Und da geschieht Schreckliches: Eine Mutter wirft im Wahn ihr eigenes Kind ins Feuer; zwei Männer, die nicht wissen, dass sie Brüder sind, bekriegen sich, und am Ende bringt der eine den anderen um.

Daniele Abbado inszeniert dieses Schauerdrama an der Wiener Staatsoper, mit Anna Netrebko als Leonora, die von Ludovic Tézier als Conte Luna und Roberto Alagna als Manrico in brüderlicher Feindschaft umworben wird; Luciana D'Intino gibt die Azucena. Was ist für Abbado der zentrale Punkt dieses Werks?

"Das ist der Hass", erklärt der Italiener. "Da gibt es zum einen den Hass zwischen den zwei Brüdern. Sie hassen sich von Anfang an. Aber warum? Sie lieben beide dieselbe Frau, Leonora. Aber da ist noch mehr. Und dann gibt es natürlich noch den Hass von Azucena. Man hat ihre Mutter getötet, sie ist ein posttraumatischer Charakter. Doch viele Sachen, die passiert sind, sind lange her, man kann sie nur ahnen. Für mich ist es wichtig, für das Publikum gleich am Anfang diese dunkle, wirre Atmosphäre spürbar zu machen."

Zeitloses Libretto

Um dem Hass zwischen Luna und Manrico auch eine reale Begründung zu geben, hat Abbado die Handlung des Werkes vom 15. Jahrhundert in die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs verlegt. "Leonora spricht im Libretto von einem Bürgerkrieg", erklärt der 58-Jährige. "Und ich wollte klarmachen, dass da Menschen mit dem gleichen Hintergrund, den gleichen Wurzeln, ja auch aus den gleichen Familien gegeneinander kämpfen – so wie das beim Spanischen Bürgerkrieg war." Zudem sei Cammeranos Libretto zeitlos: Azucena und ihre Gruppe der Roma seien Hass und Verdächtigungen ausgesetzt, nur weil sie anders sind. Das habe sich bis heute nicht geändert.

Daniele Abbado hat schon einige Verdi-Opern in Szene gesetzt, darunter auch den Don Carlo 2012 an der Wiener Staatsoper. Den Trovatore inszeniert er jedoch zum ersten Mal. Und es sei nicht leicht gewesen: "Die Art, wie Verdi diese Oper geschrieben hat, ist gewagt. Es ist die einzige seiner Opern, in der die handelnden Personen nicht über ihre Aktionen reflektieren. Es geht immer vorwärts, immer weiter, wie in einem Albtraum." Deswegen hätte auch die Erarbeitung des Regiekonzepts mehr Zeit gebraucht als üblich. Bühnenbilder wurden geplant und wieder verworfen. Doch schließlich wurden befriedigende Lösungen gefunden.

Offen für Anregungen

Wie laufen eigentlich die Proben bei Abbado ab? Hat er bei der ersten szenischen Probe mit den Solisten schon vorher alle Abläufe der Bewegungen und Positionen im Kopf? Sowohl als auch, verrät er. Am Beginn der Probenzeit würde er die Mitwirkenden mit allen Informationen über das Stück und die Inszenierung versorgen. Und er sei natürlich grundsätzlich offen für Diskussionen und Anregungen von allen Seiten. Die Proben für den Wiener Trovatore seien lediglich aus gesundheitlicher Sicht problembehaftet gewesen: "Alle waren krank, ich auch."

Der Sohn des Dirigenten Claudio Abbado hat vor über 40 Jahren das erste Mal aktiv bei einer Opernproduktion mitgearbeitet: Im Sommer 1976 hat er in Edinburgh bei einem Don Giovanni unter der Leitung von Daniel Barenboim bei der Bühnentechnik mitgeholfen. Seitdem hat ihn die Faszination der Operninszenierungen nicht mehr losgelassen. "Es ist ein verrückter Job", resümiert Abbado, "verrückt, aber auch verantwortungsvoll." Musiker und Sänger seien sowieso alle ein wenig eigen, aber das habe er ja schon bei seiner eigenen Familie mitbekommen.

Die Verantwortung eines Regisseurs sei es, ein Werk nicht oberflächlich zu behandeln. Auch schätzt er es nicht, wenn Kollegen einem Werk ihren Stempel aufdrücken – meist den immergleichen. Abbados Intention ist es, dem Publikum einen Freiraum für die eigene Vorstellungskraft zu lassen. "In der heutigen Zeit wird die Vorstellungskraft der Menschen getötet, durch das Fernsehen und das Internet. Das ist schrecklich." (Stefan Ender, 3.2.2017)

  • Opernregisseur Daniele Abbado gefällt es nicht, wenn Kollegen einem Werk ihren Stempel aufdrücken.
    foto: fotostudio 13

    Opernregisseur Daniele Abbado gefällt es nicht, wenn Kollegen einem Werk ihren Stempel aufdrücken.

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