Steuervolk statt Kulturnation

Kommentar der anderen26. Jänner 2017, 16:32
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Wie ein Vermittler österreichischer Kultur zum drangsalierten Lieferanten des Bundes wird, während die Kultursektion im Außenministerium als Einkäufergruppe firmieren muss. Ein (literarischer) Erlebnisbericht

In Österreichs Ministerien, besonders in jenem für Finanzen, sitzen belesene Menschen. Das Kakanien-Kapitel in Musils Mann ohne Eigenschaften dürfte dort ebenso zur Pflichtlektüre gehören wie Heimito von Doderers Roman Die Merowinger. An dem einen Werk besticht der abgekürzte Hinweis "von der besten Bürokratie Europas, der man nur einen Fehler nachsagen konnte: sie empfand geniale Unternehmungssucht an Privatpersonen". Aus dem anderen gibt das untergründige Wirken von Hulesch & Quenzel Ltd. zweckdienliche Anregungen.

Die großartige geheime Firma wurde hinterhältigerweise ausgerechnet im Jahr des Ausgleichs zwischen Österreich und Ungarn 1867 gegründet und mit dem Wappenspruch "Take it easy" versehen. Sie ist seither für jedwede Lebenserschwernis zuständig, insbesondere für Detailpeinigungen von geradezu metaphysischer Qualität. Im weitverzweigten Institut für Vexationen gehe es still und freundlich zu, weiß Doderer, die zweite Hauptabteilung führe den Titel "Störung ernster Männer bei der Erfüllung schwerer Berufspflicht".

Wer, wie unsere Ministerialen, den Auszug aus dem Katalog der alltäglichen Ärgernisse gelesen hat, den Doderer maliziös zitiert, wird sich zur Anwendung an seinen lieben Mitmenschen aufgerufen fühlen. Im Zug der E-Entwicklung wurde das Sortiment großzügig erweitert. Österreichs Ministerien gehören dabei zu den Vorreitern.

Aus der zweiten Hauptabteilung von Hulesch & Quenzel stammt gewiss die Nötigung zur E-Rechnung. Ihrer amtlichen Segnung wird man zuteil, wenn man der sinnigen Idee verfällt, eine über das Außenministerium laufende Einladung anzunehmen.

Die E-Rechnung

Was muss man auch in – dem für sein pragmatisches Radio berühmten – Eriwan (Armenien), einen Vortrag samt Workshop über "Kafka und die österreichische Gegenwartsliteratur" halten? Man hätte gleich über "Kafka und die österreichische Gegenwart" anhand der E-Rechnung reden sollen. Für den dabei herausspringenden Stundenlohn von etwa zwölf Euro setzt hierzulande ein Steuerberater keinen Beistrich, aber wir sind ja eine Kulturnation und kein Steuervolk. Das grandiose Honorar von 500 Euro und die Spesen werde man vom Außenministerium überwiesen erhalten, hieß es. Das war das Signal für Hulesch & Quenzel.

Nachdem man Bericht und Rechnung brav auf gutem alten Papier ausgedruckt und übermittelt hat, erhält man nach knappen vier Wochen die Nachricht: ohne E-Rechnung kein Geld.

Plötzlich hat man eine Geschäftsbeziehung. Noch dazu mischt ein Dritter mit, das Unternehmerserviceportal (USP), gewiss eine Unterabteilung von H & Q, die mitteilt, man werde "künftig als Geschäftspartner des Bundes" geführt. Allerdings unmündig, denn: "Als Einzelperson ist es dzt. nicht möglich, sich ohne Mithilfe der Mitarbeiter/-innen des USP anzumelden."

Unversehens braucht man eine "Lieferantennummer" im "Buchhaltungssystem SAP". Einfach ist das keineswegs, denn es müssen "die Identifikationsmerkmale vom Stammdatenmanagement in der Registrierung übertragen werden können", damit "in weitere Folge es zur Auszahlung Ihres Betrages kommen kann" (sic!). Man staunt.

Man urgiert, laut EU dürfe ein solcher Zwang nicht bestehen. Man habe vor Zeiten einige Stunden mit der verlangten Registrierung erfolglos verplempert. Kürzlich sei man doch von der Kunstsektion des BKA auf eine simple Papierrechnung hin bezahlt worden. Geht nicht, antwortet der Ministeriale, der selbst auf der E-Rechnung als Einkäufer dasteht.

Die "weitere Folge" ist ein weites Land. Nach einigen Mails hin und her versucht man trotz der prinzipiellen Vorbehalte gegen die Over-Registrierung, in den Genuss einer Registrierung zu kommen. Die Mithilfe des USP lässt jedoch auf sich warten. Man mailt, liest bald, man werde kontaktiert, dann geschieht: nichts. Am nächsten Tag ruft man dort an und wartet und hört: "kommt es derzeit zu längeren Wartezeiten". Die Geschäftsbeziehung zur "Einkäufergruppe 51B" – das sind "die dem Bmeia unterstellten Kulturforen/ Botschaften im Ausland" – gestaltet sich schwierig. Früher hat man für eine Papierrechnung zwei Minuten gebraucht, jetzt werkelt man schon zwei Stunden unbezahlt. Es trifft einen die Erkenntnis, der amtsbehandelte Mensch in unserer Kulturnation braucht – einen Steuerberater.

Endlich dringt man telefonisch zu einem freundlichen Herrn des USP durch. Von ihm erfährt man erstaunt, man sei als Unternehmer aufgelistet. Zur Registrierung benötige man freilich eine Handysignatur, man müsse zu einer Registrierstelle. Kurz: Um sich registrieren zu lassen, muss man sich zuvor registrieren lassen. Daraufhin möge man erneut anrufen und werde "durch das System geleitet". Wenn man vom Ministerium noch die "Auftragsreferenznummer" sowie die "Lieferantennummer" bekomme, stehe einer Rechnungslegung nichts im Wege.

20 Schritte zusätzlich

Es sei nicht verschwiegen, dass über das Procedere im Außenministerium auch nicht eitel Freude herrscht. Dort braucht die Bearbeitung einfacher Rechnungen mit geringen Summen nun 20 Arbeitsschritte zusätzlich. Die Steuerung von H & Q liegt in diesem Fall im uneinsichtigen Finanzministerium. Es lebe der gelebte Neoliberalismus, dass auch in der Kultur alle Lieferanten und Einkäufer sind!

Hulesch & Quenzel Ltd. grinst und verweist auf das Firmenschild "Post rabiem risus". Eben, nach dem Groll das Gelächter. Man sollte keine Kulturleute ins Ausland schicken. Daher der Appell an alle Kulturinstitutionen der Welt: Ladet doch bitte schön nur unsere Steuerberater ein! (Klaus Zeyringer, 26.1.2017)

Klaus Zeyringer (Jg. 1953) ist Literaturkritiker und war Professor für Germanistik an der Université catholique de l'Ouest in Angers.

  • Mit Brief und Siegel ist dieser Tage nicht mehr viel zu erreichen – erst recht nicht, wenn es um offene Rechnungen geht, die der steuerpflichtige Bürger der Republik zu stellen hat.
    foto: picturedesk

    Mit Brief und Siegel ist dieser Tage nicht mehr viel zu erreichen – erst recht nicht, wenn es um offene Rechnungen geht, die der steuerpflichtige Bürger der Republik zu stellen hat.

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