Windtner: "Das war ein emotionaler Ellbogencheck"

Interview27. Jänner 2017, 06:00
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Der Rückpfiff aus Tschechien nach der Aufregung um Temelín schmerze noch, so der Noch-Chef der Energie AG OÖ

Er hat viele kommen und gehen gesehen, selbst hat er auch Höhen und Tiefen erlebt: Nach 39 Jahren in der Energiewirtschaft, davon fast 23 Jahre als Chef der Energie AG Oberösterreich, tritt Generaldirektor Leo Windtner Ende nächsten Monats ab. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015/16 hat der Landesenergieversorger mit 135,4 Millionen Euro Gewinn (Ebit) das beste Ergebnis in der 125-jährigen Konzerngeschichte erzielt. Seit 2009 ist Windtner auch Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB), dort bleibt er weiter engagiert.

STANDARD: Sie treten Ende Februar nach fast 23 Jahren an der Spitze der Energie AG Oberösterreich (EAG) ab. Freudig, erleichtert?

Windtner: Auch mit einer Portion Wehmut. Wäre die nicht gegeben, hätte man nicht mit Herz gearbeitet. Die Partnerschaft mit der Belegschaftsvertretung war und ist ausgezeichnet, das Verhältnis zu den Mitarbeitern super. Andererseits freue ich mich, weil wir gut aufgestellt sind. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse im abgelaufenen Geschäftsjahr. Ich kann ein Unternehmen übergeben, bei dem sichergestellt ist, dass in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach keine massiven Probleme auftreten werden, trotz der vielen Unwägbarkeiten rundherum.

STANDARD: Als Sie 1994 Generaldirektor wurden, war die damalige Oberösterreichische Kraftwerke AG (OKA) schwer angeschlagen und in hohem Maße ineffizient.

Windtner: Es war in der Tat so, dass wir im Zuge der Liberalisierung der Energiemärkte als erster Übernahmekandidat der österreichischen E-Wirtschaft gehandelt wurden. Ich habe das der Belegschaft vor Augen geführt. Das hat dann einen Motivationsschub in der alten OKA ausgelöst, sodass die Liberalisierung letztlich bravourös gemeistert werden konnte.

STANDARD: Hat sich die EAG rasch genug an den liberalisierten Markt angepasst?

Windtner: Verbund und wir waren Frontrunner, mit dem hohen Industrieanteil hatten wir am meisten zu verlieren. Wir waren das erste Aufmarschgebiet für Bayernwerk, EnBW und die anderen. Wir mussten fürchten, dass uns Großkunden in Scharen davonrennen. Das konnten wir mit viel Anstrengung verhindern. Die Umfirmierung von OKA auf Energie AG war mehr als ein Symbol. Damit hat eine komplett neue Denkweise Einzug gehalten. Später konnte man oft hören: Das ist in der OKA gegangen, in der Energie AG geht das nicht.

STANDARD: Sie mussten einen scharfen Sparkurs fahren. Haben Sie sich vom Eigentümer, dem Land Oberösterreich, immer ausreichend unterstützt gefühlt?

Windtner: Wir haben mit der Belegschaftsvertretung in durchaus intensiven Dialogen, auch Disputen, die schwierigsten Sachen immer vorab geklärt. Uns war es wichtig, dass die notwendigen Restrukturierungen nicht nur auf Kosten der Kleinen und Schwachen gehen. Damit haben wir auch den sozialen Aspekt bei allen Umbauten beachtet. Das wurde von der Belegschaftsvertretung geschätzt und ist von den Eigentümern ebenso positiv registriert und damit auch mitgetragen worden.

STANDARD: Wie stehen Sie generell zu öffentlichem Eigentum?

Windtner: Es gibt Vor- und Nachteile. Man spürt den gemeinwirtschaftlichen Druck, ist als AG aber dem Aktienrecht verpflichtet. So etwas birgt latent Konfliktstoff. Letztlich ist es uns aber immer gelungen, das auszugleichen.

STANDARD: In Tschechien war es aber wohl nicht so super. Da sind Sie anfänglich eine Reihe von Beteiligungen eingegangen, wurden dann aber zurückgepfiffen.

Windtner: Das ist in der Tat ein trauriges Kapitel. Wir haben uns dort im Zuge der Kuponprivatisierung bravourös geschlagen. Dass uns dann Temelín und das Thema Atomstrom eingeholt hat und wir letzten Endes die Beteiligung an Eon abtreten mussten, tut weh.

STANDARD: Sie haben viele Managementressourcen hineingesteckt?

Windtner: Noch mehr schmerzt, dass Eon Tschechien heute die profitabelste Tochter im deutschen Konzern ist. Diese Früchte hätten wir ernten können.

