Taschentuch raus: Im Kino weinen

7. Februar 2017, 09:49
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Öffentlicher Raum für große Gefühle oder spiegelneuronaler Kurzschluss?

foto: getty images/istockphoto/agencyby

Pro
von Anne Feldkamp

Es gibt manch einen öffentlichen Raum, der für große Gefühle gemacht ist. Kaum einer aber ist mit dem Kinosaal zu vergleichen. Denn keiner lädt auf so elegante Weise zum Vergießen von Tränen ein.

Sobald die Dunkelheit über den Sesseln hängt, versinkt das Drumherum in Bedeutungslosigkeit: raschelnde Popcorntüten, vibrierende Handys, alles weg. Dann geht es um den Moment, in dem die Erzählung von der Leinwand in den Kinosessel kippt.

Das gelingt nicht jedem Film. Manchem aber umso besser. Wenn der pensionierte Lehrer Toni Erdmann am Arbeitsplatz der Tochter sein falsches Gebiss entblößt und diese Tochter Whitney Houstons "Greatest Love of All" schmettert, dann tut es gut, sich in den Sessel drücken zu können und die Tränen laufen zu lassen.

Jetzt zum Taschentuch zu greifen und das Malheur peinlich berührt wegzutupfen zeugt weder von sonderlicher Größe noch von Souveränität. Wer mit angezogener Handbremse im Kino sitzt, der wird Wimperntusche und Make-up retten. Der sollte sich "Toni Erdmann" aber unbedingt noch mal anschauen.

Kontra
von Stefan Weiss

Als "Titanic" im Kino lief, kam der Schreiber dieser Zeilen glücklicherweise noch in den Genuss des Jugendschutzgesetzes. Der Anblick hartgesottener Kraftlackln, die noch Stunden zuvor Ziegelsteine mit dem Kopf zertrümmert hätten und nun tränenüberströmt dem schönen Jack hinterhertrauerten, hätte ihn vermutlich nachhaltig verwirrt.

Seither haben Blockbuster entschieden an Drama verloren. Der Tugend, sich seine hart erarbeiteten Tränen fürs echte Leben – Beziehungskrisen, Todesfälle, Sportverletzungen – aufzusparen, kommt das entgegen. Unlängst, bei Han Solos Tod in "Star Wars 7", muss dem Autor allerdings ein spiegelneuronaler Kurzschluss widerfahren sein.

Für derlei Ausnahmesituationen ein Tipp: Man lehne sich weit zurück, atme tief durch, täusche vor, sich an Nase oder Braue zu kratzen, tilge die Träne dabei unbemerkt aus dem Auge und wische den feuchten Handrücken am Hosenbein ab. Abschließend lege man den Arm um seine Begleitung und spreche mit erstickter Stimme folgenden Satz: "Du musst nicht weinen, Schatziputz. Es ist ja nur ein Film." (RONDO, 7.2.2017)

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