Mordprozess: Messerstiche gegen den "Hurensohn"

2. Februar 2017, 17:33
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Ein 46-Jähriger soll einen Mitbewohner fast erstochen haben. Warum, bleibt eher unklar. Er sagt, aus Angst vor einer Vergewaltigung

Wien – "Stirb, du Hurensohn!", soll Hicham M. geschrien haben, als er mit einem Klappmesser auf den im Bett liegenden Mohamad A. einstach. In den Oberbauch, so fest, dass sogar eine Rippe brach, und in den Oberschenkel. Das Opfer überlebte schwer verletzt, M. muss sich nun vor dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Thomas Kreuter wegen Mordversuchs verantworten.

Kreuter ist anzusehen, dass er von dem Marokkaner, beziehungsweise dessen Aussagen, etwas genervt ist. Denn immer wieder muss der Vorsitzende die Fragen dreimal stellen, ehe er eine halbwegs passende Antwort erhält. Gelegentlich nimmt Kreuter daher seine Brille ab, massiert sich mit geschlossenen Augen die Nasenwurzel und stellt resignierend fest: "Gut. Was du nicht erfahren kannst, kannst du nicht erfahren."

Suche nach Motiv

Es geht vor allem um ein mögliches Motiv für die Attacke des Unbescholtenen am 18. September. Dass er die Stiche gesetzt hat, gibt der 46-Jährige unumwunden zu. Für das Warum gibt es zwei mögliche Erklärungen.

Einmal die Tatsache, dass sich der Angeklagte, als er im Herbst 2015 als Asylwerber nach Österreich gekommen ist, als Syrer ausgegeben hat. Seine sechs Mitbewohner in einer Flüchtlingsunterkunft hätten aber aufgrund des Dialekts bemerkt, dass das nicht stimmen könne. Die Staatsanwältin vermutet daher aufgrund der Aussagen der Mitbewohner, dass M. fürchtete, verraten zu werden.

Er erzählt eine andere Geschichte, das aber ziemlich verwirrend. Es geht darum, dass er nicht in der Wohngemeinschaft bleiben wollte. "Ich hatte das Gefühl, dass die anderen mich vergewaltigen wollten", sagt er. Er suchte am 17. September bei einem Freund Unterschlupf. Dort soll er betäubt und tatsächlich vergewaltigt worden sein.

Keine Spuren von Vergewaltigung

Er ging ins Krankenhaus und klagte über Schmerzen im Analbereich. Fremde DNA-Spuren wurden aber nicht gefunden, offenbar auch sonst keine klaren Spuren eines Übergriffs. Bei der Polizei verweigerte er am Nachmittag des 18. die Aussage, ging dann ziellos durch die Stadt, ehe er in der Nacht zurück in seine ursprüngliche Unterkunft kam.

Das Messer sei an der Wand gehangen, er habe das Opfer dann damit gestochen. "Aber warum haben Sie das gemacht?", interessiert Kreuter. "Ich war psychisch sehr belastet und hatte den Eindruck, dass er daran schuld ist", sagt der Angeklagte. "Aber was hat der gemacht?" – "Ich hatte das Gefühl, dass mich die Mitbewohner vergewaltigen wollten."

Sie hätten nämlich behauptet, dass M. homosexuell sei und bereit, Geld für Sex zu bezahlen. "Das ist total unwahr", beteuert er. "Ja, aber das heißt ja nicht, dass die Ihnen Böses wollen", antwortet der Vorsitzende.

Paranoide Elemente

Die Angst vor einer Vergewaltigung scheint bei M. tief zu sitzen. Er soll auch in der Untersuchungshaft zwei Männer tätlich angegriffen haben, da er dachte, sie wollten ihm etwas antun. Die psychiatrische Sachverständige Sigrun Roßmanith hat tatsächlich paranoide Elemente in seiner Psyche entdeckt, zurechnungsfähig sei er bei der Tat aber gewesen.

Das rechtskräftige Urteil: 13 Jahre Haft. (Michael Möseneder, 2.2.2017)

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