"Unturned": Wie das Zombiespiel eines Teenagers Millionen Fans begeistert

31. Jänner 2017, 10:00
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Der Kanadier Nelson Sexton ist 19 und über 26 Millionen Menschen spielen sein Survival-Game "Unturned"

Die Grafik ist eckiger, als "Minecraft" es je war, das Genre – Survival-Sandbox-MMO mit Zombies – freundlich ausgedrückt unoriginell. Das Logo besteht aus einem unbeholfenen weißen Schriftzug und der alles entscheidenden Unterzeile: "Free to play".

Auf den ersten Blick ist "Unturned" (Windows, Mac, Linux, Early Access), in dem es – wieder einmal – um das Überleben in einer von Zombies überrannten Sandboxwelt geht, ein kostenloses Early-Access-Spiel auf Steam wie dutzend andere auch. Was das Spiel eines 19-jährigen Kanadiers aber auf den zweiten Blick mehr als besonders macht, ist die überraschende Tatsache, dass es bereits über 26 Millionen Mal heruntergeladen wurde – etwa gleich oft wie "Counter-Strike: Global Offensive". Die klotzige Zombie-Apokalypse dürfte somit in dieser Hinsicht – so weit sich das sagen lässt – zu den Top-5-Spielen auf Steam zählen; was gleichzeitige Spieler betrifft, pendelt "Unturned" hinter Riesen wie "Dota2" und "GTA 5" irgendwo um Platz zehn der meistgespielten Titel weltweit.

Gemeinsam mit der Community

"Unturned" ist ein Phänomen, und das hat alles mit seinem Schöpfer zu tun. Nelson Sexton war erst 16 Jahre alt, als er 2014 eine erste Version seines Spiels auf Steam veröffentlichte – der Quasi-Vorgänger "Deadzone", ein mit dem Devkit für Jugendliche ROBLOX erstelltes Spiel, hatte Sexton sowohl eine begeisterte Community als auch eine zügige Steam-Freigabe per Greenlight eingebracht. Der in Calgary immer noch bei seinem Vater lebende Kanadier entwickelt seither unermüdlich an "Unturned" weiter. Die zuvor zum Teil täglichen Patches sind wegen des Anwachsens von Servern, auf denen "Unturned" gespielt wird, einmal wöchentlichen Updates gewichen.

50 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet Sexton heute an seinem Spiel – seit er die Schule beendet hat. Zuvor habe er zusätzlich zur Schule seine gesamte Freizeit und die Wochenenden der Arbeit am Spiel geopfert, "aber das war schon eher ungesund und hat mich an den Rand des Burnouts gebracht", wie er im Email-Interview mit dem Standard bestätigt.

Im Umgang mit der riesigen, begeisterten Community liegt der wohl maximale Unterschied zu jenem großer Spielentwickler und das Geheimnis seines Erfolges: Sexton kommuniziert täglich in den Foren mit den Spielerinnen und Spielern, nimmt Vorschläge und Feedback entgegen und lässt Ideen auch kurzfristig in seine Updates einfließen. "Unturned" ist so betrachtet das Ideal einer Early-Access-Erfolgsgeschichte: Die Spielerinnen und Spieler sind nicht so sehr zahlende Beta-Tester, die sich im schlimmsten Fall als Melkkühe verwaist in einer nie fertiggestellten Software-Rohbauruine wiederfinden, sondern arbeiten durch ihr Feedback, ihre Ideen und Vorschläge direkt an der Entwicklung "ihres" Spieles mit. Im Gegenteil lässt Sexton manche Beiträger aus der Community sogar finanziell am Erfolg von "Unturned" teilhaben.

