Lawinenunglück wird in Italien zum Politikum

26. Jänner 2017, 16:28
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Nach der Bergung des letzten Opfers aus dem verschütteten Hotel im Gran-Sasso-Massiv ist nun die gerichtliche Aufarbeitung des Unglücks im Gang

Beim Abgang einer riesigen Lawine auf das Hotel Rigopiano am Mittwoch vergangener Woche sind insgesamt 29 Gäste und Angestellte getötet worden, elf haben das Unglück überlebt. Das teilten die Behörden mit, nachdem am Mittwochabend die letzte vermisste Person tot aus dem verschütteten Gebäudekomplex geborgen worden war. Die Staatsanwaltschaft von Pescara hatte schon am Tag nach dem Unglück Ermittlungen wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung eingeleitet.

Kritisiert wird insbesondere der Umstand, dass der Krisenstab in Pescara die ersten Notrufe zunächst nicht ernst genommen hatte. Staatsanwältin Cristina Tedeschini musste am vergangenen Mittwoch allerdings einräumen, dass die Verzögerungen zu Beginn der Bergungsaktion "irrelevant" gewesen seien: Die später tot geborgenen Opfer waren von der Lawine sofort getötet oder so tief verschüttet worden, dass die mit Stirnlampen und Handschaufeln ausgerüstete erste Rettungskolonne auf Skiern auch dann nichts hätte ausrichten können, wenn sie zwei oder drei Stunden früher beim Hotel eingetroffen wäre.

Extreme Situation

Die Kritik am Rettungseinsatz blendet auch aus, dass am Tag des Unglücks eine extreme Situation vorlag: Die Behörden waren mit einem Jahrhundertschneefall mit bis zu drei Metern Neuschnee konfrontiert, kombiniert mit einer Serie von vier starken Erdbeben – und das in einem mehrere hundert Quadratkilometer großen, gebirgigen Gebiet. Bei der Präfektur von Pescara waren an diesem Tag mehr als tausend Notrufe eingegangen – und dutzende von Fehlalarmen. Es war für die Einsatzzentralen nicht leicht, die echten von den falschen Alarmen zu unterscheiden – und wegen fehlender Sicht konnten auch keine Hubschrauber aufsteigen, um die Situation vor Ort zu überblicken.

Die Staatsanwaltschaft untersucht auch, ob das Hotel angesichts der Wetterprognosen nicht hätte evakuiert werden müssen. Tatsache ist, dass die Straße zum Hotel am Vortag noch passierbar war und dass sogar neue Gäste ins Hotel eingezogen waren, während eine andere Gruppe den Urlaub wegen des schlechten Wetters vorzeitig abbrach und ins Tal fuhr. Der verzweifelte Ruf nach Evakuierung kam am Mittwoch nach dem ersten heftigen Erdstoß – doch da war es zu spät: Die enge Bergstraße war meterhoch mit Schnee bedeckt und teilweise von Lawinen verschüttet.

Hexenjagd gegen Behörden

Es ist am Tag des Unglücks in der Präfektur und in den Einsatzzentralen angesichts der äußeren Umstände zu Versäumnissen und Fehleinschätzungen gekommen. Diese nehmen die italienischen Medien seit Tagen als Anlass für eine Hexenjagd gegen die Behörden. Doch ein Punkt ist von den Ermittlungen bisher ausgespart geblieben: die Frage, ob das Hotel überhaupt dort stehen durfte, wo es stand. Im Land der Millionen Bausünden ist das die Mutter aller Fragen, und die Antwort ist klar: Nein, es hätte nicht dort stehen dürfen. Es war auf dem Schutt einer alten Lawine gebaut worden.

Im Zusammenhang mit dem Neubau war vor rund zehn Jahren ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, bei dem es auch um Schmiergeldzahlungen an die bewilligende Behörde ging. Die chronisch ineffiziente Justiz hatte sich aber derart viel Zeit gelassen, dass das Verfahren wegen Verjährung eingestellt werden musste.

Regierungschef Paolo Gentiloni hat diese Woche angesichts der Polemik klare Worte gefunden: "In Rigopiano haben die Einsatzkräfte ein tödliches Zusammentreffen zweier Naturgewalten erlebt, wie es seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist. Die Behörden und Einsatzkräfte haben organisatorisch und technisch unternommen, was in ihrer Macht stand", betonte der Premier im Senat. Er kritisierte die Staatsanwaltschaft: "Die Suche nach der Wahrheit soll dazu dienen, dass man es beim nächsten Mal noch besser macht. Das Ziel darf nicht sein, Sündenböcke zu finden."

Eine Woche lang suchten die Hilfskräfte im Hotel Rigopiano nach Überlebenden der starken Lawine. Nun herrscht traurige Gewissheit: 29 Menschen starben, nur elf Personen überlebten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, und die italienischen Medien spekulieren mit. (Dominik Straub aus Rom, 26.1.2017)

  • Eine Woche lang suchten die Hilfskräfte im Hotel Rigopiano nach Überlebenden der starken Lawine. Nun herrscht traurige Gewissheit: 29 Menschen starben, nur elf Personen überlebten.
    foto: italian firefighters/ansa via italian firefighters, file

    Eine Woche lang suchten die Hilfskräfte im Hotel Rigopiano nach Überlebenden der starken Lawine. Nun herrscht traurige Gewissheit: 29 Menschen starben, nur elf Personen überlebten.

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