"Conan Exiles" angespielt: Barbarische Kämpfe, Penisphysik und Technikstottern

5. Februar 2017, 11:00
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Das Sandbox-MMO "Conan Exiles" ist seit kurzem im Early Access spielbar – und noch eine ziemliche Baustelle

Early Access ist ein zweischneidiges Schwert. In den besten Fällen erlaubt der Vorabkauf unfertiger Spiele der neugierigen Spielerschaft schon zu einem frühen Zeitpunkt den Besuch neuer Spielewelten; in den schlimmsten Fällen irren hoffnungsfrohe Spielerinnen und Spieler als bezahlende Betatester auf ewig in niemals fertiggestellten Spielruinen herum, die nur einen Bruchteil von dem halten, was versprochen wurde.

Nun wagt sich auch der norwegische MMO-Spezialist Funcom ("Anarchy Online", "The Secret World", "Age of Conan") mit seinem jüngsten Projekt im halbfertigen Zustand auf die Bühne. "Conan Exiles" ist allerdings kein "klassisches" MMO, sondern eine Multiplayer-Survival-Sandbox im Stil von "Rust", "ARK" oder "DayZ", mit dem vor vier Jahren der Aufstieg des Genres zum Multiplayer-Phänomen begann, das Millionen begeistert – und bekanntlich trotzdem gravierende Probleme hat.

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Trailer zu "Conan Exiles"

Grausame Fantasy-Welt

Mit "Conan Exiles" will Funcom am Trend mitnaschen und wirft das gewichtige "Conan"-Franchise in die Waagschale. Die Welt des blutrünstigen Barbaren, bekannt durch die berühmten klassischen Low-Fantasy-Romane von Robert E. Howard und die Verfilmungen mit Arnold Schwarzenegger in der Titelrolle, ist ein spannender Hintergrund für ein Spiel, in dem es laut Hersteller ums nackte Überleben in einer brutalen, feindlichen Welt geht. Der GameStandard hat sich für ein paar erste Stunden das Abenteuer angesehen.

Spielerisch bleibt man zumindest zu Beginn der Genreformel treu: Allein und ohne Waffen in einer Einöde ausgesetzt, müssen sich Spielerinnen und Spieler sämtliche Gegenstände, Kleidung, Waffen und Behausungen durch mühsames Sammeln von Rohstoffen und die Jagd auf Tiere selbst erarbeiten. Von einfachen Werkzeugen und wackeligen Hütten reicht das Crafting bis hin zu schweren Rüstungen und aufwendigen Bauten, die am besten gemeinsam errichtet, verteidigt und gewartet werden.

Zu Beginn stellt sich die Wahl der Spielmodi: Ob man im klassischen PvP-Modus menschliche Mitspieler töten kann, im "PvP Blitz" genannten Actionmodus gleich mit minimalem Sammeln und Crafting zum Kampf übergeht oder im PvE-Modus eher gemeinsam mit anderen Menschen überleben und konstruieren will, bleibt einem selbst überlassen. So oder so fließt reichlich Blut, denn auch NPCs, Wildtiere und Monster sorgen auch schon am Anfang für einige Kämpfe. Dass auch das Fleisch menschlicher Widersacher im Kampf ums Überleben gegessen werden kann, ist ein erster Hinweis darauf, dass sich "Conan Exiles" plakative Erbarmungslosigkeit für ein "erwachsenes" Publikum auf die Fahnen geschrieben hat.

Flatternde Penisse

Diesem Anspruch will man auch durch mehr oder weniger optionale Nacktheit gerecht werden: Wie in "Rust" starten sowohl männliche als auch weibliche Charaktere je nach Server-Einstellung nackt ins Spiel, im Unterschied zu "Rust" lassen sich allerdings bei der Charaktererstellung unzählige Detaileinstellungen vornehmen. Neben den üblichen Aussehensparametern darf man in "Exiles" aber auch an Oberweite und Penislänge schrauben – was zur Folge hat, dass das Spiel im Moment noch von mit Pornofantasiemaßen ausgestatteten Männern und Frauen bevölkert ist, deren durch die Physik-Engine animierte primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale mehr oder weniger malerisch im Wind flattern.

