Der Bub als Kindergärtner? Wenn Rollenbilder durcheinanderkommen

Blog28. Jänner 2017, 12:00
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Entspricht der Nachwuchs nicht dem traditionellen Rollenbild, wird oft noch die Nase gerümpft. Toleranter werden, das müssten erst einmal die anderen, heißt es oft

Der fünfjährige Leon möchte unbedingt mit den Puppen und der Puppenküche seiner großen Schwester Olivia spielen. Doch die Neunjährige nimmt ihm sofort jede Puppe weg und sagt dabei: "Mit sowas spielt doch ein Bub nicht!"

Oskar geht seit September in die Vorschulklasse. Dort haben ihn schon mehrere Kinder wegen seiner bunt lackierten Fingernägel ausgelacht. Sein Freund Finn sagt immer, bunte Nägel und die Farbe Rosa seien nur für Mädchen. Oskar versteht nicht, wieso, denn ihm gefallen die Farben. Seine Mama findet auch nichts Schlimmes daran.

Eva möchte unbedingt eine Lehre beginnen. Der 15-Jährigen gefällt es gut, mit Holz zu arbeiten, und deshalb sucht sie nach einer passenden Lehrstelle als Tischlerin. Aber von allen Firmen, bei denen sie sich beworben hat, bekommt sie entweder Absagen oder keine Antworten.

Orientieren anhand von Rollenbildern

In manchen erwachsenen Köpfen existiert die Vorstellung von Rollenbildern immer noch:

Etwa die, dass ein Mädchen gerne mit Puppen spielt und eine Puppenküche haben sollte. Dass Mädchen mit rosa Kleidung und langen Haaren hübsch aussehen. Sie meist die Stillen und Braven sind und es viel leichter ist, ein Mädchen zu erziehen. Denn ein Mädchen klettert nicht auf Bäume, spielt nicht Räuber und Gendarm. Es bastelt aus Perlen gerne Ketten; mag es, Puppen zu frisieren, und tobt niemals so wild wie ein Bub auf dem Spielplatz herum.
Buben hingegen spielen mit Autos und Rennbahnen, mögen Eisenbahnen, sind von Experimentierkästen und Actionfiguren nicht wegzubekommen. Sie mögen Blau und müssen kurze Haare tragen. Sie sind rebellisch, meist stur und eigensinnig. Toben, ohne über Verletzungen nachzudenken, auf dem Spielplatz herum. Regeln ihre Streitigkeiten auch schon mal durch Raufen und Treten. Sie sind wild, aufbrausend und hören niemals beim ersten Wort.
In der Schule sind die meisten Mädchen musisch begabt, mögen Sprachen und interessieren sich oft nicht für Mathematik und technische Fächer. Sie benehmen sich ordentlich und brav, schreiben meist wunderschön und malen mit Hingabe Bilder an. Sie sind genau mit der Erledigung der Hausübungen und haben immer alle nötigen Unterrichtsmaterialien bei sich. Und das alles, weil sie Mädchen sind.
Buben hingegen haben es nicht so mit Sprachen, sie sind viel besser in Mathematik und Naturwissenschaften. Mit den Hausaufgaben nehmen sie es nicht so genau, ihre Heftführung ist meist ungenau und die Schrift eine einzige Katastrophe. Ihnen sind das Lernen und die Noten weniger wichtig als das Toben im Freien, der Spaß mit anderen. Ihnen ist der Ehrgeiz nicht in die Wiege gelegt, sie sind rebellischer, streitlustiger, einfach viel schwieriger zu erziehen, als ein Mädchen es je sein kann.

Und dann ...

Ja und dann möchte ein Junge gerne zum Ballett, oder ein Mädchen hat das Kickboxen für sich entdeckt. Die erste Freundin ist ein Freund. Der Bub möchte gerne Kindergärtner werden. Das Mädchen hat ihr Interesse an Autos entdeckt.

Dann wird hinter vorgehaltener Hand überlegt, was die Eltern falsch gemacht haben. Und überlegt, wieso ein junger Mann gerne mit kleinen Kindern arbeiten möchte und diese Arbeit mit so wenig Lohn anstrebt. Oder das Mädchen findet keine Lehrstelle als Kfz-Mechanikerin, weil keine Firma eine Frau anstellen möchte. Die Umbauten wären zu teuer, heißt es, und es wäre bestimmt mit Schwierigkeiten zu rechnen, wenn eine junge Frau diese Lehrstelle erhält.

Genau dann sind die meisten für Veränderungen. Dafür, dass Frauen gleich viel verdienen sollten wie Männer, gehandicapte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die gleichen Chancen erhalten sollten. Oder es doch nicht so wichtig sein sollte, welcher Rasse oder Religion jemand angehört.

Große Worte, keine Taten

Klar ist, dass wir alle viel offener und toleranter werden müssten, aber gleichzeitig besteht oft eine stille Übereinkunft, dass damit erst einmal die anderen zu beginnen haben. Die, die es sich leisten können. Die, die meinen, dass die Notwendigkeit nicht nur gedacht, sondern auch umgesetzt werden muss. Die, die davon etwas haben. Und erst dann, wenn sich da niemand mehr findet, erst dann überlegt man, ob es abgesehen von den vielen Worten nicht auch einiger kleiner Handlungen bedarf.

Die nächste Generation soll vieles anders machen, sie sollen offener, vorurteilsfreier sein, mit Veränderungen umgehen können, viel mehr Gerechtigkeit walten lassen und niemals andere diskriminieren, theoretisch eben. Praktisch wird sich niemals etwas ändern, wenn den großen Worten keine Taten folgen.

Ihre Erfahrungen?

Welchen Rollenbildern begegnen Sie in Ihrem Alltag? Was tun Sie, um diesen Rollenbildern entgegenzuwirken? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 28.1.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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