J. L. Carr: Die Kunst, die Liebe, das Dorf

    3. Februar 2017, 12:36
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    Elegisches aus England: J. L. Carrs Erzählung "Ein Monat auf dem Land"

    Wien – Schon der Titel der 1980 erschienenen englischen Originalausgabe A Month in the Country stimmte nicht. Denn der Restaurator Tom Birkin verbringt im Jahr 1920 nicht einen Monat auf dem Land, im Dorf Oxgodby in Yorkshire, um ein Kirchenfresko wieder freizulegen. Es ist vielmehr ein ganzer Sommer. Ein heilsamer, melancholischer Sommer.

    Birkin erzählt von diesem Aufenthalt rückblickend aus einem Abstand von 50 Jahren. Damals ist er, aus London kommend, unübersehbar kriegstraumatisiert, eine Gesichtshälfte bricht unkontrollierbar immer wieder in wilde Zuckungen aus. Zudem hat ihn seine Frau verlassen. Das Leben in den abgelegenen Yorkshire Dales bringt ihn zur Ruhe.

    Dazu kommt das Erfolgserlebnis, mit seinem ersten selbstständigen Auftrag, der auf die exzentrische Testamentsbitte einer verstorbenen reichen Gönnerin der Gemeinde zurückgeht, eine künstlerische Arbeit von Rang Stück für Stück wiederzufinden. Und sich dazu. Und mit Alice Keach eine Pfarrersfrau lieben zu lernen. Doch diese Liebe verliert er kurz vor seiner Abreise durch Passivität – bzw. kapselt er seine Gefühle die nächsten 50 Jahre als unberührbares Sanktuarium in sich ein.

    Lange Arbeit als Lehrer

    Der Engländer Joseph Lloyd Carr (1912-1994) arbeitete lange als Lehrer, bis er 1967 seine Stelle als Volksschuldirektor zugunsten des Schreibens aufgab. In seinem Haus in Kettering, Northamptonshire, betrieb er auch einen kleinen Verlag für Taschenbücher und Karten, die Quince Tree Press, zu Deutsch: Quittenbaumpresse (ein Quittenbaum stand vor seinem Arbeitszimmer), den heute noch immer sein Sohn betreibt.

    Obschon seine Bücher immer erfolgreicher wurden – jüngst legte Penguin A Month in the Country als "Modern Classics" neu auf -, erfolgt seine Entdeckung hier schändlicherweise erst jetzt.

    Halbe Weltreise

    Man taucht mit Carr ein in eine jahreszeitlich geprägte spätviktorianische Welt. 1920 hat viel mehr mit 1860 zu tun als mit 1960. Ausfahrten werden unternommen mit Pferdewagen. Das Unterfangen, in der nächstgrößeren Stadt eine neue Orgel zu kaufen, bedeutet eine halbe Weltreise. Wohnungsausstattungen von wuchtiger Schwere schildert J. L. Carr mit derselben sanft ironischen Prägnanz wie die teils pittoresken Figuren. Doch an keiner Stelle wird er sentimental.

    Jegliches Denunzieren, ob nun ländlicher Ausweglosigkeiten oder Außenseiterexistenzen wie des homosexuellen Archäologen, der beauftragt ist, auf dem Friedhof ein Grab ausfindig zu machen, sich stattdessen aber der Ausgrabung einer sächsischen Kapelle widmet, ist Carr fremd. Eine elegische Wehmut durchzieht diese knappe, intensive, ruhige, autobiografisch geprägte Prosa. (Alexander Kluy, 3.2.2017)

    • J. L. Carr, "Ein Monat auf dem Land". Aus d. Englischen v. Monika Köpfer. € 18,50 / 160 S. DuMont-Buchverlag, Köln 2016
      foto: dumont

      J. L. Carr, "Ein Monat auf dem Land". Aus d. Englischen v. Monika Köpfer. € 18,50 / 160 S. DuMont-Buchverlag, Köln 2016

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