Stolze Leistung

Blog31. Jänner 2017, 10:38
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Stolz beschreibt nicht nur die Haltung einer Person, sondern hauptsächlich, wie sie sich bewegt, nämlich steif. Auf den Wortspuren von stolz und stelzen

Stolz ist facettenreich. Am "arroganten" Ende der Bedeutungsskala reckt er seinen Kopf in die Höhe und strotzt vor Selbstüberschätzung und Überheblichkeit. Wehe, wenn er gekränkt wird! Aus verletztem Stolz geschehen Morde. Stolz führt die sieben Hauptsünden1 an, hieß vormals Hoffart und übersetzte lateinisch superbia. Er ist eitel und ein wenig borniert, wie uns ein altes Sprichwort versichert: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Der gesunde Stolz hingegen ist ein Verbündeter der Freude. Er stellt sich ein, wenn uns etwas gelungen ist, wenn wir etwas geleistet haben.

Sprachgeschichtlich jedenfalls kommt der Stolz etwas bewegungseingeschränkt mit einem Holzbein daher. Oder auf Stelzen. Und trinkt in England mit Vorliebe obergäriges Starkbier.

Das auf die germanische Sprachfamilie beschränkte Adjektiv stolz (mittelhochdeutsch stolz "töricht, übermütig, stattlich, hochgemut", mittelniederdeutsch stolt "ritterlich und standesbewusst, hochmütig") leitet sich von germanisch *stult- ab und findet sich heute noch stolz und selbstbewusst im Schwedischen, Norwegischen und Dänischen als stolt. Die Ausgangsbedeutung liegt in der Vollstufe germanisch *stelt- "steif aufgerichtet" verborgen, daher Vorsicht! Über diese Wurzel stolpert man leicht, wenn man auf Stelzen geht (mittelhochdeutsch stelze "Stelze, Holzbein, Krücke; auch: der schmal auslaufende Teil eines Ackers") oder so kurzbeinig und aufbrausend ist wie das Rumpelstilzchen im gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm.

Dem ursprünglichen Wortsinn nach beschreibt also stolz nicht nur die Haltung einer Person, sondern hauptsächlich, wie sie sich bewegt, nämlich steif. Erhobenen Hauptes hält sie sich aufrecht und stelzt etwas unbeweglich daher. Schwedisch stulta "watscheln" drückt eine andere, aber auch unbeholfen wirkende Gangart aus. Models watscheln jedenfalls nicht, sondern stolzieren (spätmittelhochdeutsch mit Fremdsuffix -ieren gebildet) mit Selbstbewusstsein, langen Beinen und Stöckelschuhen über den Laufsteg und präsentieren den letzten Modeschrei.

Das Stelzengehen (walking on stilts) war im 16. Jahrhundert ein beliebter Zeitvertreib für Kinder, was das Gemälde "Kinderspiele" von Pieter Brueghel dem Älteren belegt. Gaukler und Zirkusartisten, unter deren bunt schillernden Hosenröhren sich endlos lange Stelzenbeine verbergen, nicken uns aus schwindelnder Höhe zu. Grad einen halben Meter über dem Boden waren die Trittklötze der Stelzen, die der Großvater uns Enkelkindern machte. Abwechselnd sind wir auf ihnen gegangen und waren stolz, wenn wir eine Strecke, ohne absteigen zu müssen, bewältigt hatten.

Auch Häuser können auf Stelzen stehen. Stilt houses sind Pfahlbauten. Formal and stilted English ist förmlich und etwas gespreizt. Darf’s ein bisschen manieriert und gekünstelt sein? Jemand, der sich einer gestelzten Ausdrucksweise befleißigt, ist nicht gerade einer, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Apropos Schnabel: Bachstelzen sind, sobald es Frühling wird, kaum zu überhören. Da bevölkern sie die Gewässer des Nationalparks Donau-Auen und zwitschern recht munter. Mit ihren Schnäbeln lesen sie vom Boden allerlei Kleingetier auf. Würmer, Käfer und Mücken sind wahre Leckerbissen für sie. Und wenn wir schon bei der Kulinarik sind, dann fällt vielen Wienern und Wienerinnen das traditionsreiche Schweizerhaus ein, denn dort soll’s angeblich die besten Schweinsstelzen geben. Aber auch von Kolariks Luftburg wird geschwärmt.

