Flüchtlingskonferenz: Aufrütteln gleichgültiger Politiker

1. Februar 2017, 19:10
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Bürgermeister, Experten, Flüchtlinge diskutierten über die Lage von Kindern auf der Flucht. Mitinitiator André Heller nimmt heimische Politiker in die Pflicht

Wien – Zu Beginn des Syrien-Kriegs 2011 sei man bei der Uno von einer "Krise, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten leider des Öfteren kannten", ausgegangen. Von einer Situation, in der man die Lage der Bevölkerung mit einigem Einsatz humanitärer Mittel stützen könne, schildert Catherine Barnett vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef.

2013, nach zwei Jahren anhaltender Kämpfe, sei der internationalen Gemeinschaft dann klargeworden, "dass in und rund um Syrien viel mehr gemacht werden muss". Vor allem für die von dem Kampfhandlungen betroffenen Kinder. "Wenn wir das versäumen, opfern wir eine gesamte Generation", sagte die Koordinatorin der Unicef-Initiative "No Lost Generation" in Jordanien bei der dritten Internationalen Bürgermeisterkonferenz der Privatinitiative Act Now zum Thema "Kinder auf dem Radar" am Montag und Dienstag in Wien.

"Kreative Wege" zum Wohl syrischer Kinder

Um den Kindern zu helfen, ihnen also grundlegende Versorgung, Unterricht oder "zumindest eine Tagesstruktur" zu gewährleisten, habe man "kreative Wege" beschritten. Wo Unterricht unmöglich oder zu gefährlich gewesen sei, habe man Materialien zum Selberlernen verwendet, per Video oder im Internet. Und verwende sie nach wie vor, weil Lehrer und andere Freiwillige vor Ort "viel Ehrgeiz" an den Tag legten.

"2016 konnte Unicef mithilfe Freiwilliger auf diese Art 3,9 Millionen Kinder in Syrien versorgen, weiteren 3,3 Millionen Kindern Unterricht und 720.000 anderen soziale Aktivitäten ermöglichen", sagt Barnett. Denn vonseiten der Zivilgesellschaft gebe es in der Syrien-Krise starkes Engagement, das durch Vernetzung noch potenziert werde.

"Weltweit bisher einzigartiger" Austausch

Durch Vernetzung wie bei der Act-Now-Konferenz, die laut der Unicef-Mitarbeiterin "weltweit bisher einzigartig" war: "Dass sich Bürgermeister und andere Politiker, NGO-Vertreter und Lehrer derart intensiv zur Lage von Kindern auf der Flucht austauschen konnten, ist neu."

Tatsächlich ermögliche gerade die internationale Bürgermeistervernetzung, wie sie im Rahmen einer Act-Now-Konferenz bereits zum dritten Mal stattgefunden hat, die Verbreitung von Best-Practice-Modellen, die den Menschen direkt zugutekämen, erläuterte der Aktionskünstler und Sänger André Heller, einer der Act-Now-Initiatoren.

Heller: "Berichte von großer Bitterkeit"

Darüber hinaus, so Heller, sei zu hoffen, dass die während der Konferenz ausgetauschten Informationen und Expertisen manchen anwesenden Politiker aufgerüttelt hätten: "Wir haben hier Berichte von großer Bitterkeit gehört, von weltweit elf Millionen Kindern auf der Flucht und zehntausenden, die dabei verschwunden sind, also wahrscheinlich von Menschenhändlern verkauft oder umgekommen", sagte er zum STANDARD.

Um gegen die herrschende Gleichgültigkeit oder Ablehnung anzugehen, die die meisten Politiker beim Thema Asyl ergriffen hat, überlege er, diese, vom Kanzler abwärts, "auf eine Zweitagesreise in mehrere Flüchtlingslager des Nahen Osten einzuladen". Auf dass sie direkt zu Gesicht bekämen, was ihnen "sonst meist nur von Mitarbeitern aufbereitet" vermittelt werde.

Von Ausbeutungsgefahren umzingelt

Tatsächlich sind, wie sich beim Konferenzpanel über "Menschenhandel" zeigte, Minderjährige auf der Flucht von Ausbeutungsgefahren geradezu umzingelt. In der Türkei etwa leben laut dem französischen Soziologen Olivier Peyroux nur acht Prozent der Flüchtlinge in staatlicher Betreuung. Die anderen müssen sich allein durchschlagen, was für den Nachwuchs vielfach auf Zwang zu Lohnarbeit hinauslaufe. Schulbesuch gebe es für die meisten nicht.

Mädchen – so die in Österreich tätige Migrationsexpertin Claire Healy – würden vielfach gegen Geld zwangsverheiratet, um ihren Familien Mittel für das Leben auf der Flucht einzubringen. Manche würden sogar mehrmals verkauft: im Rahmen von in Nahostländern praktizierten zeitweisen Eheschließungen mit fließendem Übergang in Formen der Prostitution. Viele Flüchtlingskinder würden darüber hinaus zum Betteln gezwungen, etliche gar von der Organhändlermafia getötet.

Die, die überleben, brächten ihre Traumatisierungen nach Europa mit: "Wir haben gelernt, dass wir den Kindern zuhören müssen", steht in dem Schlussdokument der Konferenz. (Irene Brickner, 1.2.2017)

  • Kinder aus Syrien in einem inoffiziellen Flüchtlingslager in Deir Zannoun in der libanesischen Bekaa-Ebene.
    foto: afp/josef eid

    Kinder aus Syrien in einem inoffiziellen Flüchtlingslager in Deir Zannoun in der libanesischen Bekaa-Ebene.

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