Offen erinnert bis verbissen verdrängt: Die NS-Zeit im Familiengedächtnis

4. Februar 2017, 14:23
11 Postings

"Drei Generationen – Shoah und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis" von Martha Keil und Philipp Mettauer

Wien – Nationalsozialismus und Holocaust bleiben als das ultimative Verbrechen im Menschheitsgedächtnis verankert. Opfer, Täter und Ermöglicher sowie deren Nachkommen in bereits dritter Generation tragen das Geschehene in unterschiedlichster Form in sich, hieß es diese Woche bei der Präsentation eines Buches des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs.

"Drei Generationen – Shoah und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis", heißt der Titel des von der Leiterin des Instituts, Martha Keil, und von Mitarbeiter und Zeithistoriker Philipp Mettauer herausgegebenen Buchs. Es handelt sich um den Tagungsband der Sommerakademie der Forschungseinrichtung im Sommer 2013 zu diesem Thema.

Das "Familiengedächtnis"

Familiengedächtnis mit mehr oder minder offen erinnerten bis zu verbissen verdrängten Inhalten an die Zeit der nationalsozialistischen Verbrechen und den Zweiten Weltkrieg findet sich weltweit und praktisch überall – bei den Opfern genauso wie bei den Tätern mit einem weiten Spektrum an Erscheinungsformen.

Mettauer hat seine Erfahrungen mit dem "Familiengedächtnis" so beschrieben: "Ich bin 1976 geboren. Als ich das erste Mal ein Hakenkreuz sah, war ich vier Jahre alt. Es befand sich auf einer hölzernen Zigarrenkiste mit handgeschnitztem 'Luftwaffenadler' und der Aufschrift 'Briansk 1943'. Dieses Kistchen, in dem sich Romme-Spielkarten befanden, stand offen auf dem Schreibtisch meines Großvaters." Familiengeheimnis blieb, welche Rolle der Großvater als "Chef einer Flak-Batterie und möglicherweise bei der 'Partisanenbekämpfung'" ausgeübt hatte.

Die "Ermöglicher"

Der in Dachau arbeitende Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen hat Menschen und ganze Familien aller Seiten betreut. Bei der Buchpräsentation im Sigmund Freud Museum in der Berggasse in Wien-Alsergrund pochte er bei allem professionellen Verständnis für die unterschiedlichsten Erscheinungsformen im Umgang mit der Vergangenheit auf Klarheit: "Täter haben sich oft als Opfer dargestellt. Das ist eine Verzerrung von Wirklichkeit."

Das oft geäußerte "Wir haben ja auch gelitten" sei mit den Erlebnissen der von der Shoah Betroffenen und deren Nachkommen nicht zu vergleichen. Überhaupt sollte man nicht nur von Opfern und Tätern sprechen, sondern auch von den Mitläufern, von den "Ermöglichern" der Verbrechen.

"Luftwurzeln"

Bei Vertriebenen und den Holocaust-Überlebenden sowie ihren Nachkommen lösten die Ereignisse ebenfalls die unterschiedlichsten Reaktionsmuster aus. Oft sitzt man seit Generationen auf nicht nur sprichwörtlich gepackten Koffern. "Ich hab' meinen Sohn in der Richtung immer im Klaren gelassen, was wir hier sind. Er hat seine Papiere in Ordnung und wir können jederzeit nach Argentinien gehen, wenn man verfolgt würde, (...) wenn hier irgendein Malheur passieren sollte, politisch. Und ich hab' schon lange, lange, ich hab' keine Wurzeln hier. Aber ich hab' Luftwurzeln, und die hab' ich jetzt hier eingepflanzt, aber bei Bedarf kann ich sie hier wieder herausziehen und woanders hingeben."

So wird in dem Buch Eva Hacker zitiert, die 1925 in Traun in Oberösterreich geboren wurde, nach Argentinien emigrieren musste und schließlich wieder nach Österreich zurückkehrte. Manchmal werden aber in den Familien die eigene Herkunft und das Schicksal der Vorfahren auch so intensiv unterdrückt, dass erst die Enkelkinder beginnen können, Verdrängtes offen zu legen. Auch davon gibt das im Studienverlag herausgekommene Buch Zeugnis. (APA, red, 4. 2. 2017)

  • Martha Keil und Philipp Mettauer (Hg.): "Drei Generationen. Shoah und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis". Schriftenreihe des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, Band 2, 312 Seiten, 29,90 Euro, Studienverlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2016.
    foto: studienverlag

    Martha Keil und Philipp Mettauer (Hg.): "Drei Generationen. Shoah und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis". Schriftenreihe des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, Band 2, 312 Seiten, 29,90 Euro, Studienverlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2016.

    Share if you care.