Integration ist eine Semmel – Wie ich Österreicher wurde

Glosse29. Jänner 2017, 12:00
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Wie ich Österreicher wurde

"Geh in den Park!", sagt mein Vater. "Such ein paar Österreicher und mach sie zu Freunden!", sagt meine Mutter. "Warum?", sage ich. "Weil die schon länger da sind als wir und besser wissen, wie es hier läuft!", sagen meine Eltern im Duett. Doch meine Integration beginnt viel früher. Mit einer Semmel.

Diaspora-Blues

Im Rückblick ist es so: Mitte der 60er-Jahre, also zu einer Zeit, als Jugoslawien gerade am Beginn seiner goldenen Periode steht, werden meine Eltern zu Gastarbeitern und ich zu einem der vielen jugoslawischen Kinder, die von Oma und Opa zu Bett gebracht werden.

Ohne Mutters Trost ein Kind zu sein ist schon traurig genug. Noch trauriger ist die kindliche Unfähigkeit, ihre Beweggründe zu verstehen. Ganz besonders, wenn man sogar als Kind erkennen kann, dass die Eltern anderer Kinder in Jugoslawien ja Arbeit haben, Wohnungen haben, eine Datscha an der Donau oder ein kleines Sommerhaus am Meer und viele auch noch ein Auto. Und wenn man weiß, dass die Mütter dieser Kinder jeden Tag umarmt werden können und jeden Abend da sind, um sie in den Schlaf zu kosen.

Ein Kind kapiert eben nicht, dass Erwachsene manchmal nur deswegen in die Fremde gehen, weil ihnen ihr Glück in der Ferne größer scheint. Selbst heute noch plagt mich ein immer wiederkehrender Albtraum. Er hat keine Handlung. Ich träume nur unendliche Traurigkeit. Und weiß nicht, warum.

Vorgeschmack auf Österreich

Nach sechs langen Monaten kommen meine Eltern für wenige Tage nach Beograd. Mein Vater ist schon vor meiner Mutter nach Wien gefahren, und so sehe ich ihn zum ersten Mal seit, ich drei bin. Es ist Silvester 1966/67, in zwei Jahren werden die ersten Menschen auf dem Mond landen.

Meine Eltern bringen Geschenke, an die ich mich heute nicht mehr erinnern kann, weil ein Gegenstand, der nicht zu den Geschenken gehört, meine volle Aufmerksamkeit erregt: eine schon recht trockene Semmel. Sie ist ein Überschuss aus dem Reiseproviant. Alles an ihr ist fremd. "Das nennt man Semmel, sie ist ein rundes Stück Brot", sagt meine Mama. Die gebogenen Einkerbungen sind ein besonderes Rätsel. "Wozu sind die gut, Mama?", frage ich. "Keine Ahnung, die Austrijanci finden das putzig ... glaub' ich", sagt meine Mama. "Schmeiß das in den Mist! Ist schon ganz trocken und hart!", sagt mein Papa.

Aber ich behalte die Semmel und gehe ins Schlafzimmer, wo ich ganz allein mit ihr sein kann. Wie unser Vorfahre, der mächtige Affe, rieche ich daran und betaste die Form. Dann lecke ich an der Kruste. Und dann beiße ich ein Stück ab. Heute weiß ich, wie eine trockene Semmel schmeckt, und mache höchstens Semmelknödel daraus. Zum Schweinsbraten. Aber damals schmeckt sie mir, so wie Manna den Israeliten geschmeckt haben muss.

Den Rest des Tages schleiche ich immer wieder ins Schlafzimmer, hole die Semmel unter meinem Polster hervor und beiße noch ein Stück heraus. Am Abend ist nur ein Haufen Krümel in meinem Bett übrig. Der Geschmack von aantrickert'n Semmerln ist meine erste Begegnung mit Austrija.

Xenomorphe Ćevapi und Zwiebelsenf

Damit ich nicht so traurig bin, dass Oma und Opa jetzt diejenigen sind, die ich monatelang nicht umarmen kann, bringen meine Eltern mich in den Prater. Außer dem Autodrom, das es in Jugoslawien zwar auch gibt, wohin mich aber Oma und Opa nie bringen, begegne ich hier einer Köstlichkeit, die ich auf dem Totenbett nicht missen will.

Mein Vater bestellt im Prater Ćevapčići, die weder wie Ćevapčići aussehen noch so schmecken, weil die Austrijanci nun mal keine Ahnung haben, was ein Ćevap ist. Und im Laufe des letzten fast halben Jahrhunderts, seit ich hier bin, haben sie es noch immer nicht kapiert. Doch zum Glück ist ein Batzen Zwiebelsenf auf dem Teller. Er macht die falsche Konsistenz, Größe, Form und den falschen Geschmack des Pseudo-Ćevap wieder wett. Ich bin dem Zwiebelsenf so dankbar, dass ich ihn auch heute noch selbst zu jeder Speise mache, die ihn verträgt. Und zu mancher, die ihn nicht verträgt.

Einfach weil mir der Geschmack von Zwiebelsenf diesen sonnigen, gar nicht traurigen Tag im September 1971, mit Mama und Papa im Prater, jedes Mal zurückbringt.

Der Austrijanac – dein Freund

Im Laufe meiner Diaspora begegne ich genug Menschen, um festzustellen, dass der durchschnittliche Österreicher nicht anders ist als ein durchschnittlicher Maori aus East Tamaki in Auckland. Oder wir Tschuschen.

Ich bin auf den Reisen, die meine Freundin und mich bis fast ans Ende der Welt bringen, Idioten, Fremdenhassern und Rassisten begegnet. Selbst unter Maori, sanften Kubanern und singenden Italienern sind solche zu finden. Und ich habe schlechtere Erfahrungen mit den eigenen Landsleuten in der Fremde gemacht als mit den "autochthonen" Eingeborenen. Ganz besonders in Österreich.

Für jene Österreicher, die mir seit meiner Ankunft immer wieder einmal das Wort "Tschusch" an den Kopf werfen, habe ich mir inzwischen einen Spruch überlegt, den ich manchmal sage und manchmal nur denke, je nach Situation. Er lautet: "Bravo! Du bist ehrlich! Eine dumpfe Nazisau, aber wenigstens ehrlich! Ich gratuliere dir zu deinem Leben!" Und lasse die dumpfe Nazisau stehen.

Die anderen Österreicher sind Freunde, die mich schon ein halbes Leben (und länger) begleiten. Weil ich den ersten Rat in der Fremde, den mir Mama und Papa geben, stets befolge: "Geh in den Park! Such ein paar Österreicher und mach sie zu Freunden!" Nur dass ich sie später nicht ausschließlich im Park suche.

Meinem Sohn muss ich diesen Rat nicht geben. Er ist seit seiner Geburt dort angekommen, wohin einst mein Vater und meine Mutter aufgebrochen sind. Und ihre und meine Fremde ist nun sein Zuhause. Allerdings kann ich diesen Rat jedem anderen geben, der frisch hier ist: Liebe Neuankömmlinge, schickt eure Kinder in den Park und sagt ihnen, sie sollen sich Österreicher zu Freunden machen.

Das ist es wert. Glaubt mir. (Bogumil Balkansky, 29.1.2017)

  • Balkansky mit einer österreichischen Semmel.
    foto: bogumil balkansky

    Balkansky mit einer österreichischen Semmel.

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