Zu viele Antibiotika: Aufklärung tut not, denn sie wirkt

Blog27. Jänner 2017, 08:00
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Virusinfektionen werden zu oft mit antibakteriellen Mitteln behandelt. Weiß die Bevölkerung besser über Antibiotika Bescheid, sinken die Verschreibungen

Alle Jahre wieder: Jänner ist Grippe-Hoch-Zeit, Menschen husten, schnupfen und fiebern. Jedes Jahr steigen in dieser Zeit laut dem Nationalem Referenzzentrum für nosokomiale Infektionen und Antibiotikaresistenz auch die Antibiotika-Verordnungen sprunghaft an.

Ein guter Teil dieses Anstiegs ist darauf zurückzuführen, weil die Mittel gegen typische Winter-Erkrankungen verschrieben werden, die zum überwiegenden Teil Viren auslösen: Erkältungen und Schnupfen, Husten und Halsweh, grippale Infekte oder die "echte" Grippe – die Influenza. Und Antibiotika? Können bei bakteriellen Infektionen wie einer Lungenentzündung zwar Leben retten, bei viralen Erkrankungen sind sie aber ausnahmslos immer unwirksam.

Doch das ist hierzulande kaum bekannt, wie eine Eurobarometer-Erhebung in der EU-Bevölkerung von 2016 zeigt. Dort stimmten 62 von 100 Österreicherinnen und Österreichern der Aussage "Antibiotika killen Viren" zu. Nur 28 Prozent wussten, dass der Satz falsch ist. Damit liegen wir an drittletzter Stelle von 28 Staaten – hinter uns sind nur noch Malta und Griechenland platziert. In Österreich würde die Hälfte der Leute Antibiotika gegen Schnupfen nehmen, fast ein Viertel gegen Husten.

Uninformierte schlucken mehr

Nun sollte man hoffen dürfen, Ärztinnen und Mediziner würden die Wissenslücke füllen und die Menschen über den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika oder die Risiken bei zu häufiger und falscher Einnahme aufklären. Tatsächlich hat aber nicht einmal ein Viertel aller österreichischen Befragten jemals mit einem Arzt über diese Fragen gesprochen.

Unwissen führt zu einer paradoxen Situation: Leute, die Antibiotika einfordern, bekommen sie sehr oft auch dann, wenn Arzt oder Ärztin genau wissen, dass die Mittel nichts bringen. Die gestresste Praktikerin, der von besorgten Eltern unter Druck gesetzte Kinderarzt können dem Druck fordernder Patienten offenbar nur wenig entgegensetzen.

Aber Mediziner dürften auch von sich aus zu oft auf Antibiotika setzen – sei es, um bei unklarem Krankheitsbild lieber "auf Nummer Sicher" zu gehen, sei es aus mangelndem Problembewusstsein über die Konsequenzen von Überverschreibung und zu häufigen Einnahmen, möglicherweise sogar aus Unwissenheit über die beste Behandlung. Diesen Schluss legen die gewaltigen Unterschiede bei den Antibiotika-Verschreibungszahlen in Europa nahe, die nicht mit unterschiedlicher Erkrankungshäufigkeit wegerklärt werden können.

"Overuse" schafft gewaltige Probleme

Dieser zu häufige Gebrauch von Antibiotika ist ein weltweites Problem, betonte kürzlich erst wieder die Fachzeitschrift Lancet in einer Schwerpunktausgabe zum Thema "overuse". Falsch eingesetzte Antibiotika wirken zwar nicht, bergen wie jedes Medikament aber immer auch Risiken.

Die Probleme sind vielfältig. Nebenwirkungen wie Durchfall, Übelkeit, Ausschläge oder Vaginalpilz bei Frauen während der laufenden Einnahme sind da noch die harmlosen. Lebensbedrohlich kann es werden, wenn bei älteren oder geschwächten Personen kaum beherrschbare Durchfälle auftreten, weil gefährliche Bakterienstämme wie C. difficile im Darm plötzlich ideale Wachstumsbedingungen finden. Manchmal hilft hier noch eine Fremdkot-Transplantation, nicht selten verlaufen diese Infektionen tödlich.

Weltweit große Sorge bereitet die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen, die zusätzlich durch den massenhaften Einsatz der Mittel in der Tierzucht und durch eine falsche Einnahme angekurbelt werden. Immerhin ist dieses Problem in der Bevölkerung angekommen: Vier von fünf Eurobarometer-Befragten aus Österrerich wussten, dass der übertriebene Einsatz Antibiotika wirkungslos machen kann.

Bessere Aufklärung ein Muss

Um den Druck auf Ärztinnen und Ärzte zu reduzieren, sollte die Bevölkerung besser aufgeklärt werden, wann Antibiotika sinnvoll sind und wann wirkungslos. Dass das die Verschreibungszahlen senken kann, zeigt eine Zusammenfassung bisheriger Studien durch die unabhängige Cochrane-Vereinigung. Patientenbroschüren mit begleitenden Arztgesprächen senkten die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen bei Erkältungen um die Hälfte, ohne dass die Zufriedenheit mit der Behandlung sank.

In Österreich vermisse ich – trotz Nationalen Aktionsplans zur Antibiotikaresistenz – bisher eine breitenwirksame und eingängige Kampagne, wie es sie etwa in den USA oder England gibt. Der jährliche Antibiotikatag mit der immer gleichen Resistenz-Warnung reicht dafür ganz offensichtlich nicht aus. (Gerald Gartlehner, 27.1.2017)

Erste Schritte:

Schon wer ein paar einfache Tipps befolgt, wird feststellen, wie oft und wie einfach Antibiotika weggelassen werden können:

  1. Nie aktiv nach Antibiotika fragen. Im Gegenteil: Bei jeder Verschreibung nachfragen, ob es auch ohne Antibiotika ginge. Viele Ärztinnen und Ärzte sind auf Patientenwunsch durchaus bereit, einen Therapieversuch ohne Antibiotika zu starten, wenn es die Krankheit erlaubt.
  2. Den Selbstheilungskräften des Körpers vertrauen. Sehr oft reicht aufmerksam begleitetes Abwarten ("watchful waiting") – sogar bei bakteriellen Infektionen, die nicht immer und zwangsläufig antibiotisch behandelt werden müssen. Ein gesundes Immunsystem wird mit vielen Infektionen alleine fertig – dafür ist es schließlich da.
  3. Wer unsicher ist, kann sich ein Rezept ausstellen lassen, das erst nach beispielsweise zwei Tagen eingelöst wird – sofern sich die Symptome bis dahin nicht gebessert haben. Ein großer Teil dieser Rezepte wird nie benötigt.
  4. Müssen doch einmal Antibiotika genommen werden: unbedingt wie verschrieben zu Ende nehmen. Wer zu früh mit der Einnahme aufhört, "weil es mir eh schon besser geht", öffnet Resistenzen Tür und Tor.

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  • Sicher ist: Antibiotika richten gegen Viren nichts aus. Das wissen aber nur 28 Prozent der österreichischen Bevölkerung.
    foto: istockphoto.com

    Sicher ist: Antibiotika richten gegen Viren nichts aus. Das wissen aber nur 28 Prozent der österreichischen Bevölkerung.

  • Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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