Mercedes-Benz und der Sex in der Fläche

3. Februar 2017, 15:53
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Mercedes-Konzerndesignchef Gorden Wagener erläutert einen Paradigmenwechsel

Sindelfingen – Erst Empfinden, dann Gedanken. Erst ins Weite, dann zu Schranken. Scheint fast, als hätten die Designteams rund um ihren Chef, Gorden Wagener, ihr Arbeitsmotto von Goethens tiefsinnigem Wort hergeleitet.

Denn das Ondulieren zwischen schöpferischer Freiheit und von Sachzwängen gesetzten Grenzen, das ist die Lebenswelt, in der sich die Designer hier im Advanced Design Center Sindelfingen bewegen. Inspiration holt man sich aus Natur, Architektur, Kunst, Mikrowelt, von überallher, und man sinniert dann über Anwendungspotenzial im automotiven Gestalten. Ähnliche Institutionen unterhält Daimler übrigens auch in Peking und Carlsbad (Kalifornien).

foto: daimler
Gorden Wagener in gewohnter Kreativumgebung, beheimatet im Design Center Sindelfingen.

Karlsbad/Carlsbad? Des Weimarers berühmtes Gedicht Amerika, du hast es besser fällt einem da ein, darüber könnte man präsidial diskutieren. Aber sehen Sie, die Sprache, die hier gesprochen wird in Sindelfingen, die ist schauderhaft. Sie hat nichts mehr mit jener der Dichter und Denker zu tun. Ein mit Anglizismen durchsetzter Kauder-, ja: Schauderwelsch. Gut, hier wird nicht Dichtung betrieben, sondern Verdichtung und eine andere Form von Kunst, die der angewandten Ästhetik. Und es ist spannend zu sehen, mit welcher Leidenschaft sich die Teams um Wagener gestalterisch auf einen Paradigmenwechsel einstellen.

Mensch-Maschine

Dann wurden wir fast überfahren. Nein, stopp, noch einmal eine Station zurück, bei Wandel waren wir. "Früher hieß es: Der Mensch kümmert sich um die Maschine. Dieses Paradigma kehrt sich gerade total um. Künftig heißt es: Die Maschine kümmert sich um den Menschen." Die dazugehörigen Schlagworte lauten Vernetzung und autonomes Fahren, und aus dem mobilen Erleben der Digitalität, davon ist man (nicht nur) bei Mercedes überzeugt, entstehe eine ganz neue Erlebniswelt.

foto: daimler
"Aesthetics A" iste eine Studie als Vorgeschmack auf die nächste Mercedes A-Klasse.

Jetzt aber auf die Straße. Eine Stadt wie in einem Science-Fiction-Film. Der STANDARD-Zeitreisende will auf die andere Seite rüber zum Auto – und sieht aus dem Augenwinkel, dass da was auf ihn zukommt. Ein Mercedes. Lichtspiele in der Schnauze, die Knight Riders K.I.T.T. alt aussehen lassen und signalisieren, dass er sich besser vom Asphalt machen soll. Und wenn nicht? Sieh da, sieh da, der Zukunfts-Benz bleibt automatisch stehen und fährt erst weiter, nachdem die Straße gequert ist.

Digitale Welt

Schnell den Datenhelm runter, ist nix passiert, weder in der analogen noch in der digitalen Welt. Aber ein gutes Beispiel dafür, welche Werkzeuge den Designern inzwischen zur Verfügung stehen. "Die Designentwicklungssprache ist heute die der Daten", erfahren wir. Daneben sei aber immer noch das Können mit dem Bleistift gefragt, auch das am Lehmmodell, intern auch "Sex in der Fläche" bezeichnet, vielleicht wegen des Streicheleinsatzes am Korpus.

foto: daimler
Da sitzt sie also, die Kreativität.

Von übermorgen zu morgen: Mit der Botschaft "Die Zeit der Sicken ist vorbei" macht Wagener Lust auf die nächste Stufe seiner "Philosophie der sinnlichen Klarheit". Mit Design für drei Autos in einem wie bei manchem auslaufenden Mercl ist damit Schluss.

Und die Antwort auf die Basisfrage "Was ist Luxus"? Die ändert sich im Lauf der Zeit. Neuerdings kommt "digitaler Luxus" hinzu, wobei die Bestrebung dahin geht, das Leben im Auto einfacher zu machen, nicht komplizierter. Viel Erfolg damit, sei hinzugefügt. (Andreas Stockinger, 3.2.2017)

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Mercedes

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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