Wer will, kann zahlen

Sowohl die Freude am Spiel als auch die Nachsichtigkeit gegenüber seinen Mängeln ist natürlich auch einer Tatsache geschuldet: "Unturned" ist kostenlos – und doch meilenweit von dem entfernt, was ansonsten dem Free-to-Play-Genre seinen schlechten Ruf beschert hat. Es gibt keine Monetisierungsstrategie, keine Mikrotransaktionen, kein "Pay-to-win". Stattdessen können Spielerinnen und Spieler ein "Permanent Gold Upgrade" um 4,99 Euro kaufen, das hauptsächlich kosmetische Vorteile und die Option, auf schnelleren Servern zu spielen, bringt.

Wie viele seiner 26 Millionen Spieler bisher in die Tasche gegriffen haben, ist Nelson Sexton nicht zu entlocken; wenn die von ihm in einem frühen Post genannte Zahl von knapp 2 Prozent der Spielerschaft stimmt, ist "Unturned" aber durchaus ein gutes Geschäft für den Kanadier, der sich in seiner Twitter-Beschreibung bescheiden einen "Hobbyist Game Developer" nennt. "Spieleentwickeln war und ist mein Hobby, jetzt ist es eben auch zu meinem Job geworden", meint Sexton. "Natürlich ist das jetzt auch eine Art Berufsweg. Allerdings kann es schon sein, dass ich irgendwann später doch noch an die Universität gehe und etwas ganz anderes studiere. Geschichte vielleicht. Oder Astronomie."

Zombies, Festungen, Hubschrauber

Wenn "Unturned" einmal fertig ist, sollen Spielerinnen und Spieler darin "alles" tun können – und tatsächlich beschreitet das Sandbox-MMO einen recht originellen schmalen Grat zwischen den großen Vorbildern "DayZ" und "Minecraft". Wie in der düsteren Zombieapokalypse bedrohen Untote und feindliche Mitspielerinnen und Mitspieler das Überleben, Statistiken zu Gesundheit, Hunger und weiteren Spielereigenschaften sind genauso wichtig wie das Sammeln von Essen, Rohstoffen, Waffen und Gegenständen. Im Unterschied zum Istzustand von "DayZ" lassen sich zahlreiche Gegenstände craften und Gebäude errichten, obwohl auch andere Spielmodi möglich sind.

Auf manchen Servern wird mit großer Hingabe am besten "Walking Dead"-Szenario mit gemeinsamer Verteidigung gegen die untoten Horden gefeilt, während auf anderen die ansonsten bedrohlichen Zombies ganz deaktiviert sind und der Kampf ausschließlich zwischen Spielerinnen und Spielern tobt.

smartly dressed games
Trailer zu "Unturned".

Nächste Station: Ausverkauf?

Der erstaunliche Erfolg von "Unturned" liegt ebenso in seiner Kostenlosigkeit wie in der Tatsache, dass sich Spielerinnen und Spieler vom selben Enthusiasmus antreiben lassen, immer wieder etwas Neues, bislang nicht Verwirklichtes ins Spiel zu bringen. Dass sich mit Nelson Sexton ein ebenso begeisterter wie seiner Community zugetaner sympathischer und uneitler Entwickler auf Augenhöhe mit seiner Spielerschaft beschäftigt, hat sicher ebenso Gewicht. Sexton selbst ist sich unsicher, woher der Erfolg kommt. "Viele Faktoren spielen mit: ‘Unturned’ ist kostenlos, und es hat auch viel Publikum durch populäre YouTuber erhalten. Warum genau es so erfolgreich ist, kann ich aber auch nicht sagen."

Ist der logische nächste Schritt der Ausverkauf – an einen großen Investor, der wie bei "Minecraft" das Phänomen samt Spielerschaft besitzen und monetisieren will? "Es gab schon Anfragen, aber im Moment habe ich nicht vor, ‘Unturned’ zu verkaufen. Ich sehe momentan nicht, wie das Spiel davon profitieren würde", meint der Kanadier. "Ich liebe es, an dem Spiel zu arbeiten. Ich habe keine Ahnung, was ich sonst tun würde." (Rainer Sigl, 31.1.2017)

"Unturned" ist im Early Access als Free2Play-Spiel für Windows-PC, Mac und Linux erschienen.

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