Müttersterblichkeit in Afghanistan weit höher als angenommen

1. Februar 2017, 06:00
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Neue Studien säen Zweifel an Erfolgsgeschichte des Westens. Afghanistan bleibt eines der gefährlichsten Länder für Frauen

Kabul/Dubai – Lange war es die große Erfolgsgeschichte Afghanistans: Die Müttersterblichkeit wurde dank der Anstrengungen des Westens beim Wiederaufbau am Hindukusch drastisch reduziert. Jetzt malen neue Untersuchungen ein anderes Bild der Situation: Laut einer noch nicht publizierten Studie der Regierung in Kabul kommen bei 100.000 Lebendgeburten durchschnittlich zwischen 800 und 1.200 Frauen ums Leben, wie der "Guardian" berichtete.

Trotz Milliarden US-Dollar an ausländischen Hilfsgeldern, die seit über 15 Jahren für die Verbesserung des Gesundheitssystems in Afghanistan ausgegeben wurden, ist Afghanistan laut dem Bericht damit für werdende Mütter eines der vier gefährlichsten Länder der Welt – gemeinsam mit Somalia, dem Tschad und dem Südsudan.

Auch andere Studie mit höheren Zahlen

Bisherige Zahlen gingen davon aus, dass die Todesrate bei 327 auf 100.000 Lebendgeburten liegt. Doch diese Statistik scheint mehr Wunsch als Wirklichkeit zu reflektieren. In einer anderen Studie des UN-Bevölkerungsfonds kamen die Forscher in der Provinz Ghor auf 1.882 Todesfälle von Frauen bei 100.000 Lebendgeburten. Neun von elf untersuchten Provinzen hatten eine deutlich höhere Müttersterblichkeit, als von den allgemein genutzten Zahlen ausgewiesen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Nationen bei bis zu 20 Todesfällen auf 100.000 Geburten als Niedrig-Risiko-Länder ein. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 lag die Müttersterblichkeit in Österreich bei vier, in Deutschland bei sieben und in der Schweiz bei acht Todesfällen.

Ein Grund für die stark divergierenden Zahlen ist die Schwierigkeit, in dem vom Krieg heimgesuchten Afghanistan verlässliche Daten zu erheben. Große Landstriche sind in den Händen der aufständischen Taliban. Dort Untersuchungen durchzuführen ist oft nicht möglich.

Unvollständige Daten

Die bisherigen Zahlen, die von einer deutlich niedrigeren Todeszahl bei Müttern ausgingen, basieren offenbar auf unvollständigen Daten der staatlichen US-Entwicklungsorganisation USAID, die nur vier von 360 Distrikten Afghanistans berücksichtigte. Auch die Zahlen des Gesundheitsministeriums in Kabul sind unvollständig. Eine Untersuchung der Weltbank stellte zudem fest, dass zuständige Beamte so gut wie nie außerhalb ihrer Provinzhauptstädte unterwegs waren, um Berichte nachzuprüfen.

Es ist nicht das erste Mal, dass USAID in Afghanistan Zahlen schönt, um Erfolge zu präsentieren: Ihre Behauptung, die durchschnittliche Lebenserwartung in Afghanistan sei zwischen 2002 und 2010 um 22 Jahre gestiegen, erwies sich als zu optimistisch. Eine Schätzung der WHO kam nur auf sechs Jahre für Männer und acht für Frauen.

Ehrenmord, Kinderheirat, Mädchenhandel

Über 15 Jahre nach dem Sturz der Taliban gilt Afghanistan Studien zufolge weiter als das gefährlichste Land für Frauen auf der Welt. Zwangsheirat, Gewalt, Kinderehen, Ehrenmord und Mädchenhandel gehören zum Alltag. In vielen Gemeinschaften dürfen Frauen und Mädchen das Haus nie verlassen. Ein Großteil der Frauen wird bereits im Alter von zehn bis 13 Jahren verheiratet. (Agnes Tandler, 1.2.2017)

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