Frau Mandls Gespür für Schnee

27. Jänner 2017, 17:23
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Manuela Mandl will "eine alte Freeriderin werden". Deshalb studiert die Snowboarderin Schnee und Berg akribisch. Einmal geriet sie in eine Lawine. Es ging gut aus. In Chamonix hofft sie auf einen guten Ausgang

Chamonix/Wien – "Wir sitzen den ganzen Tag auf dem Berg", erzählt Manuela Mandl. Der Berg ist in Chamonix (Frankreich). Das Prozedere nennt sich Facecheck. "Man muss sich alles genau anschauen." Aus verschiedensten Positionen. Und das kann dauern. Gesucht wird das geeignete "Face". Also der Bereich eines Bergs, wo ein Wettkampf ausgetragen wird. Gefahren wird nur, "wo de facto keine Lawinengefahr besteht".

Freilich, völlig auszuschließen ist die Gefahr nie. Manuela Mandl ist Snowboarderin, Freeriderin. Abgesicherte Pisten sind nicht ihr Gelände. "Schon als Kind bin ich lieber auf Waldwegen Ski gefahren." Mit 13 wechselte die Wienerin auf das Board. In Haus im Ennstal, wo ihre Eltern eine Wochenendhütte hatten, lernte sie Leute aus der Freerider-Szene kennen. Das Freeriden wurde mehr und mehr zu Mandls Leidenschaft. Und Mandl wurde besser und besser.

Mandl schaffte es auf die World Tour

So gut, dass sie heuer erstmals in der obersten Liga, der World Tour, mitfahren darf. Als eine von nur acht Boarderinnen. Der Auftakt der Contest-Serie steht unmittelbar bevor. Eben in Chamonix. "Ich habe schon kleine Schlafstörungen." Zu viel will sie sich nicht erwarten. "Aber ein Stockerlplatz wäre extrem cool."

Vor etwa fünf Jahren fuhr Mandl das letzte Mal in Chamonix. "Ich habe eine ungefähre Vorstellung von den Schneebedingungen." Dementsprechend wird sie ihren Lauf gestalten. Grundsätzlich will sie "Runs mit Köpfchen" zeigen.

foto: mikaela hollsten - freeride.se/blog/mikaela
Manuela Mandl springt über Felsen, Hügel und Wechten (im Bild in Gastein) und versucht dabei den Judges zu gefallen.

Mandls Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. "Wir können machen, was wir wollen." Eineinhalb bis drei Minuten wird sie auf dem Face unterwegs sein. Drops (Sprünge über Felsen) und Rollers (Sprünge über Hügel oder Wechten) kann sie einbauen, Buttchecks (unsaubere Landungen) und Tomahawks (Stürze mit mehreren Überschlägen) würden sich eher negativ in der Bewertung niederschlagen.

Schlechter Schnee in Chamonix

Das Freeride-Vokabular ist eigen (siehe unten). "Wir sind hier gerade 'on hold'", meldet Mandl aus Chamonix. Zu schlechte Schneebedingungen. Der Bewerb wurde vorerst auf Montag verschoben.

nendazfreeride

Am liebsten fährt die 28-Jährige auf "Powder, 20 bis 30 cm". Viel Neuschnee sei nicht gut, viel alter Schnee auch nicht. Mandl hat ein gutes Gespür für Schnee. Das sollte eine Freeriderin auch haben. Zur eigenen Sicherheit. Im Vorjahr kamen zwei prominente Freeriderinnen ums Leben. Die zweifache Snowboard-Weltmeisterin Estelle Balet aus der Schweiz wurde ebenso von einer Lawine verschüttet wie die Freeskierin Matilda Rapaport. Die Schwedin war mit dem Slalomfahrer Mattias Hargin verheiratet.

Airbag half Mandl aus der Lawine

Auch Mandl geriet schon einmal in eine Lawine. Sie reagierte nicht panisch, löste den Airbag ihres Lawinenrucksacks aus. Die Sache ging gut aus. Die Kunst-Studentin weiß um die Gefährlichkeit ihres Sports. "Man muss das Risiko minimieren, man muss wissen, wie sich der Schnee verhält."

Kopflos riskieren will sie keinesfalls. Der Sport fasziniert sie viel zu sehr. Nebenher macht sie diverse Jobs, um über die Runden zu kommen. Sie arbeitet auf Messen, macht Medienarbeit für Freeride-Filmfestivals, schreibt für Ski-Apps. "Ich lebe sparsam, ich gehe kaum auf ein Bier."

foto: eva walkner - evawalkner.com
Manuela Mandl hat ein gutes Gespür für Schnee. Das sollte eine Freeriderin auch haben. Zur eigenen Sicherheit.

Mandl ist viel unterwegs. Als Wienerin hat man die Berge nicht vor der Haustür. In Salzburg und in der Steiermark hat sie sich auf die Saison vorbereitet. "Ich habe probiert, auf verschiedenen Schneebedingungen zu trainieren. Jeder Berg ist anders."

Im April wird sie gemeinsam mit dem Tiroler Flo Orley zwei Wochen in Island verbringen, dabei unter anderem vom Vulkan Eyjafjallajökull abfahren. Natürlich wird der Schnee auch dort genau geprüft. Denn neben Podestplätzen hat Mandl vor allem ein Ziel: "Ich will eine alte Freeriderin werden." (Birgit Riezinger, 27.1.2017)

Freeride-Glossar

Face: Teil vom Berg, wo ein Contest gefahren wird, aber auch ein allgemeiner Ausdruck (z.B. "Wir sind heute das Ostface vom Hauser Kaibling gefahren")

Facecheck: Besichtigung des Face von Aussichtspunkten – meist am Gegenhang

Line: Linie, die durch das Face gewählt wird

Drop: Nach unten orientierter Sprung über Felsen, Wechten oder ähnliches

Roller: Sprung über Hügel/Wechte – Flugkurve ist runder als beim Drop, das Gefälle ist nicht so hoch

Sluff/Lockerschnee: Im Unterschied zu einer Lawine/einem Schneebrett bewegt sich nur der Schnee, der mechanisch von dem Fahrer/der Fahrerin abgelöst wurde – bei einem Schneebrett bzw. einer Lawine setzt sich ein Riss in der Schneedecke fort und eine wesentlich größere Schneemenge bewegt sich

Sluffmanagement: richtiger Umgang mit dem Lockerschnee – oft entwickelt der Lockerschnee so viel Momentum, dass ein Fahrer/eine Fahrerin leicht umgerissen, den Berg "hinuntergespült" werden kann. Wie vermeidet man das? Entweder schneller als der nachrutschende Schnee fahren, oder genau überlegen, was der Lockerschnee tun wird und nicht hineinfahren

No Fall Zone: Stellen am Berg, wo im Falle eines Sturzes akute Absturzgefahr besteht. Unsicherheiten oder Stürze in solchen Bereichen führen in Wettkämpfen zu hohen Punkteabzügen.

Buttcheck: unsaubere Landung nach einem Sprung – das Gesäß berührt den Schnee.

Tomahawk: Sturz mit mehreren Überschlägen, meist im steileren Gelände.

Bombhole: Landungsspur nach einem Drop – je mehr Personen gesprungen sind, desto schwieriger wird es, eine gute und weiche Stelle zum Landen zu treffen.

Links

Manuela Mandl

Freeride World Tour

  • Manuela Mandl hat es als Wienerin in die Weltelite der Freeriderinnen geschafft.
    foto: saul ferguson

    Manuela Mandl hat es als Wienerin in die Weltelite der Freeriderinnen geschafft.

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