Der Goldene Maulwurf: Lob des Feuilletonismus

27. Jänner 2017, 18:07
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Der Preis für das beste Feuilleton des Jahres ist nicht mehr. Ohne ihn wird die Welt nicht mehr dieselbe sein

Seit ungefähr vierzehn Tagen lässt sich an der traurigen Wahrheit nicht mehr herumdeuten: Der Goldene Maulwurf ist tot. Der Goldene Maulwurf, für jene, die ihn nicht kennen, war der rein ideelle, d. h. finanziell völlig unrentable und nicht einmal mit einer realen Plakette verbundene, aber umso prestigeträchtigere Preis für das beste Feuilleton des Jahres. Immer kurz nach Jahreswechsel wurde er auf dem Feuilleton-Blog Der Umblätterer vergeben, verantwortlich zeichnete das "Consortium Feuilletonorum Insaniaeque".

Dieses vielköpfige Konsortium betrieb auf genanntem Blog (und betreibt in kleinen Dosen immer noch) die unterschiedlichsten Projekte, die alle "in der Halbwelt des Feuilletons" angesiedelt waren und sich dort irgendwo zwischen elaboriertem Scherz und fanatischer Sammelwut bewegten: Einen Kanon hundertseitiger Weltliteratur gab es da beispielsweise, eine Liste kulturhistorisch bedeutender 'Doppelrufe' ("I get it! I get it!" – Tony Soprano), ein Kaffeehaus des Monats, verschiedenste Bestenlisten, Serienkommentare und so fort: wilder Archivismus gegen das Überangebot, gegen Orientierungsverlust und Vergänglichkeit.

Sanft entschlafen

2010 gab es dafür eine Nominierung für den Grimme Online Award, dazu Erwähnungen in der deutschen Presse (auf der Seite selbst angeführt), Einträge in entsprechenden Nachschlagewerken; hierzulande nachweislich sehr beliebt war die Sammlung vossianischer Antonomasien. Das Herzstück war jedoch sicherlich der Maulwurf: "Einmal alle Zeitungen, bitte" – wer das über mehr als ein Jahrzehnt hinweg betreibt, seit 2005 nämlich, hat es wohl tatsächlich nicht mehr weit bis zur namensgebenden "Insania".

Nun wurde der Preis eingestellt, und das kam zugegebenermaßen nicht ganz überraschend: insofern, als es nämlich schon vor einem Jahr angekündigt worden war. Trotzdem gab es einen guten Grund, an seine Wiederauferstehung zu glauben: Wiederauferstanden war er nämlich schon damals, Anfang 2016, nachdem er schon im Jahr davor offiziell eingestellt und dann noch einmal aufgelegt worden war. Nun allerdings ist er schon zu lange überfällig. Allem Anschein nach ist er irgendwo in den Tiefen des Feuilleton-Humus sanft entschlafen.

Ins Weltganze einordnen

Sein Vermächtnis jedoch bleibt erhalten: Die im Lauf der Jahre prämierten Texte sind online meist noch verfügbar und wohlverlinkt, dem Feuilleton-Binge-Reading steht nichts im Wege. Inhaltlich sind die Siegertexte, um das Mindeste zu sagen, breit aufgestellt: Literaturkritik findet sich natürlich darin, Interviews, Porträts, auch politische Kommentare (Schirrmacher fast links! Botho Strauß weiterhin nicht links!), Geigenhass und Rapper-Diss, Rezensionen in Reimen, Rezensionen in Frageform, Sentiment und Zerstörungslust, Algorithmenapologetik und Verdammung des digitalen Buchstabens, die Dünkel der Stardirigenten und die Bauchnabel bei Cranach. Ein Lindenstraßen-Artikel mit "Mindfuck-Qualität" wurde ebenso prämiert wie der James-Bond-Verriss, der Spectre mittels Derrida-Verweises ins "Weltganze" einordnete.

Würde man die 110 Texte ausdrucken und binden, ergäbe das ein umfangreiches Kompendium von großer Aussagekraft, ohne dass natürlich letztgültig geklärt werden könnte, worüber eigentlich. Beim Lesen entstünde wohl der Eindruck, im Feuilleton herrsche das Chaos. Einhalt gebieten da, wenn überhaupt, die inoffiziellen Kategorien der Laudationes. Diesen lässt sich zumindest eine Art innere Gliederung ablesen: "Der Verriss des Jahres!", "Das Interview des Jahres!", "Der beste Wenn/dann-Satz des Jahres!"; und so fort.

foto: martin argyroglo
Blick in die Weiten der Kultur. Mehr als ein Jahrzehnt prämierte Der Goldene Maulwurf Feuilletons. Im Bild: "Nacht der Maulwürfe. Welcome to Caveland!", Steirischer Herbst.

