Digitalisierung muss global gedacht werden

Gastkommentar2. Februar 2017, 09:00
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Zentrale Fragen zur Transformation, die noch immer ethnozentrisch gedacht wird – und welche Antworten wir brauchen

Der südafrikanische Science-Fiction-Film District Nine war bislang einer der wenigen dieses Genres, der in der südlichen Halbkugel spielt. Roboter und lernende Maschinen – so hat es den Eindruck – sind vor allem in den Ökonomien des Nordens zu Hause. Während die entwickelten Volkswirtschaften gerade dabei sind, zu verstehen, was die Vernetzung, Robotisierung und die Substituierung menschlicher Entscheidungen durch lernende Maschinen bedeutet – wobei hier keinesfalls immer eindeutige Bilder entstehen -, stecken derartige Betrachtungen für die Peripherie noch in den Kinderschuhen.

Digitalisierung wird also paradoxerweise noch nicht wirklich global gedacht, sondern ethnozentrisch. Ist im Norden klar, dass auf lange Sicht etliche Arbeitsplätze, wenn schon nicht verlorengehen, dann zumindest in hochqualifizierte Rollen transformiert werden, so ist im Süden offen, was mit Niedriglohnarbeitern geschehen soll, die noch immer dreimal so viel kosten wie ein eingespielter Roboter.

Wenn im Norden ebenfalls immer erkennbarer wird, dass die Unterstützung des Individuums durch eine staatliche Absicherung gewährleistet werden muss, ist in der Peripherie völlig unklar, wie soziale Transfers aussehen und finanziert werden können. Mit Ausnahme von Brasilien, welches unter Lula das "Bolsa Familia"-Programm zur Unterstützung der ärmsten Schichten einführte, gibt es kaum nennenswerte Erfahrungen oder Anstrengungen.

Unter Druck

Die vielen einfachen Routinetätigkeiten in der Peripherie werden wohl bereits in den ersten Wellen der Robotisierung unter Druck geraten. Was passiert mit den hunderttausenden Arbeiterinnen in der Textilindustrie, die Massenware herstellen, wenn Roboter nähen lernen? Hier ist die menschliche Hand noch immer notwendig – einer der vielen Widersprüche, welche unter dem Moravec'schen Paradox zusammengefasst sind: Roboter können zwar Schach spielen, aber aufgrund motorischer und sensorischer Einschränkungen noch keinen Stoff nähen, dieser muss ja von der Näherin immer wieder gestrafft und zurechtgelegt werden. Aber wie viel Zeit hat man noch? Fünf oder zehn Jahre? Was dann passiert, zeigt die Schuhindustrie.

Roboter können einfacher Schuhe fabrizieren, als Hosen nähen, und so konnte bereits ein deutscher Sportbekleidungshersteller die Produktion wieder in den Westen zurückverlegen: Die Roboterfabrik soll ab 2017 Sportschuhe "made in Germany" produzieren, weitgehend autonom. Auch die Autozulieferindustrie kommt unter Druck, wenn die Karosserie und Antriebstechnik elektrischer Autos immer reduzierter und die Software das Wichtigste wird. Wenn ganze Plattformen verschwinden, sinkt auch der Bedarf an zugelieferten Teilen.

Vor allem im Süden

Was passiert aber in einem Land, wenn bei hoher Basisarbeitslosigkeit zusätzlich ganze Produktionslinien verschwinden? Auch entwickelte Länder kämpfen mit der "Vision", Menschen, die durch die dumpfen Produktionsprozesse ihre Kreativität und Eigeninitiative "herausgeprügelt" bekommen haben.

Wie kann aber eine solche Transformation in den Entwicklungsländern aussehen? Das unbarmherzige Aufeinandertreffen von Mensch und Maschine wird vor allem im Süden stattfinden.

Die lokalen Universitäten sind qualitativ schlecht, produzieren stur am Bedarf vorbei und stärken nicht die Eigeninitiative. Können Lernplattformen, wie sie etwa in der arabischen Welt entstehen, hier Abhilfe schaffen? Man kann sich zumindest für die jüngere Generation vorstellen, dass das lokale Bildungsangebot durch erstklassige virtuelle Lerninhalte ein Upgrade erfährt. Die neuen Produktionsmöglichkeiten (3-D-Drucker, Kollaborationsplattformen) stärken auch die Importsubstitution: "Wenn man Autos reparieren kann, kann man sie eigentlich auch bauen", verriet mir ein Fachmann. In den Entwicklungsländern gibt es einfallsreiche Mechaniker, und es gibt bereits erste Autos auf dem Markt, die auch mit lokalen Mitteln "ausgedruckt" werden können. Auch mit Daten können Länder Geld verdienen. Allerdings sind es heute die Länder des Nordens, die hierbei führend sind.

