ORF-Radiochefin: "Kosten steigen, Budget steigt nicht"

    Interview2. Februar 2017, 12:00
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    Auf Monika Eigensperger kommen einige Herausforderungen zu: Sie muss sparen, reformieren, übersiedeln – und zu guter Letzt sich selbst wegrationalisieren

    STANDARD: Wie war das bei Ihrer Bestellung? Als der Antrag von Alexander Wrabetz kam, sagten Sie sofort Ja?

    Eigensperger: Es war eine Pressekonferenz nach seiner Ernennung, die im Intranet übertragen wurde. Dort skizzierte der Generaldirektor seine Vorstellungen, unter anderem, dass die Radiodirektion einer der Senderchefs übernehmen soll. Ich begann am nächsten Tag mein Konzept zu schreiben. In der Nacht vor der Wahl der Direktoren, um 0.30 Uhr, wurde ich vom Generaldirektor angerufen, wo er mich bat, am nächsten Morgen auf den Küniglberg zu kommen.

    STANDARD: Dass es die Radiodirektion überhaupt noch gibt, war das Ergebnis eines Deals. Schmälert das die Freude?

    Eigensperger: Keineswegs. Außerdem ist es müßig, heute noch zu spekulieren, wer was mit wem besprochen hat.

    STANDARD: Was sagen Sie Leuten, die Sie zur "Quotenfrau" ernennen, die Wrabetz in der Geschäftsführung brauchte?

    Eigensperger: Ich sage dazu, dass das eine bemerkenswerte Nichtwürdigung der Leistungen von Frauen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man nur aufgrund des Geschlechts etwas wird. Im Gegenteil: Meistens erreichen Frauen aufgrund ihres Geschlechts manche Positionen nicht. Der ORF hat sehr viele Anstrengungen unternommen im Sinne der Gleichstellungen. Es gibt viele positive Initiativen, trotzdem ist das Ziel noch in weiter Ferne. Von den derzeit 13 Direktoren sind vier Frauen. Ich denke, dass es in dem Unternehmen noch einige Frauen mehr gibt, die bereit wären, einen Führungsjob zu übernehmen.

    STANDARD: Ihre erste Amtshandlung als ORF-Radiodirektorin?

    Eigensperger: Ich habe einen Brief an alle Mitarbeiter geschrieben, dass ich mich auf die Zusammenarbeit freue, dass große Herausforderungen auf uns zukommen, dass die Situation mit der Übersiedlung auf den Küniglberg eine spannende Aufgabe wird, dass die neuen Medien und Ausspielwege an Bedeutung gewinnen werden. Dass wir in der internen und externen Kommunikation stärker zusammenkommen wollen.

    STANDARD: Also einmal alles. Generaldirektor Alexander Wrabetz sieht Ö3 auf lange Sicht bedroht. Wie wollen Sie gegensteuern?

    Eigensperger: Ö3 hat täglich 2,5 Millionen Hörer. Die ORF-Radios haben 70 Prozent Marktanteil über alle Altersgruppen. Wir sind hervorragend aufgestellt. Um jüngere Zielgruppen noch besser erreichen zu können, sind jedoch Innovationen wichtig. Und da gibt es gesetzliche Beschränkungen. Stichwort Ö3 Visual Radio, Radiothek, Ö3-Sieben-Tage-Player – all diese Dinge liegen seit längerem zur Genehmigung vor. Die Herausforderung besteht darin, Radios auch über die neuen Technologien ausspielen zu können.

    STANDARD: Ihre Pläne?

    Eigensperger: FM4 bekommt heuer eine neue Website und eine App. Ö1 feiert 50 Jahre, im Zuge dessen wird der Onlineauftritt modernisiert. Ö3 wartet auf die Genehmigung einer zeitgemäßen Visual-Radio-Möglichkeit.

    STANDARD: Was haben Sie mit FM4 vor?

    Eigensperger: Radio ist ein rasches Medium, da ist Bewegung erstens leicht möglich, zweitens notwendig. Bei einem Sender wie FM4 ist es möglich, nahezu tagesaktuell Schwerpunkte zu setzen, Sondersendungen zu machen.

    STANDARD: Die Ö1-Reform war schon vor Ihrem Antritt kommuniziert. Bleibt es bei den angekündigten Änderungen?

    Eigensperger: Die Entscheidungen unterstütze ich zu hundert Prozent. Es ist eine vergleichsweise sanfte Adaption, bei der es darum geht, Sendungen besser aufeinander abzustimmen. Wir führen auch neue Sendungen ein, etwa ein monatliches Medienmagazin und nach dem "Mittagsjournal" eine tägliche diskursorientierte Live-Gesprächssendung. Wir stecken mehr Energie in die tagesrelevanteren Zeiten. Und es wird nach 20 Jahren wieder eine kleine Werbekampagne geben.

