Was steckt hinter kindlicher Aggression?

Kolumne29. Jänner 2017, 17:00
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Wenn Kinder andere schlagen, tun sie das meist, weil sie unglücklich sind oder sich nicht beachtet fühlen

Frage

Unsere Tochter ist 22 Monate alt und ist teilweise sehr aggressiv. Begonnen haben die Aggressionen bereits vor dem ersten Geburtstag. Zwischendurch war sie sehr grob, was sich durch Zwicken, Beißen und Schlagen ausgedrückt hat – sowohl uns Eltern gegenüber wie auch den Großeltern, Kindern jeder Altersgruppe und auch Hunden. Mittlerweile schlägt und zwickt sie uns nur mehr, wenn sie müde ist oder etwas nicht darf. Gleichaltrige müssen aber immer noch einiges einstecken. Das belastet vor allem die Freundschaft zu meiner besten Freundin zunehmend, die eine Tochter im Alter meiner Tochter und ein drei Monate altes Baby hat.

Manchmal erscheint das grobe Verhalten meiner Tochter völlig grundlos: Sie zieht andere im Vorbeigehen an den Haaren oder schubst und schlägt sie. Wir begegnen diesem Verhalten nie mit Gewalt, sagen entschieden Nein und versuchen durch übertriebenes Ausdrücken von Schmerz, Mitgefühl bei ihr auszulösen. Auf Letzteres reagiert sie immer öfter mit Bussigeben und "Ei ei".

Also habe ich die Hoffnung, dass sie versteht, was sie da macht. Trotzdem sind die Treffen mit meinen Freunden sehr stressig, und ich kann mich keine Sekunde entspannen, da ich jederzeit damit rechnen muss, dass ein anderes Kind von meiner Tochter verletzt wird. Ansonsten ist sie ein sehr aufgewecktes Kind, kann bereits seit ihrem ersten Geburtstag gehen, spricht sehr viel und ist an allem interessiert.

Demnächst kommt sie halbtags in die Kinderkrippe. Davor fürchte ich mich natürlich, da ich vor allem für meine Tochter nicht will, dass sie aufgrund ihrer Aggressionen ausgeschlossen wird.

Antwort

Kinder benehmen sich nur so, wie Sie es beschreiben, wenn sie unglücklich sind oder sich nicht gesehen fühlen. Wie Sie schon festgestellt haben, provoziert aggressives Verhalten viel an unmittelbarer Aufmerksamkeit. Das macht Eltern und auch manche Fachleute aber noch blinder für die eigentlichen Ursachen. Und so beginnt wie in Ihrer Familie ein heftiger, beinahe bösartiger Kreislauf.

Da das Problem Ihrer Tochter bereits länger als ein Jahr besteht, kann es sein, dass es für Sie beide sehr schwierig wird, zum Ursprung vorzudringen. Sie können es auf jeden Fall versuchen. Leider kenne ich zu wenige Details und konkrete Beispiele aus Ihrem Familienalltag, um Ihnen einen konkreten Vorschlag anbieten zu können.

Als kleine Hilfestellung im Moment ist es bestimmt von Nutzen, sich ein vollständiges Bild darüber zu machen, wie sich jene Kinder entwickeln, die scheinbar alles von ihren sie liebenden Eltern bekommen. In meinem Buch "Aggression" schreibe ich ausführlich darüber.

Die gleiche aggressive Reaktion zeigen allerdings auch Erwachsene in einer unglücklichen Liebesbeziehung, denen es nicht gelingt, ihre Gefühle in Worte zu fassen. (Jesper Juul, 29.1.2017)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 12. Februar 2017.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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