Szenarien wie aus Science-Fiction-Filmen

Bei einer Diskussion mit ägyptischen Fachleuten zeigte sich aber etwa, dass man Daten über die durch den Suezkanal fließenden Warenströme auswerten und als Teil einer Beratungsleistung an Logistikunternehmen verwerten könnte.

Die abschließende Frage lautet natürlich, ob die Peripherie in der Lage sein wird, dies alles zu schaffen: Wird die Digitalisierung nicht nur Unternehmen, sondern auch Staaten neu konsolidieren, aufspalten oder gar untergehen lassen? Es fällt plötzlich nicht schwer, sich Szenarien vorzustellen, die man aus vielen Science-Fiction-Plots kennt. Die Welt entwickelt sich auch durch die Roboter und Maschinen uneinheitlich: Entwickelte High-Tech-Regionen sind umgeben und durchsetzt von No-Go-Zonen, die zivilisatorisch aufgegeben wurden und deren Einwohner von Mauern (und Robotern) gehindert werden, diese zu überwinden. So völlig utopisch kommt dies einem nach dem letzten Migrationsströmen und den politischen Reaktionen in Europa und den USA nun auch nicht mehr vor.

Die Umstellung in Europa wird schmerzhaft, sie wird aber gelingen, weil sowohl Kapital, Technologien als auch Fähigkeiten vorhanden sind. (Auch hier können allerdings Staaten durch ethnonationalistische Spannungen auseinanderbrechen: Großbritannien, Belgien ...) Auch die Transferzahlungen werden sich trotz des dadurch beförderten Rassismus und Abgrenzungsreaktionen zum Trotz bewerkstelligen lassen: In dem Maß, in dem Menschen weniger besteuert werden, kann der Roboter als Steuerzahler einspringen.

Globale Auswirkungen

Für die Peripherie allerdings, die heute mehr oder weniger schlecht überlebt, stellt sich die Frage, wer diesen Umstieg bezahlen soll, wie die Bevölkerung geschützt, motiviert und unterstützt wird. Denkbar sind völlig andersartige Strategien, wie etwa das Leap-Frogging: Hier können durch neue Technologien ganze Entwicklungsstufen ausgelassen werden und gleich neue Industrien aufgebaut werden.

So zeigt sich im südlichen Afrika, dass durch den Einsatz von Smartphones und klugen Anwendungen der mangelhafte traditionelle Bankensektor "übersprungen" werden kann. Im Bildungsbereich zeichnen sich ähnliche virtuelle Angebote ab, die die traditionelle Bildungsindustrie ergänzen oder substituieren können. Offen bleiben auch noch in den meisten Ländern die Verteilungsfrage und die demografische Entwicklung.

Die Frage der Digitalisierung wird wohl auch die Beziehungen zwischen den Ländern des Nordens und des Südens bestimmen. Eine neue Art der Entwicklungspolitik – falls es so etwas dann noch gibt – wird notwendig. Fortschritt europäischer Prägung hatte immer auch eine dunkle Seite – Ausbeutung, Plünderungen und Diskriminierung. Gelingt es, eigene Plattformunternehmen aufzubauen, die in den globalen Wettbewerb eintreten, wie es der chinesische Kapitalismus zuwege gebracht hat? Wie können politische Disruptionen verhindert oder gemildert werden, die diese Transformation begleiten?

Es ist wohl notwendig, dass die Entwicklungsländer ihre politischen und ökonomischen Strategien schnell anpassen, wenn sie nicht durch die ersten Schockwellen zerbrochen werden wollen. Der Fokus auf die Möglichkeiten der Digitalisierung – Basiseinkommen, Bildung für jeden, der ein Smartphone hat, Kooperation und Ideenaustausch über bisherige Grenzen hinweg, Bottom-up-Solidaritäten – ist wohl der einzige Ausweg.

Und der Erfolg oder Misserfolg des Südens wird dann wieder globale Auswirkungen haben. (Ayad Al-Ani, 2.2.2017)

Ayad Al-Ani ist Wissenschafter am Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin.

  • Die Folgenabschätzung der Digitalisierung in Entwicklungsländern kommt viel zu kurz. Was passiert in Ländern mit hoher Basisarbeitslosigkeit, wenn ganze Produktionslinien verschwinden?
    foto: istock

    Die Folgenabschätzung der Digitalisierung in Entwicklungsländern kommt viel zu kurz. Was passiert in Ländern mit hoher Basisarbeitslosigkeit, wenn ganze Produktionslinien verschwinden?

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