Flüchtlingskrise: "Das Vorgehen der EU in Libyen ist blind"

Interview4. Februar 2017, 09:00
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Nur mit der Einheitsregierung in Tripolis zu verhandeln sei ein Fehler, sagt der einst in Libyen tätige NGO-Mitarbeiter Emanuele Nannini

Die meisten Flüchtlinge, die nach Europa gelangen, nutzen die zentrale Mittelmeerroute über Libyen. Um diesen Weg zu schließen, will die EU intensiver mit der international anerkannten Einheitsregierung in Tripolis zusammenarbeiten, wie am Freitag bei einem Gipfel auf Malta beschlossen wurde. Allerdings sei das ein "blindes Vorgehen", sagt Emanuele Nannini von der italienischen NGO Emergency im STANDARD-Interview. Der 36-Jährige, der ein Hilfsprojekt in Libyen leitete, findet, dass man dadurch die Flüchtlingsrouten nur verschiebe, weil die Regierung gerade einmal 30 bis 40 Prozent des libyschen Küstengebiets kontrolliere.

STANDARD: Emergency hat sich im August 2016 aus Libyen zurückgezogen. Warum?

Nannini: Wegen genereller Sicherheitsbedenken. Wir haben weiterhin ein gutes Verhältnis zu den libyschen Behörden auf ministerieller Ebene. Doch sie hatten nicht mehr ausreichend Kontrolle über die Sicherheitskräfte vor Ort. Wir waren uns nicht sicher, ob unser Krankenhaus noch ausreichend geschützt ist, also haben wir uns entschlossen, den Einsatz zu beenden.

STANDARD: Gab es zuvor schon Zwischenfälle?

Nannini: Wir als NGO, als internationale Hilfskräfte wurden nie angegriffen. Aber wir mussten Gewaltakte auf Libyer beobachten, die sich im Krankenhaus und auf dem Krankenhausgelände befanden.

STANDARD: Gibt es Überlegungen, wieder nach Libyen zurückzukehren?

Nannini: Wir beobachten die Situation dort, aber in der aktuellen Situation wäre es zu schwierig, wieder in Libyen tätig zu sein.

STANDARD: Was sind die größten Probleme in Libyen?

Nannini: In der Zeit, in der ich dort war, war das größte Problem die Anarchie im Land. Wir haben in verschiedensten Regionen Libyens die Situation geprüft, um einen Standort für mögliche Projekte zu finden, und überall gab es zahlreiche Akteure. Vor allem jene auf lokaler Ebene spielen in Sicherheitsfragen eine wichtige Rolle, und genau hier ist auch die Unberechenbarkeit am größten. Wer heute ein zuverlässiger Partner ist, kann morgen eine Gefahr sein. Außerdem herrscht keine Disziplin hinsichtlich Befehlen von oben. Dass die von den unteren Ebenen auch tatsächlich ausgeführt werden, kommt sehr selten vor. Daran hat sich, soweit ich aus Libyen höre, nichts geändert.

STANDARD: Was haben Sie während Ihrer Zeit in Libyen von den Flüchtlingsbewegungen mitbekommen?

Nannini: Libyen war lange Zeit ein Land, in dem man ankommt, und nicht eines, von wo man ablegt. Mit dem Krieg hat sich das geändert, das hat man schon gemerkt. Wir sind auch in Sizilien tätig und kümmern uns um die angekommenen Flüchtlinge. Meine Kollegen dort hören immer wieder, wie die Menschen in Libyen eingesperrt und gefoltert wurden.

STANDARD: Von wo legen die meisten Flüchtlinge ab?

Nannini: Meist im westlichen Küstenbereich nahe Tripolis, vor allem von den Städten Zuwara und Sabratha. Hier war die Lage in den vergangenen Jahren sehr instabil, das haben die Schlepper ausgenutzt und ihr Geschäft aufgebaut.

STANDARD: Was halten Sie angesichts Ihrer Erfahrungen von den Plänen der EU, mit der Einheitsregierung zu kooperieren, um die Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa zu stoppen?

Nannini: Man sollte es auf alle Fälle probieren. Es ist aber wichtig, mit allen wichtigen Akteuren in Libyen zu reden und nicht nur mit einem. Das ist natürlich eine riesige Herausforderung, aber anders wird es nicht zu einer nachhaltigen Lösung kommen. Allein mit der international anerkannten Regierung zu reden, die gerade einmal 30 bis 40 Prozent des libyschen Küstengebiets kontrolliert, ist ein blindes Vorgehen. Fängt man an, in diesem Bereich strenger zu patrouillieren, kommen die Flüchtlinge am nächsten Tag einfach von der anderen Seite. (Kim Son Hoang, 4.2.2017)

foto: privat
Emanuele Nannini (36) war für die italienische NGO Emergency bereits in Afghanistan, dem Irak und dem Sudan tätig. Von Oktober 2015 bis August 2016 leitete er das Projekt in Libyen, ein Krankenhaus in der kleinen Ortschaft Gernada im Osten des Landes.

Die Hilfsorganisation Emergency wurde 1994 von dem italienischen Chirurgen Gino Strada gegründet, um vor allem Kriegsopfer medizinisch zu versorgen. Die NGO wurde dafür unter anderem mit dem Right Livelihood Award, dem alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet. Finanziert werden die Tätigkeiten vorwiegend durch Spenden.

Nachlese: Libyen: An der etwas anderen Kriegsfront

  • Angehörige der deutschen und der finnischen Marine retten im Rahmen der EU-Militärmission Sophia Flüchtlinge vor der libyschen Küste. Die EU will die Route über Libyen nun schließen.
    foto: ap/matthias schrader

    Angehörige der deutschen und der finnischen Marine retten im Rahmen der EU-Militärmission Sophia Flüchtlinge vor der libyschen Küste. Die EU will die Route über Libyen nun schließen.

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