"Tanzcafé Treblinka": Vom Verweigerungsgedächtnis

27. Jänner 2017, 15:12
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Werner Koflers wichtiges Stück feierte in den Kammerlichtspielen Klagenfurt Premiere – in einer gelungenen Inszenierung von Ute Liepold

Klagenfurt – Obwohl viele es versucht haben, nicht zuletzt Peter Handke, ist in der zeitgenössischen österreichischen Bühnenliteratur niemand der dramatischen Radikalität Samuel Becketts so ebenbürtig geworden wie der 2011 verstorbene Kärntner Autor Werner Kofler in seinem einzigen Theatertext Tanzcafé Treblinka.

Das 2001 im Auftrag des Stadttheaters Klagenfurt verfasste 90-minütige Stück besteht aus zwei aneinandergereihten Monologen. Der erste Monolog führt dem Publikum einen Mann vor Augen, der ganz im Gestern des Nationalsozialismus befangen ist. Vollkommen unkritisch gegenüber der Unmenschlichkeit der NS-Tötungsmaschinerie, ja immer noch beeindruckt von ihrer Effizienz, dabei begeistert von der Schönheit von Sonnenuntergängen oder kulturellen Ereignissen wie der "Kriegswinter-Zauberflöte" am Klagenfurter Stadttheater – damals "Grenzlandtheater" -, leistet er eine paradoxe Erinnerungsarbeit.

Unheimliche Nostalgie

Während es hier scheint, als wäre die damalige Zeit stehengeblieben, erweckt der zweite Monolog den Eindruck, als hätte sie gar nicht stattgefunden. Der Ewiggestrige, gewissermaßen der Geist des am 31. Mai 1945 in britischer Gefangenschaft durch Selbstmord der Justifizierung entgangenen Wahlklagenfurter NS-Verbrechers Odilo Globocnik, wühlt mit unheimlich anmutender Nostalgie in seinen Erinnerungen.

Grausamkeit um Grausamkeit prallt an seinem Gegenüber, dem Vergangenheitsverweigerer, allerdings ab. Erst ganz zum Schluss verrät dieser indirekt in einer Suada über alles, wovon er nichts gewusst haben will, dass er es eben doch gewusst hat. Das muss er auch, handelt es sich in seiner Person doch gewissermaßen um den Geist von Globocniks ehemaligem Adjutanten im Vernichtungslager Treblinka, Ernst Lerch.

Monolog der Verdrängung

Dieser betrieb nach dem zigtausendfachen Morden in der Klagenfurter Innenstadt jahrzehntelang höchst erfolgreich das Tanzcafé Lerch, in dem nach Werner Koflers Ansicht jedes Gedenken an die NS-Vergangenheit trivialkulturell ebenso gelöscht werden sollte wie später sportlich etwa mit den Klagenfurter Beach-Volleyball-Events.

Globocniks Alter Ego erscheint in Ute Liepolds beachtenswerter Neuinszenierung in den Kammerlichtspielen der Wörtherseestadt als gut gelaunter Moderator einer gespenstischen TV-Conférence. Wie Marcus Thill in dieser Rolle die "Kamingespräche unter Massenvernichtern" aufleben lässt, jagt einem den Schauder über den Rücken. Und Andreas Jähnert läuft in seinem erschreckenden Verdrängungsmonolog in einer auch athletisch erstaunlichen Leistung der Vergangenheit davon, jeder Verantwortung und jeglichem Mitgefühl. (Michael Cerha, 28.1.2017)

  • Eindringlich und grell inszenierte Monologe des Verdrängens: Zentral ist bei Werner Koflers Stück  "Tanzcafé Treblinka" das vermeintliche Nichtwissen um die Verbrechen der Vergangenheit.
    foto: stefan schweiger

    Eindringlich und grell inszenierte Monologe des Verdrängens: Zentral ist bei Werner Koflers Stück "Tanzcafé Treblinka" das vermeintliche Nichtwissen um die Verbrechen der Vergangenheit.

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