Neunerhaus-Chef kritisiert Wiener Wohnpolitik

1. Februar 2017, 08:42
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Markus Reiter: Verschärfter Zugang zum geförderten Bereich macht Vermittlung schwieriger

Wien – Der Wiener Verein Neunerhaus hilft seit Jahren obdachlosen Menschen, wieder ein Dach über dem Kopf zu finden. Geschäftsführer Markus Reiter ortet eine Verschärfung der Lage in den vergangenen Jahren. Schuld daran sei auch die Wohnpolitik der Stadt, kritisierte er im Gespräch mit der APA. Deshalb will die Organisation nun selbst mit privaten Partnern leistbaren Wohnraum akquirieren.

Anders als die Notschlafstellen, die vor allem im Winter immer wieder Thema sind und Personen ohne Zuhause einen Schlafplatz bieten, will Neunerhaus Menschen dauerhaft zurück in ein Leben mit vier eigenen Wänden verhelfen. Drei Wohnhäuser betreibt die Organisation für unterschiedliche Zielgruppen – von Übergangslösung bis zur langfristigen Unterkunft. Darüber hinaus gibt es rund 100 "Housing First"-Wohnungen, die von Beginn an Betroffene in "normale" Mietverhältnisse bringen sollen. In beiden Fällen kommen die Betreuten im Sinne der Selbstständigkeit, Würde und Eigenverantwortung selbst für die Miete auf.

Aktuelle Betreuungszahlen für 2016 liegen noch nicht vor. "Was ich aber sagen kann: Es ist mehr geworden", so Reiter. Das bedeutet auch, dass das Spektrum der Betroffenen breiter ist. "Nur mehr elf Prozent der Obdachlosen kommen direkt von der Straße." Ein Großteil sei von Delogierungen betroffen, auch Leute in Beschäftigung oder Selbstständige würden wegen Finanzierungsproblemen oder Lebenskrisen ihre Wohnung verlieren. Allein in Wien gebe es 394.000 armutsgefährdete Personen, die über 40 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Wohnen aufwenden müssen.

Selbe Regeln wie bei gesicherten Wohnverhältnissen

Reiter beklagt, dass die Unterbringung von Menschen in prekären Verhältnissen am Wohnungsmarkt zuletzt schwerer geworden ist. Eine Ursache liege in den "Verschärfungen" der Stadt, was den geförderten Wohnbau beziehungsweise den Gemeindebau anbelangt. Der Geschäftsführer verweist auf eine Änderung der Zugangsregelungen vor zwei Jahren. Denn nun müssten Menschen, die von Organisationen wie dem Neunerhaus für die sogenannte soziale Wohnungsvergabe empfohlen werden, zwei Jahre so gut wie durchgehend in Wien gemeldet sein – anders als davor. "Jetzt gelten hier die selben Regeln, die für alle Wiener gelten, die in gesicherten Wohnverhältnissen sind und die ein, zwei, drei Jahre warten, bis sie eine Gemeindewohnung kriegen. Die Zeit haben unsere Leute aber leider nicht", kritisiert Reiter.

Er fordert daher, wieder "Zugang" zum geförderten Wohnbau zu erhalten. Soll heißen: 25 Prozent aller rein von der Stadt jährlich vergebenen geförderten Wohnungen sollen für Härtefälle reserviert sein – laut Reiters Berechnungen also rund 1.500.

Denn durch die jetzige Situation würden mehr Menschen länger in Übergangsquartieren warten. Somit könne das Neunerhaus mit seinen 550 Plätzen insgesamt weniger Leute betreuen: "In unserem Haus in der Billrothstraße gibt es beispielsweise 44 Plätze. Bis jetzt haben wir dort 70 bis 80 Menschen pro Jahr weitervermittelt. Das wird jetzt auf rund 50 Personen sinken." Das wiederum verstärke den Zustrom zu den Notquartieren, was aber weder nachhaltig noch billiger sei.

