Syscom-Deal: Raiffeisen-Manager suchten "Loch im Boden"

2. Februar 2017, 07:36
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Das Handelsgericht verhandelt den Verkauf der IT-Gesellschaft Syscom. Vor dem Vertragsabschluss lagen die Nerven blank

Wien – Der Streit um den Verkauf der raiffeiseneigenen IT-Gesellschaft Syscom an die Spot AG (heute: GmbH) ist am Dienstag in die nächste Runde gegangen. Am Handelsgericht Wien fand eine Tagsatzung statt, die ganz im Zeichen des Gerichtsgutachters stand, des Wiener Wirtschaftsprüfers Werner Festa von Interfides.

Die Vorgeschichte: 2007 hat Spot der Raiffeisen Informatik BeteiligungsgmbH (RIB) die Syscom um einen symbolischen Euro abgekauft. Die Bilanz 2006 wurde von der KPMG mit uneingeschränktem Bestätigungsvermerk versehen. Unter anderem berief sich der Prüfer auf eine Patronatserklärung der RIB, wonach sie das negative Syscom-Eigenkapital (1,6 Mio. Euro) sowie allfällige Verluste 2007 und 2008 abdecken werde. Die Patronatserklärung sollte maximal zwei Jahren gelten und bei einem Eigentümerwechsel erlöschen. Die Sache endete böse: Syscom landete 2009 im Konkurs und nach einem Zwangsausgleich bei einem Investor.

Spot (bzw. Eigentümer Thomas Scheiner) fühlt sich über den Tisch gezogen und hat RIB und KPMG auf 2,1 Mio. Euro geklagt.

Beim jüngsten Gerichtstermin ging es zunächst um eine etwaige Befangenheit von Gutachter Festa – was dieser unter Hinweis auf einen STANDARD-Bericht thematisierte. Seine Interfides ist nämlich bei der Fusion RZB-Raiffeisen Bank International Verschmelzungs- und Sacheinlagenprüfer. Festa und die Streitparteien kamen, flapsig gesagt, zum Schluss, dass sich dieses Mandat mit jenem rund um Syscom nicht schneidet.

Schwierige Berechnung

Hier soll Festa eruieren, wie viel die Syscom (bzw. der in die Spot eingebrachte Geschäftsanteil) bei der Vertragsunterschrift im August 2007 wert war. Das zu errechnen könnte allerdings dauern, denn derzeit ist man laut Richterin "mit Unterlagen etwas dürftig ausgestattet".

Eine Unterlage kam am Dienstag dazu. Der Klägeranwalt legte ein Privatgutachten von Wirtschaftsprüfer Gerhard Altenberger vor. Der meint, dass Syscom schon Ende 2006 und Mitte 2007 insolvenzreif gewesen sei; die KPMG hätte keine uneingeschränkten Bestätigungsvermerke erteilen dürfen. KPMG kann das "in keiner Weise nachvollziehen" und verweist darauf, dass auch "die folgenden Jahresabschlüsse 2007/2008 von einer vom Käufer bestellten Wirtschaftsprüfungskanzlei uneingeschränkt testiert wurden".

Aus E-Mails erschließt sich jedenfalls, wie angespannt die Lage in der Syscom vor dem Verkauf war. In Juni 2007 nannte der damalige RIB-Chef die Zahlen "katastrophal!", der Umsatz betrage "nur 40 % dessen, was wir machen wollten/müssten". Drei Wochen vor Vertragsunterzeichnung lagen die Nerven blank. Statt erwarteten 115.000 Euro "verlieren wir im Juni ... zwischen 0,7 und 0,9 Millionen Euro!!!", schrieb der Raiffeisen-Mann, und fragte: "Wie ist das möglich? Wo ist das Loch im Boden? ... Dieses Ergebnis gefährdet den Verkauf massiv!"

Zustande gekommen ist er dann doch. Im Frühling wird weiterverhandelt. (Renate Graber, 2.2.2017)

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