DIW-Chef Fratzscher zu Trump: "Uns droht ein Wirtschaftskrieg mit USA"

29. Jänner 2017, 13:31
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Ifo-Chef: 1,6 Millionen deutsche Jobs hängen an Handel mit USA – DIW-Präsident: Handelskrieg droht

Washington/Berlin – Die Abschottungspläne von US-Präsident Donald Trump gefährden nach Einschätzung von Ökonomen auch Jobs in Deutschland. Zu befürchten seien Einbußen für den Wohlstand, sollte der Republikaner seinen Anti-Globalisierungs-Kurs voll umsetzen.

"Alles in allem sind 1,6 Millionen Arbeitsplätze in Gefahr, wenn die Wirtschaftsbeziehungen zu Amerika auf Null herunter gefahren werden", warnte der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Ein gänzlicher Stopp des Handels gilt indes als Extremszenario. Zudem ist die tatsächliche Einführung von Handelshemmnissen gegenüber Europa noch fraglich.

Konkret kündigte Trump bisher einen Rückzug aus der transpazifischen Partnerschaft (TPP) an. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) mit Kanada und Mexiko will er zumindest neu verhandeln.

Drastische Warnungen

Die Verunsicherung ist angesichts des wirtschaftspolitischen Kurses Trumps aber schon jetzt groß. Nach Beobachtung von Konjunkturexperten sind zahlreiche Betriebe misstrauisch, wie Deutsche-Bank-Volkswirt Heiko Peters in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sorgt sich wegen der aktuellen Lage. "Uns droht ein Handels- und Wirtschaftskrieg mit Amerika: Das muss man so hart feststellen", sagte er der "FAS". Nach Angaben seines Kollegen Fuest hängen hierzulande eine Million Jobs an den Exportbeziehungen, weitere 600.000 entfielen auf US-Unternehmen in der Bundesrepublik.

Trump will die stark negative Außenhandelsbilanz der Vereinigten Staaten unter anderem durch Importabgaben verbessern. So hofft er, dass bald mehr US-Produkte exportiert als fremde Produkte eingeführt werden. Vor allem im Verhältnis zum Nachbarn Mexiko, wo auch deutsche Autobauer wichtige Werke betrieben, hatte dies Verstimmung ausgelöst.

Bedeutung hat abgenommen

Insgesamt hat die direkte Bedeutung der US-Wirtschaft für Deutschland abgenommen. In den siebziger Jahren gingen noch bis zu 14 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA – dieser Anteil hat sich inzwischen halbiert. Als Abnehmer viel wichtiger ist Frankreich, am stärksten nach vorn kam in den vergangenen Jahren China. Für einzelne Branchen wie den Maschinenbau könnten Handelshindernisse aber schwer wiegen.

Viele Unternehmen fragten sich, was die US-Regierung nun beschließen werde, sagte Deutsche-Bank-Experte Peters. Aber auch der Brexit und mögliche Populisten-Wahlsiege brächten "politische Unsicherheiten", die im zweiten Halbjahr die Konjunktur schwächen könnten: "Wenn die Unsicherheit hoch ist, wird das Investitionsumfeld gedämpft."

"Nur Hälfte kommt tatsächlich"

Bei der Allianz geht Konjunktur- und Arbeitsmarktexperte Rolf Schneider davon aus, dass wahrscheinlich "nur die Hälfte der von Trump angekündigten Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden". Der Versicherungskonzern erwartet in den USA neben Steuersenkungen vor allem staatliche Investitionen in die Infrastruktur. Das würde 2017 und 2018 die US-Wirtschaft ankurbeln und könnte dort für ein Wachstum von 2,2 in diesem und 2,4 Prozent im nächsten Jahr sorgen.

Eine deutlich stärkere Steigerung halten Wirtschaftswissenschafter für unrealistisch. "Ein Wachstum von vier Prozent wäre nur möglich, wenn die Wirtschaft gerade aus der Rezession kommt. Aber der Aufschwung ist bereits alt, nun nähern wir uns der Vollbeschäftigung", sagte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer der "Welt am Sonntag". US-Kollege Robert Gordon ergänzte, ein solches Plus sei allein schon wegen nicht ausreichender Arbeitskräfte und Potenziale bei der Produktivität nicht zu erwarten. Der Anti-Freihandels-Kurs bremse da zusätzlich.

Tempo verlangsamt

Vor Trumps Amtseinführung hatte die größte Volkswirtschaft der Welt ihr Tempo merklich verlangsamt. Für das Schlussquartal 2016 schätzte das Handelsministerium ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von auf das Jahr gerechnet 1,9 Prozent. Analysten hatten im Mittel eine Rate von 2,2 Prozent erwartet, nach 3,5 Prozent im Vorquartal.

Der Statistik zufolge wuchs das BIP im vergangenen Gesamtjahr um 1,6 Prozent – ein geringeres Plus auch wegen des schwachen Außenhandels. 2015 hatte die Wirtschaftsleistung der USA um 2,6 Prozent zugelegt. (APA/dpa, 29.1.2017)

  • Ökonomen warnen von den Auswirkungen der Trumpschen Politik.
    foto: apa / ngna

    Ökonomen warnen von den Auswirkungen der Trumpschen Politik.

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