Dringlichkeitspunkte bei Wohnungsvergabe

Warum wird das in der Stadt nicht gehört? "Das dürfen Sie nicht mich fragen, sondern die Verantwortlichen in der Wohnbaupolitik", meint Reiter. Mit dem Sozialressort habe man indes sehr gute Erfahrungen gemacht. Er hoffe, dass die neue Stadträtin Sandra Frauenberger vielleicht doch mehr auf Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (beide SPÖ) einwirken könne. "Es ist ja offensichtlich gewesen, dass in der Sozialdemokratie in Wien nicht alle einer Meinung sind. Das haben wir in dieser konkreten Problemlage erlebt", spielt er auf die Flügelkämpfe innerhalb der Wiener SPÖ an.

Vorstellbar wären für Reiter etwa auch eine Art Dringlichkeitspunkte bei der Vergabe von Sozialwohnungen. Denn nur so lasse sich "Housing First" weiter ausbauen. Und dieses auch vom Fonds Soziales Wien unterstützte Modell habe immensen Erfolg: "Alles andere ist heute retro." Man gehe international weg vom Konzept der Wohnheime.

Um gewissermaßen aus eigener Kraft günstigen Wohnraum aufzutreiben – "hier geht es um 300 bis 350 Euro pro Wohnung" –, hat das Neunerhaus mit Anfang des Jahres eine eigene Tochtergesellschaft gegründet. So will man an Eigentümer und Bauträger zwecks Kooperationen herantreten. Reiter nennt ein Beispiel: "Ein Immobilienunternehmer hat ein Zinshaus gekauft, will es in den nächsten Jahren entwickeln, hat bis dahin aber Interesse an einer befristeten Entwicklung des Leerstands. Dann übernimmt die Neuner Immo das, kümmert sich, dass die richtigen Leute einziehen und stellt einen fixen Ansprechpartner für den Vermieter zur Verfügung." Oder: Bei Neubauprojekten gebe es oft bestimmte Teile des Hauses, die nicht leicht hochpreisig zu verwerten seien. "Da könnten wir uns gemeinsam eine Nutzung überlegen."

Hotels zu "Sozialherbergen"

Denkbar sei auch, Hotels oder Pensionen, die geschlossen werden müssen, in "Sozialherbergen" umzuwandeln. Geplant ist, mit den ersten derart akquirierten Wohnungen im März zu starten. "Unser Ziel ist, in den ersten zwei bis drei Jahren an 200 Wohnungen zu kommen", sagt Reiter.

Abgesehen von Wohnungshilfe bietet das Neunerhaus seit rund einem Jahrzehnt auch medizinische Versorgung an – auch für Menschen ohne Krankenversicherung. Hier habe man zuletzt Steigerungen von 25 Prozent pro Jahr verzeichnet. "Mittlerweile versorgen wir 3.600 Patienten und machen 25.000 zahnärztliche Behandlungen", zieht Reiter Bilanz. Die Kapazitäten im Stammhaus in der Margaretenstraße 166 im 5. Bezirk reichen nun nicht mehr aus. Deshalb baut man dort ordentlich aus.

Die Fläche für das medizinische Angebot wird dabei verdreifacht. Das künftige Zentrum wird Zahnärzte, Allgemeinmediziner, Tierärzte und Fachärzte wie Gynäkologen oder Psychiater versammeln, aber auch großzügige Wartebereiche, eine kleine Gastro-Einheit und Sozialberatung vereinen. "Dadurch können wir unsere Betreuungskapazität locker verdoppeln."

Der schon laufende Umbau soll im Herbst fertig sein. Die Kosten beziffert er mit 2,3 Millionen Euro. Bis dato seien vom Fonds Soziales Wien, aber auch von privaten Sponsoren, 600.000 Euro zugesichert. Der Hauseigentümer habe aber zugesagt, das Projekt jedenfalls vorzufinanzieren. (APA, 1.2.2017)

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