Gut gesättigt stelzen wir nun durch die Lande. Altniederdeutsch stolt (ohne zweite Lautverschiebung t zu z) erscheint im modernen Niederländisch als stout und bezeichnet ein unartiges Kind, das elterliches Grenzen-Setzen geradezu herausfordert. Das Adjektiv stolzierte einst recht dreist ins romanisch sprechende Frankenland und erscheint altfranzösisch als estout "keck, stolz". Vom Altfranzösischen begibt sich das Wort um circa 1300 mit geschwellter Brust ins Mittelenglische ("stolz und wacker"), und diese Bedeutung finden wir konserviert in neuenglisch stout-hearted "mutig". In der Folge legt stout jedoch ziemlich an Gewicht zu, und heute bedeutet neuenglisch stout "untersetzt, korpulent und stämmig" und hält auch als Euphemismus für "sehr beleibt" her.

A pint of stout, please! Ende des 17. Jahrhunderts ist Stout in der Bedeutung "dunkle Biersorte" belegt. Stout steht verkürzt für das Stout Porter, ein schwarzbraunes Bier mit stark malzig-röstigem Geschmack und einem Alkoholgehalt zwischen drei und zehn Prozent.

Wenn Sie glauben, wir hätten auf den als obsolet geltenden Hagestolz vergessen, nein, haben wir nicht. Mit Stolz hat der kauzige Junggeselle allerdings nichts zu tun. Es handelt sich um eine volksetymologische Anlehnung an stolz, weil das zugrundeliegende Verb, auf das sich der zweite Wortbestandteil zurückführen lässt, nicht mehr "verstanden" wurde.2 Im 13. Jahrhundert ist neben mittelhochdeutsch hagestalt bereits hagestolz belegt. Die ursprüngliche Bedeutung erklärt sich wie folgt: Während der Erstgeborene den väterlichen Hof als Erbe bekam, fiel dem jüngeren Bruder, dem Hagestolz, erbrechtlich "nur" ein Hag (ein kleineres, umzäuntes Grundstück) zu, ein Umstand, der die Gründung eines eigenen Hausstandes sehr erschwerte. So entwickelte sich die Bedeutung "Junggeselle".

Auf eine stolze Anzahl von Ehefrauen, nämlich fünf, hat’s ein bekannter Operettenkomponist (1880-1975) gebracht, nach dem Motto: "Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n". Sie haben ihn sicher erraten: Robert Stolz!

Zum Schluss noch ein Literaturtipp: "Stolz und Vorurteil"3, ein oft verfilmter Klassiker der englischen Literatur, erzählt, wie vor circa 200 Jahren in England junge Frauen unter die Haube gebracht wurden und welche Kriterien ein Junggeselle erfüllen musste, um in die engere Wahl zu kommen. Jane Austen, deren Todesjahr sich heuer zum zweihundertsten Male jährt, blieb übrigens zeitlebens unverheiratet. (Sonja Winkler, 31.1.2017)

Sonja Winkler ist aufgewachsen in der Dialektlandschaft Oberösterreichs, am Stadtrand von Linz. Lehramtsstudium in Wien. Mutterschaft. Lehrtätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien. Schuldienst. Pension. "Wörter haben mich schon von klein auf begeistert, wie sie sich verändern in ihrer Bedeutung und Lautgestalt, und diese Faszination hat bis heute angehalten."

1 Der Benediktinerpater Anselm Grün bezeichnet die sieben Haupt- oder Todsünden als "Grundgefährdungen des Menschen", die weitere menschliche Verfehlungen beziehungsweise Schwächen (Sünden) sich ziehen: Stolz (Hochmut, superbia/hybris), Geiz (Habgier, avaritia), Neid (Missgunst, invidia), Zorn (Rachsucht, ira), Wollust (Unkeuschheit, luxuria), Völlerei (Unmäßigkeit, gula), Faulheit (Trägheit, acedia).

2 Es gibt ältere Belege, zum Beispiel althochdeutsch hagustalt, altenglisch hagusteald "(eheloser) Krieger, Gefolgsmann", in denen die Ableitung vom starken Verb noch transparent ist. Gotisch staldan und altenglisch stealdan "verwalten, besitzen" sind belegt.

3 "Pride and Prejudice", Roman von Jane Austen (1775-1817)

  • Stelzengänger auf einer Parade in Port-of-Spain in Trinidad und Tobago.
    foto: reuters/andrea de silva

    Stelzengänger auf einer Parade in Port-of-Spain in Trinidad und Tobago.

  • Stelzenhaus in Gilchrist, Texas.
    foto: epa/bob pearson

    Stelzenhaus in Gilchrist, Texas.

  • "Breakfast Stout", gebraut in Grand Rapids, Michigan.
    foto: ap/elise amendola

    "Breakfast Stout", gebraut in Grand Rapids, Michigan.

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