Indien: Was Investitionen jenseits des Ganges attraktiv macht

5. Februar 2017, 12:00
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Trotz der umstrittenen Bargeldreform verzeichnet Indiens Wirtschaft hohes Wachstum, was auch die Aktienmärkte unterstützt

Wien – Fast vier Jahrzehnte lang waren indische Aktienhändler ihren Geschäften im heutigen Mumbai unter freiem Himmel nachgegangen, Schutz und Schatten spendeten bloß einige Feigenbäume. Im Juli 1875 erfolgte dann mit der Übersiedelung in ein Gebäude der Dalal Street der offizielle Startschuss für Asiens älteste Börse. Nun steht die BSE, ehemals Bombay Stock Exchange, der nach Marktkapitalisierung zehntgrößte Aktienmarkt der Welt, selbst unmittelbar vor dem Börsendebüt. Am Freitag soll die Erstnotiz der BSE-Aktien erfolgen.

"Seit zehn Jahren versuchen wir, die BSE an der Börse notieren zu lassen", sagt ihr Chef Ashish Chauhan über das zähe Ringen mit Indiens Finanzaufsicht Sebi, die erst im Lauf der Zeit ihre Regularien gelockert hat. Aber nun stehen die Chancen für einen geglückten Einstand auf dem glatten Börsenparkett für die insgesamt rund 87 Milliarden Rupien (1,2 Mrd. Euro) schwere Emission gut. Die Nachfrage nach den Aktien des Börsenbetreibers war vergangene Woche während der Zeichnungsfrist gewaltig. Für jede der 10,8 Millionen angebotenen Aktien sind 51 Kaufaufträge eingegangen.

Günstige Aussichten

Denn die Aussichten für die indische Wirtschaft werden grundsätzlich als günstig angesehen, sobald die dämpfenden Auswirkungen der umstrittenen Bargeldreform ausgestanden sind, mit denen die rechtskonservative Regierung unter Premier Narendra Modi die Schwarzgeldwirtschaft eindämmen will. Nach "einigen kurzfristigen Turbulenzen" sollten laut Avinash Vazirani vom Fondsanbieter Jupiter die positiven Faktoren greifen. Dazu zählt der Fondsmanager vor allem die Einführung einer nationalen Steuer auf Güter und Dienstleistungen: "Indien wird aus dieser bahnbrechenden Reform voraussichtlich erheblichen und weitreichenden Nutzen ziehen."

Aber auch andere Maßnahmen wie die Eröffnung 270 Millionen neuer Bankkonten durch die Regierung im bargeldlastigen Indien stimmen Vazirani zuversichtlich. Er erwartet ein Szenario, in dem auf kurzfristige Nachteile langfristige Vorteile folgen: "Unsere langfristige Prognose für die Binnenwirtschaft und den Aktienmarkt in Indien ist jedenfalls nach wie vor sehr positiv."

Motor auf Hochtouren

Dabei läuft Indiens Wirtschaftsmotor bereits auf Hochtouren. Im noch bis März laufenden Budgetjahr 2016/17 rechnet die Regierung mit 7,1 Prozent Wachstum nach 7,6 Prozent in der Vorperiode. Damit hat die siebentgrößte Volkswirtschaft der Erde China konjunkturell überholt. Das Reich der Mitte wuchs im Vorjahr bloß um 6,7 Prozent.

Trotz der robusten Konjunktur hat der 30 Unternehmen umfassende Sensex, Indiens wichtigster Aktienindex, im Vorjahr nur um knapp zwei Prozent zugelegt. Die Wahl Donald Trumpe zum US-Präsidenten sowie Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank Fed, die traditionell für Kapitalabflüsse aus Schwellenländern sorgen, hatten das Kursbarometer im Herbst belastet. Im Jänner haben sich die Geldflüsse jedoch wieder umgekehrt, was dem Sensex seit Jahresbeginn zu einem fünfprozentigen Kursplus verhalf.

"Die Rückkehr ausländischer Investoren hat die Märkte angefeuert, während auch lokale Fonds weiterhin gekauft haben", zitiert "Bloomberg" Vizepräsident Hemen Kapadia vom im Mumbai ansässigen Brokerhaus KR Choksey Shares & Securities. Dieser Trend wird sich seiner Ansicht nach noch einige Zeit fortsetzen.

Marktanteile gewinnen

Die ansprechende Entwicklung von Wirtschaft und Börse kommt natürlich auch der BSE zugute. In den vergangenen fünf Jahren ist der Umsatz um durchschnittlich sechs Prozent gewachsen, und der Gewinn hat um jährlich vier Prozent zugelegt. "Wir müssen noch bei einigen Produkten den Marktanteil erhöhen", räumt jedoch Börsenchef Chauhan ein.

Denn mit der ebenfalls in Mumbai ansässigen National Stock Exchange (NSE) hat die älteste Börse Asiens eine mächtige Mitbewerberin im eigenen Land, die mit den BSE-Aktien Zuwachs erhalten wird. Laut den Regularien der indischen Aufsicht Sebi darf ein Börsenbetreiber nämlich nicht auf dem eigenen Kurszettel aufscheinen. Allerdings hat auch die NSE Ende des Vorjahrs ein Listing beantragt. Dieser auf 100 Milliarden Rupien geschätzte Börsengang soll im weiteren Jahresverlauf erfolgen – und wird voraussichtlich an der BSE über die Bühne gehen. (Alexander Hahn, 5.2.2017)

  • Im 19. Jahrhundert ermittelten indische Aktienhändler die Kurse der Unternehmensbeteiligungen noch unter Feigenbäumen.
    foto: picturedesk

    Im 19. Jahrhundert ermittelten indische Aktienhändler die Kurse der Unternehmensbeteiligungen noch unter Feigenbäumen.

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