Geschäftssterben: Onlinehandel nicht allein Schuld

27. Jänner 2017, 08:00
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Liberalere Öffnungszeiten helfen Geschäften im Wettlauf gegen Onlineanbieter kaum, sagt Handelsexpertin Hollbach-Grömig

Wien – Der offene Sonntag als Rettungsanker für kriselnde stationäre Händler der Innenstadt: Geht es nach Wiens ÖVP-Chef Gernot Blümel, sollen die Geschäfte der Bundeshauptstadt an sieben Tagen die Woche offenhalten dürfen. Nur so nämlich könne der Handel Webriesen wie Amazon Paroli bieten. Erfahrungen aus Deutschland zeigen freilich, dass liberalere Ladenöffnung den Umsatzabfluss ins Internet nur unwesentlich bremst.

Der Effekt der Sonntagsöffnung werde hier überschätzt, sagt Beate Hollbach-Grömig am Rande einer Tagung rund um den Onlinehandel auf Initiative des Städtebunds, der Stadt Wien und der Sozialpartner. Die Handelsexpertin des Deutschen Instituts für Urbanistik sieht in einer längeren Ladenöffnung nur einen kleinen Baustein, um Innenstädte zu stärken, zumal sie damit keine Alleinstellung hätten. "In Deutschland rudern hier einige Länder wieder zurück."

Stationärer Handel in Krise

Hollbach-Grömig führt die Krise stationärer Händler und die damit verbundene Schwächung vieler Stadtzentren nicht auf die boomende Onlinekonkurrenz zurück. Diese löse die Probleme nicht aus, sie verstärke sie nur.

Der Strukturwandel im Handel sei ein altes Thema. Österreich etwa hat die größte Verkaufsfläche pro Einwohner, was die Produktivität je Quadratmeter senkt. "Der stationäre Handel hat sich selbst kannibalisiert." Umsätze verlagerten sich weiters hinaus aus Innenstädten hin zu Fachmärkten und Einkaufszentren. "Die grüne Wiese ist nicht tot, sondern bei Immobilienentwicklern immer noch gefragt." Stagnierende Realeinkommen, der sinkende Anteil der Konsumausgaben für den Einzelhandel, verstärkter Wettbewerb unter den Händlern, Digitalisierung und demografischer Wandel: All das treibe die Veränderungen mit an.

Schwere Zeiten für kleine Geschäfte

Als Verlierer im Wettlauf mit Onlineanbietern macht Hollbach-Grömig vor allem kleinere inhabergeführte Geschäfte aus. Vor 16 Jahren sorgten diese in Deutschland für ein Drittel des Einzelhandelsumsatzes. Bis 2025 könnte ihr Anteil Prognosen zufolge auf rund zehn Prozent schrumpfen. Ähnliche Entwicklungen für nichtfilialisierte Unternehmen zeichneten sich auch in Österreich ab.

In Deutschland sei in den kommenden vier Jahren nahezu jedes zehnte Geschäft von Schließung bedroht. Von bis zu 50.000 betroffenen Standorten quer durch alle Regionen sei die Rede, erzählt die Handelsexpertin. Es brauche daher mehr Diskussionen über den Wandel der Innenstädte. "Nicht jedes Zentrum wird überleben."

Kooperationen

Hollbach-Grömig hebt die Bedeutung lokaler Aktivitäten und Kooperationen hervor. Nötig seien Investitionen in Ortszentren, bessere Parkmöglichkeiten, die Stärkung des Wohnens in Innenstädten. Der Aufbau lokaler Internetplattformen, gemeinsame Lieferservices wie auch liberalere Öffnungszeiten gelten gemäß einer Umfrage des Instituts für Urbanistik als weniger entscheidend. Was macht Städte laut Studien attraktiv? Ihre Gestaltung, Atmosphäre und ihr Erlebnischarakter. (vk, 27.1.2017)

  • Immer mehr Geschäftsinhaber klagen über fehlende Frequenz in den Läden, auch in Stadtzentren. Nicht immer ist es das Internet, das die Konsumenten vom Besuch der Geschäfte abhält.
    foto: apa/hochmuth

    Immer mehr Geschäftsinhaber klagen über fehlende Frequenz in den Läden, auch in Stadtzentren. Nicht immer ist es das Internet, das die Konsumenten vom Besuch der Geschäfte abhält.

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