    STANDARD: Das Ende von "gehört gehört"?

    Eigensperger: "Gehört gehört" bleibt, aber es wird das gesamte Layout von Ö1 erneuert. Für das akustische Layout komponiert Christian Muthspiel zum 50. Sendergeburtstag am 1. Oktober für alle Sendungen neue Signations, die von unserem Radio-Symphonieorchester eingespielt werden. Die Neuerungen beginnen im Mai sukzessive.

    STANDARD: Stichwort Sparprogramm: Hans Peter Haselsteiner fragte im Stiftungsrat, ob Sie sich Ihrer Aufgabe bewusst sind, sich selbst wegzurationalisieren. Sie sagten: Ja. Ist das so?

    Eigensperger: Ja.

    STANDARD: Das heißt, Ihre Aufgabe ist, sich selbst einzusparen? Klingt knifflig.

    Eigensperger: Mein Job ist es, innerhalb und außerhalb der Geschäftsführung die Radios gut zu vertreten und den Prozess des verschränkteren Zusammenarbeitens in Zukunft mitzubegleiten und zu organisieren. Ich bin für diese Geschäftsführungsperiode ernannt. Was sein wird, wenn wir alle an einem gemeinsamen Standort in einer anderen Organisationsform zusammenarbeiten, wird dann zu beschließen sein.

    STANDARD: In welchem Ausmaß wird das Sparpaket ausfallen?

    Eigensperger: Wenn die Inflation eine gewisse Höhe ausmacht und die Gebührenanpassung darunter liegt, ist klar, dass sich das nicht ausgehen kann und man die Differenz einsparen muss. Das Budget heuer liegt in der gleichen Höhe wie im Vorjahr ...

    STANDARD: ... also bei 108 Millionen Euro ...

    Eigensperger: ... aber die Rechte kosten mehr, es gab eine sehr moderate Lohnerhöhung. Die Kosten steigen, das Budget steigt nicht. Die Differenz muss man aufbringen.

    STANDARD: Ihr Gehalt als FM4-Chefin dürfte einiges abfedern.

    Eigensperger: Die Sparvorgabe wurde um mein Gehalt erhöht.

    STANDARD: Haben Sie schon Ihren Direktorenvertrag?

    Eigensperger: Ich habe ihn noch nicht vorgelegt bekommen. Ich nehme an, dass er im Werden ist.

    STANDARD: Es soll eine neue Fortzahlungsregelung für den Generaldirektor geben bei vorzeitiger Ablöse. Wissen Sie, wie das bei Ihnen ausfallen wird?

    Eigensperger: Ich kann über einen Vertrag, den ich noch nicht gesehen habe, nichts sagen. Was mich aber nicht weiter beunruhigt, er wird schon kommen.

    STANDARD: FM4 zahlte Mitarbeitern über die vergangenen Jahre weniger, als der offizielle ORF-Katalog vorsah. Beiträge wurden zusammengezählt, gemeinsam gewertet. Werden Sie die Praktik auch in anderen Kanälen anwenden?

    Eigensperger: Das stimmt nicht. Es gibt einen Honorarkatalog für alle ORF-Radios, dieser wurde selbstverständlich eingehalten.

    STANDARD: Eine Mitarbeiterin war anderer Meinung und klagte.

    Eigensperger: Diese Klage ist abgeschlossen.

    STANDARD: Zum Standort: Neuerdings soll es Pläne geben, dass die aktuell berichtenden Radiojournalisten auf den Küniglberg in einen neuen Newsroom wechseln und die nicht tagesaktuellen Abteilungen im Funkhaus bleiben. Wäre das ein Szenario nach Ihrem Geschmack?

    Eigensperger: Diesen Punkt kenne ich so nicht. Der Generaldirektor gab in den letzten 14 Tagen zwei Statements dazu ab, dass er in einem laufenden Verkaufsprozess keine öffentlichen Stellungnahmen abgibt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

    STANDARD: Wollen Sie die Übersiedlungsskeptiker überzeugen?

    Eigensperger: Ich sehe meine Aufgabe in einer ehrlichen und transparenten Kommunikation, sodass jeder Mitarbeiter den Stand der Dinge kennt. Die Redaktionen sollen sich auch mit ihren Vorstellungen einbringen können. Ich denke, dass die Produktionsbedingungen gleich gut oder sogar besser sein werden. (Doris Priesching, 2.2.2017)

    Monika Eigensperger (57) begann 1980 im ORF, seit 1996 leitet sie FM4.

    • Seit Jänner 2017 führt die langjährige FM4-Chefin Monika Eigensperger alle ORF-Radios im Wiener Funkhaus.
      foto: heribert corn

      Seit Jänner 2017 führt die langjährige FM4-Chefin Monika Eigensperger alle ORF-Radios im Wiener Funkhaus.

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