Suche nach einem verlorenen Kontinent

31. Jänner 2017, 18:11
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Die Insel Mauritius vor der Ostküste Afrikas ist keine zehn Millionen Jahre alt. Der Fund von über zwei Milliarden Jahre alten Kristallen deutet auf einen sehr alten Untergrund hin

Potsdam/Wien – Es begann, wie so vieles in der Forschung, sehr klein. Im konkreten Fall hatte der Anfangsverdacht gerade einmal Sandkorngröße: Lavasteinchen, die am Strand der Tropeninsel Mauritius gefunden wurden, enthielten Zirkon. Der Halbedelstein passte dort nicht wirklich hin, denn der Vulkanismus der Insel östlich von Madagaskar ist gerade einmal neun Millionen Jahre alt, während die Zirkone auf 1,9 Milliarden Jahre geschätzt wurden.

foto: susan j. webb, witwatersrand-universität
Sandstrand der Tropeninsel Mauritius, wo sich uralte Zirkone finden.

Der norwegische Geowissenschafter Trond Helge Torsvik (Uni Oslo, nun Gastforscher am GFZ Potsdam) vermutete daher bereits im Jahr 2013, dass es unter Mauritius einen uralten Kontinent geben könnte, der unter der jungen Lava begraben liegt: Torsvik und seine Kollegen nannten den verlorenen Mikrokontinent Mauritia und gingen im Fachblatt "Nature Geosciences" davon aus, dass diese einstige Landmasse bis vor rund 90 Millionen Jahren Madagaskar mit Indien verbunden haben könnte.

foto: oxford university press
So sieht die Region zwischen Madagaskar und Indien heute aus.

Diese Hypothese war damals etwas gewagt, denn schließlich könnten die kleinen Zirkone auch angeweht oder angespült worden sein. Also ging Torsvik mit einem internationalen Team der Sache auf Mauritius auf den Grund: Die Forscher unter der Leitung von Lewis Ashwal (Witwatersrand-Universität) suchten nun nicht mehr am Strand nach weiteren Spuren, sondern schlugen diesmal aus einem vulkanischen Felsen aus Trachyt Gesteinsproben, die im deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam mit neuesten Methoden untersucht wurden.

foto: susan j. webb, witwatersrand-universität
Hauptautor Lewis Ashwal bei der Auswahl der Gesteinsproben.

Wie die Forscher im Fachjournal Nature Communications schrieben, fanden sie abermals kleine Zirkonkristalle, die sie auf 2,5 bis drei Milliarden Jahre schätzten. Doch wie gelangten die uralten Steinchen in die – geologisch betrachtet – junge Lava?

m. wiedenbeck, gfz potsdam
Einer der untersuchten Zirkone, die bis zu drei Milliarden Jahre alt sind.

Sie vermuten, dass die Zirkone Fragmente eines uralten Stücks Erdkruste sind, das unter Mauritius liegt und Teil des Kontinents Mauritia war. Der neuen Studie zufolge gab es eine komplexe Zersplitterung der ursprünglichen kontinentalen Kruste, bei der unterschiedlich große Teilstücke in die sich neu bildende ozeanische Kruste des Indischen Ozeans eingegliedert wurden.

"Unsere Studie zeigt, dass die vermeintlich homogene ozeanische Kruste längst nicht so einheitlich ist wie angenommen", sagt Ko-Autor Michael Wiedenbeck vom GFZ, der die Analysen vornahm. "Vielmehr verbergen sich unter dem Meeresboden immer wieder Bruchstücke von alten Kontinenten. Wir müssen sie nur entdecken." (tasch, 31.1.2017)

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