Die Laudationes trugen, wie vielleicht schon deutlich wurde, nicht unwesentlich bei zum Vergnügen an der jährlichen Lektüre der Preisträgertexte. Der Ton hyperventilierender Begeisterung und die hohe Rufzeichendichte ließen dabei fast übersehen, was da eigentlich zu lesen war.

Recht bald wurde unverkennbar, dass es den Mitgliedern des Konsortiums mit ihrem Preis nicht allzu ernst war: Nicht selten klang das vermeintliche Lob mit jeder angeführten Belegstelle ein bisschen mehr nach Häme; so manches "Fabelhaft!" ließe sich wohl als "Erbärmlich!" ins Deutsche übersetzen. Es kam vor, dass ein gesamter Text als "katastrophaler Umweg" zu einem einzigen lohnenden Satz bezeichnet wurde, und es kam sogar vor, dass ein derart prämierter Autor sich der Auszeichnung öffentlich rühmte, ein Manöver, bei dem jedenfalls Humor vorzuschützen war.

Das Konsortium, indem es ungebrochen schimpfte und auch das als Lob ausgab, agierte in solch luftigen Höhen der Ironie, dass der Kontakt zu tatsächlichen Urteilen längst verloren schien (und das umfassende Lob österreichischer Tageszeitungen sollte man lieber nicht einfach so hinnehmen).

Gedruckter Wahnwitz

Was zur Frage führt: Was wurde hier eigentlich prämiert? Praktischerweise gab das Konsortium selbst Antwort. Unbedingter Feuilletonismus, wie Frank Fischer als Sprecher des Konsortiums feststellt/-legt, ist gedruckter Wahnwitz, anspielungsreiche, an- und untergriffige "Intellektuellen-Soap"; Feuilleton at its best und Feuilleton at its worst sind dementsprechend ununterscheidbar.

Unverkennbar wird also, dass es den Mitgliedern des Konsortiums mit ihrem Preis ernst war: Feuilletonismus ist Luxus, Streitlust und Eitelkeit, aber auch, um gegen Ende dieses Nachrufs auch noch solche Töne anzuschlagen: Freiheit. Täglich stößt man dort auf den schönsten Überschuss, auf Dinge, die weder politisch noch ökonomisch (noch ästhetisch) völlig verrechenbar wären.

Bei allem Spott der Laudationes, ihrem zur Maske geronnenen Augenzwinkern, bei all den bewussten Manierismen und Querverweisen "sinnlos überinformierter Menschen" (Selbstbeschreibung) war der Maulwurf hingebungsvolles, vorbehaltloses Lob dieses Feuilletonismus, und auch ihm selbst gebührt solches Lob, wenn es nun auch leider nachgetragen werden muss.

Geist der Gegenwart

Übrigens: Aus den Laudationes lassen sich ganz konkret Bestandteile eines guten Feuilletons ableiten, hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Feuilleton schlägt den Bogen zum großen Ganzen, von wo auch immer; Feuilleton läuft aus dem Ruder, Vergleiche werden nicht schlechter dadurch, dass sie völlig überzogen, Thesen nicht dadurch, dass sie unhaltbar sind; Urteile sind auch unbegründet willkommen; sogar schlechte Witze dürfen nacherzählt werden.

In diesem Sinne: Der Goldene Maulwurf war die gnackwatschenaffine Mauerschau des Bildungsbürgertums. Aus seinem irr schillernden Wertungsexzess sprach, sagen wir: der Geist "des Internets", ach was: "der Gegenwart" zu uns. Ohne ihn wird die Welt nicht mehr dieselbe sein. Und kürzlich, gegen Ende des unseligen Jahres 2016, war über Chuck Norris zu lesen, er sei verstorben, es gehe ihm aber schon wieder viel besser. Kaum wagt man zu hoffen, dass der Goldene Maulwurf der Chuck Norris des Online-Feuilletonismus ist. (Bernhard Oberreither, 28.1.2017)

Link Der Umblätterer (für die Jahrgänge des Maulwurfs siehe rechte Spalte)


Auswahl aus den letzten Jahrgängen

Fabian Wolff gegen den Serien-Hype (Zeit online, Juni 2015)
Edwin Baumgartner über das Weltkriegssachbuch (Wiener Zeitung, Mai 2014)
Roland Reuß über das Schriftbild (NZZ, Februar 2011)
Frédéric Schwilden über Gangsta-Rap und Altersarmut (Die Welt, November 2014)
Andreas Puff-Trojan über Padgett Powell (Der Standard Album, Jänner 2013)

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