Julia Fischer und Milana Chernyavska: Die kontrollierte Ekstase

2. Februar 2017, 16:36
1 Posting

Kammermusikabend im Musikverein

Wien – Wie gelassen sie die Bühne des Großen Musikvereinssaals betritt, wie freundlich, entspannt und gleichzeitig konzentriert sie der gespannten Erwartung der eineinhalbtausend Augen- und Ohrenpaare begegnet. Am Mittwochabend gibt Julia Fischer zusammen mit ihrer Kammermusikpartnerin Milana Chernyavska einen Duoabend im Großen Musikvereinssaal, sie spielen Werke von Ludwig van Beethoven, Edvard Grieg, Eugène Ysaÿe und Karol Szymanowski.

Vom ersten Bogenstrich bis zum letzten ist alles da: technische Perfektion und die Genauigkeit der Stimmungszeichnung, Abwechslungsreichtum und ein wundervoller Geigenton. Obwohl bezüglich Letzterem der Singular unzutreffend erscheint: Die Deutsche bietet eine facettenreiche Palette an Tonfärbungen an, die an die Stimmfächer der Sänger erinnern und nahtlos-elegant ineinander übergehen.

Kraft, aber immer auch Grazie

Ihre satte, sinnlich-breite, kraftvolle tiefe Lage lässt an einen durchsetzungsfähigen Alt denken, ihre schlanke, helle, reine hohe Lage an einen edlen Sopran. Julia Fischer ist eine Künstlerin, die offensichtlich die Offensive, das Zupackende liebt, sie verbindet Kraft aber immer auch mit Grazie, wie etwa im ersten Satz von Beethovens A-Dur-Sonate op. 30/1. Auch beginnt die 33-Jährige einen längeren Ton gern druckvoll und voluminös und verschlankt ihn am Ende zu einem lichten, zarten Hauch.

Zum einen präsentiert sie sich als Solistin durch und durch: Man denke nur an ihren energischen ersten Auftritt in der langsamen Einleitung der Grieg-Sonate op. 13 oder an ihre souveräne Interpretation der e-Moll-Solosonate op. 27/4 von Eugène Ysaÿe. Zum anderen ist sie eine der aufmerksamsten Kammermusikpartnerinnen überhaupt: Da ist die vollkommene Übereinstimmung im Zusammenspiel mit der virtuosen Pianistin Milana Chernyavska – sogar die Verbeugungen gelingen komplett synchron.

Kontrollierte Strenge

Das Einzige, was man bei ihrem wundervoll perfekten Soloabend ein wenig vermisst, ist eine strahlende Außenwirkung, die sich nicht nur auf den Ton beschränkt, sondern auch die Person miteinschließt. Beim Finale des Kopfsatzes der Grieg-Sonate etwa hätte man sich mehr ansteckende Euphorie gewünscht; Fischer bleibt da in einer kontrollierten Strenge gefangen. Mitunter ist ihr auch in den ekstatischsten Passagen die Ausstrahlung einer Eiskunstlaufweltmeisterin zu eigen, die souverän ihre vierfachen Toeloops und dreifachen Rittberger absolviert.

Große Oper und ein raumgreifendes Tableau der extremen Emotionen bieten Fischer und Chernyavska beim letzten Werk des Programms, Karol Szymanowskis früher d-Moll Sonate op. 9 – speziell in deren Kopfsatz. Unfassbar zart und elegant gelingt ihr der Dominantseptaufgang vor dem Ende des langsamen Satzes.

Mit zwei virtuosen Zugaben – Szymanowskis stimmungsvoller Bearbeitung von Paganinis 24. Caprice und einem Andante von Ysaÿe – bedanken sich Julia Fischer und Milana Chernyavska für die Euphorie des Musikverein-Publikums. (end, 2.2.2017)

  • Liebt das Zupackende:Stargeigerin Julia Fischer.
    foto: felix broede

    Liebt das Zupackende:Stargeigerin Julia Fischer.

  • Virtuose Pianistin:Milana Chernyavska.
    foto: art productions

    Virtuose Pianistin:Milana Chernyavska.

    Share if you care.