Abgesehen von der in dieser Hinsicht erstaunlichen Detailpracht sorgt "Exiles" im Moment grafisch noch nicht unbedingt für Begeisterung: Die in der "Unreal 4"-Engine gestaltete Welt ist zwar als raues Wüstenidyll samt Oase hin und wieder atmosphärisch beeindruckend, sorgt aber angesichts fehlender Animationen und vor allem wegen regelmäßiger Technikstotterer, Einfrieren und starkem Lag eher für Ärger – beim Launch erwartbar, allerdings dennoch stark störend.

Grinding, Crafting & Repeat

Zumindest die ersten Spielstunden sind der nicht trivialen Aufgabe gewidmet, sich mit den allernötigsten Werkzeugen und Waffen auszustatten, und auch hier ist das vorgegebene Balancing noch optimierbar. Dank teils absurd hoher Rohstoffforderungen einzelner Crafting-Rezepte gestaltet sich der Einstieg momentan als regelrechter Grinding-Marathon, bei dem kaum spielerische Abwechslung wartet – von Angriffen zum Teil höchst aggressiver und tödlicher Tiere abgesehen, die sich ärgerlicherweise auch hartnäckige Verfolgungsjagden über mehrere Minuten liefern. Dank abgemildertem Permadeath (Respawn mit allen XP, aber ohne Gegenstände) bedeutet das vor allem für Einsteiger zu Beginn recht monotones wiederholtes Sammeln von Steinen, Ästen, Holz und anderen Rohstoffen, bis sich interessantere Herausforderungen stellen.

Die gute Nachricht ist, dass sich spielmechanische Details wie Erfahrungspunkte-Progression, Materialausbeute beim Ernten und zahlreiche andere Einstellungen beim Erstellen eines eigenen Servers (für bis zu 100 Spieler) bequem anpassen lassen – der Selbstverwirklichung steht also auch jetzt schon nichts im Weg.

Halbfertige Urzeit

Ob "Conan Exiles" seine Versprechen von riesigen, von Spielern erbauten Städten, unterwerfbaren NPC-Stämmen und einer "lebenden" Fantasy-Welt bis zum finalen Release, irgendwann in einem Jahr, tatsächlich einhalten kann, lässt sich momentan noch nicht sagen; dank seines erst unmittelbar erfolgten Starts ist seine Spielerschaft momentan noch mit den ersten, wackeligen Schritten in diese ungewisse Zukunft beschäftigt.

Im Vergleich zu anderen, zugegeben teils seit Jahren im Early Access weiterentwickelten Konkurrenzspielen zeigt sich das Bild einer momentan noch sehr unbefriedigenden Baustelle mit gröberen technischen, inhaltlichen und spielerischen Problemen, aber unbestritten großem Potenzial. Sowohl die riesige Fantasywelt als auch die geplante spielerische Interaktion sowohl mit NPCs als auch von Spielern untereinander in Clans verspricht durchaus frischen Wind im Genre – allerdings muss man sich momentan mit diesen Versprechen begnügen.

Hierin liegt ein grundlegendes Dilemma aller Early-Access-Multiplayer-Sandkisten: Ob und wie schnell die versprochenen Inhalte tatsächlich im Spiel sind, hängt direkt davon ab, wie viele Spielerinnen und Spieler den Entwicklern glauben und dies durch Kauf schon im unfertigen Zustand zum Ausdruck bringen. Das norwegische Studio hat durchaus Erfahrung – umso überraschender ist der Zustand, in dem sich "Exiles" beim Start in den Early Access befindet.

Es muss nicht extra erwähnt werden, dass sich einige der hier angemerkten Kritikpunkte unter Umständen schon sehr bald in Wohlgefallen auflösen könnten – zum Start eines kostenpflichtigen Spiels sind sie allerdings vor allem für einen renommierten Entwickler bemerkenswert. Wer als Pionier unter den Ersten sein will, die sich diese große, neue Welt zu eigen machen, kann sich schon jetzt in eine Sandbox stürzen, die irgendwann vielleicht den großen Konkurrenten, vor allem "Rust" und "ARK", tatsächlich Paroli bieten kann. Der Weg vom jetzigen Zustand bis an dieses Ziel ist allerdings noch lang. (Rainer Sigl, 5.2.2017)

"Conan Exiles" ist als Early-Access-Spiel für Windows-PC erschienen. UVP: 29,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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