"Café der Existenzialisten": Freiheitskampf mit Aprikosencocktails

1. Februar 2017, 07:00
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Sarah Blackwells philosophische Studie über die existenzialistischen Heroen ihrer Jugend

Wien – Freiheit. Authentizität. Jazz. Schwarze Rollkragenpullover. Das sind die gut abgehangenen Klischees über den Pariser Existenzialismus nach 1945. Dazu blies Boris Vian Trompete, und Juliette Gréco, heute die letzte Überlebende, sang ihre Chansons.

Mittendrin ein 1,53 Meter kurzer Charismatiker namens Jean-Paul Sartre und die stets mit Turban auftretende Simone de Beauvoir, die engste Denk- und Herzens-, wenn auch nicht Bettgenossin. Das war der von Martin Heidegger inspirierte Pariser Existenzialismus, der ab 1950 erstaunlich tief in die Gesellschaft einwirkte – als Freiheits- und autoritätskritisches Souveränitätskonzept. Weil er eine Handhabe darstellte, sich selbst zu erkennen, sich und so die Gesellschaft zu ändern.

Von Sarah Bakewell, bis 2002 Bibliothekarin in der Abteilung für alte Schriften der Wellcome Library in London und heute Schreib-Dozentin an der dortigen City University, erschien 2010 (deutsch 2012) "Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten". Es wurde damals zu Recht ein großer Erfolg. Ist es doch ein erfrischender Zugang zum französischen Essayisten, ein Montaigne-Panorama von großer Eleganz.

Lebendiges Gruppenbild

Nun schreibt sie in "Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails" über die existenzialistischen Heroen ihrer Jugend und liefert ein lebendiges, feingliedriges Gruppenbild mit Dame: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Albert Camus, Maurice Merleau-Ponty (stets heiter, stets charmant, Bakewells heimlicher Liebling), Jean Genet, Boris Vian plus diesseits des Rheins Martin Heidegger, Riese auf Schwarzwälder Holzwegen, sowie Edmund Husserl und Karl Jaspers.

Wieso hinterlässt nun dieses Buch einen so diskret zwiespältigen Eindruck? Aus mehreren Gründen. Zum einen ist es wohl die zeitliche Nähe. Der Blick auf die 1960er- und die 1970er-Jahre, auf Frankreich bezogen vom Algerienkrieg über die Studentenrevolte 1968 bis zu der Kehrtwende der "nouveaux philosophes" vom Maoismus zu einem interventionistischen Antitotalitarismus, ist politisch fragmentiert und subjektiv hochstrittig.

Totalopposition

Zu kursorisch geht Bakewell auf den späten Sartre ein, der sich ideologisch in einen Fanatismus der Unmenschlichkeit (RAF, Pol Pot) und fundamentaler Totalopposition verrannt hatte. Es ist beileibe kein Vorurteil, dass der öffentliche Intellektuelle im April 1980 mit Sartre zu Grabe getragen wurde, mit allen seinen verheerenden Irrtümern, falschen Einschätzungen und krassen Fehlurteilen.

Dass Benny Lévy kurz vor Sartres Tod ein weichzeichnendes langes Interview mit ihm veröffentlichte, auf Deutsch "Brüderlichkeit und Gewalt" betitelt, hat Raymond Aron, den Bakewell stiefmütterlich behandelt – weil er zu bürgerlich war, zu anti-ideologisch? –, am besten glossiert.

Neue Sichtung

Mit den klugen Aussagen darin gehe er, Aron, d'accord. Somit dürften sie nicht aus Jean-Paul Sartres Munde stammen. Mit ihrem Optimismus, unsere heutigen Zeiten würden mehr Existenzialismus vertragen, noch mehr Phänomenologie sowie einer ernsthaften neuen Lektüre der Schriften Sartres und Simone de Beauvoirs bedürfen, dürfte Sarah Bakewell schließlich fast allein dastehen. (Alexander Kluy, 1.2.2017)

Sarah Blackwell, "Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails". Aus dem Englischen von Rita Seuß. € 25,70 / 448 Seiten. C.-H.-Beck-Verlag, München 2016

  • Gruppenbild ohne Dame und ganz allein: Philosophie-Altstar Jean-Paul Sartre steht im Mittelpunkt der neuen Studie "Das Café der Existenzialisten".
    foto: ap

    Gruppenbild ohne Dame und ganz allein: Philosophie-Altstar Jean-Paul Sartre steht im Mittelpunkt der neuen Studie "Das Café der Existenzialisten".

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