Van der Bellen: Die Angelobung eines Flüchtlingskindes

Video26. Jänner 2017, 16:44
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Für Zuversicht, gegen Angst: Alexander Van der Bellen hält das "Gerede von Spaltung" in der Gesellschaft für "maßlos übertrieben" und warnt vor Nationalismus und Kleinstaaterei. Seine Angelobung geriet zu einer Feierstunde – nur die FPÖ wollte so gar nicht jubeln

Klatschen kann man aus Begeisterung, aus Freude. Oder, wie die Freiheitlichen am Donnerstag bei der Angelobung, aus Höflichkeit und Pflichtgefühl: Weil es sich halt so gehört, applaudierten sie äußerst verhalten mit, während der große Rest im historischen Sitzungssaal des Parlaments Alexander Van der Bellen bei seiner Angelobung großen Beifall spendete. Nur Norbert Hofer, der unterlegene FPÖ-Kandidat und Dritter Nationalratspräsident, scherte aus der Reihe aus – und klatschte die ganze Zeit mit.

"Wir haben geklatscht, aber kurz", verteidigte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache später das Verhalten. Es habe einfach keinen Grund für "drei Minuten Jubel" gegeben.

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"Gefühl der Unwirklichkeit"

Van der Bellen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Konzentriert legte er vor der Bundesversammlung den Amtseid ab. Er stehe mit einem "Gefühl der Unwirklichkeit" hier, sagte das Staatsoberhaupt dann in seiner Rede. Nicht wegen des monatelangen Wahlkampfs, "der in großen Teilen ganz vergnüglich" gewesen sei, sondern, sagte Van der Bellen: "Sie sehen ein Flüchtlingskind. In Wien geboren, mit meinen Eltern ins Kaunertal geflohen. Und jetzt darf ich als Ihr Bundespräsident vor Ihnen stehen." Dies sei auch ein Verdienst seiner Frau Doris Schmidauer, bei der er sich bedankte: "Ohne dich wäre es, glaube ich, nicht gegangen."

Dass die Nation gespalten sei, verneinte er: "Dieses Gerede von Spaltung halte ich für maßlos übertrieben." Er wolle "ein Bundespräsident für alle in Österreich lebenden Menschen" sein. "Eh klar", schloss er an – und betonte mehrfach, dass es um Zusammenhalt in der Gesellschaft gehe. Dieser sei in Zeiten der ständigen Veränderungen – aufgrund des Klimawandels, der Herausforderungen am Arbeitsmarkt oder in den Bereichen Integration und Flucht – immer wichtiger.

foto: heribert corn
Viel Applaus – außer von den Freiheitlichen – für das neue Staatsoberhaupt: Alexander Van der Bellen bei seiner Angelobung im Parlament.

Verletzliches Europa

Veränderung sei notwendig, aber sie mache auch Angst. Van der Bellen stellte dem den Begriff der Zuversicht entgegen: "Die Zuversicht ermöglicht uns, einen Schritt nach vorne zu machen. Ich appelliere heute an Ihre Zuversicht!" Diese mahnte er auch bei der Weiterentwicklung der EU ein. Europa sei verletzlich. Er sehe die Gefahr darin, "sich von einfachen Antworten verführen zu lassen und dabei in Richtung Nationalismus und Kleinstaaterei zu kippen". Zuvor hatte Nationalratspräsidentin Doris Bures vor der "Rückkehr in Nationalismen" gewarnt und Bundesratspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann von Österreich als "Teil der Region Europa" geschwärmt.

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Die Angelobungsfeier von Alexander Van der Bellen in voller Länge.

Für Tagespolitik war nur andeutungsweise Platz. Ohne die anwesenden Regierungsmitglieder anzusprechen, gab das Staatsoberhaupt ihnen eine Botschaft mit auf den Weg. Es habe "eine Reihe von interessanten Ideen" gegeben, nur: "Die Österreicherinnen und Österreicher erwarten schon in den nächsten Monaten Entscheidungen und Ergebnisse."

Der Applaus der Gäste war ihm sicher. Gekommen waren auch die Künstler André Heller und Hubert von Goisern, der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn sowie die Altkanzler Werner Faymann, Franz Vranitzky und Wolfgang Schüssel. Ein Gast hatte anderes zu tun: Van der Bellens dreijähriger Enkel spielte lieber mit seinem kleinen Tiger. (Video: Maria von Usslar & Lisa Kogelnik, Text: Peter Mayr, 26.1.2017)

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