STANDARD: Mit einem Börsengang, der im letzten Moment abgeblasen wurde, wäre es einfacher gewesen?

Windtner: Die Absage des Börsengangs war für uns ein emotionaler Ellbogencheck. Wir hatten uns monatelang intensiv vorbereitet, es gab Aufbruchstimmung, die Werbekampagnen sind super gelaufen, und es schien klar, dieser Börsengang wird ein voller Erfolg. Das Aus kam völlig unerwartet. Man hat dann rasch gehandelt und dem Unternehmen im Zuge eines Private Placement eine neue Eigentümerstruktur verpasst. Damit haben wir zu leben gelernt.

STANDARD: Wenn Sie 23 Jahre jünger wären, würden Sie sich jetzt den Job an der Spitze eines Energieversorgers noch antun oder doch gleich beim Fußball bleiben?

Windtner: Ich glaube, ich würde es wieder machen. Wiewohl ich weiß, dass es noch um einiges spannender geworden ist.

STANDARD: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Spiel auf dem Rasen und dem, was auf den Strommärkten abgeht?

Windtner: Es gibt viele Parallelen. Gruppendynamik, Taktik, Führungserfordernisse, soziale Notwendigkeiten, Zug zum Tor. Ich habe davon profitiert, dass ich in beiden Welten zu Hause bin.

STANDARD: Sie verabschieden sich acht Monate vor Auslaufen Ihres Vertrags. Wieso bleiben Sie nicht bis Ende Oktober?

Windtner: (denkt nach) Weil ich es nicht länger schaffe, zwei Fulltime-Jobs, den des Energie-AG-Generaldirektors und den des ÖFB-Präsidenten, plus einige Zusatzfunktionen unter einen Hut zu bringen. Beim ÖFB ist der langjährige Generaldirektor letztes Jahr in Pension gegangen. Wir haben ein junges Team, ich werde jetzt noch mehr gebraucht. Deshalb habe ich gesagt, ich gehe lieber rechtzeitig. Besser die Leute sagen schade als Gott sei Dank.

STANDARD: Sie sind seit 2009 ÖFB-Präsident, waren davor zehn Jahre Vize. Folgt jetzt die Uefa-Karriere?

Windtner: Ich werde das wahrscheinlich nicht anstreben. Ich würde mich in dieselbe Situation begeben, aus der ich gerade auszusteigen versuche.

STANDARD: Die Energie AG war einer der Pioniere beim Ausrollen der Smart Meter in Österreich. Die richtige Entscheidung?

Windtner: Ich bin voll überzeugt, dass es richtig war, hier Frontrunner zu sein. Wir haben uns als Unternehmen immer wohlgefühlt in der Rolle des Trendsetters, das ist Teil der Unternehmensphilosophie seit 125 Jahren. Schon unsere Gründerväter Stern und Haferl waren Pioniere im Eisenbahnbau und bei der Elektrifizierung im Salzkammergut, Jahrzehnte vor allen anderen Regionen. Dieses Gen haben wir uns bewahrt.

STANDARD: Immer mehr Energieversorger propagieren das Smart Home. Wird sich das durchsetzen?

Windtner: Das kommt. Voraussetzung sind die Smart Grids und die Smart Meter.

STANDARD: Werden die Leute das aber auch haben wollen?

Windtner: Es gibt sicher ein Kundensegment, das diese technischen Raffinessen zu Hause samt Fernsteuerung am Handy haben wollen. Andererseits muss man realistischerweise auch sehen, dass sich ein großer Teil unserer Kunden diesen Standard noch lange nicht leisten können wird.

STANDARD: Wie smart leben Sie?

Windtner: Ich nütze die Möglichkeiten, die es jetzt schon gibt, limitiert. Ich bin nicht so ein Freak, der glaubt, um Mitternacht im Haus gewisse Automatismen auslösen zu müssen.
(Günther Strobl, 27.1.2017)

Leo Windtner (66) ist studierter Betriebswirt. 1978 trat er in die damalige Oberösterreichische Kraftwerke AG (OKA) ein, die später in Energie AG Oberösterreich (EAG) umfirmiert wurde. Seit 1994 ist er Generaldirektor des Unternehmens. Seit 2009 ist Windtner auch Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB). Er ist verheiratet und Vater dreier Töchter.

  • Kann sich künftig noch intensiver als bisher um den österreichischen Fußball kümmern: Leo Windtner, ÖFB-Präsident und scheidender Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich.
    foto: apa/neubauer

    Kann sich künftig noch intensiver als bisher um den österreichischen Fußball kümmern: Leo Windtner, ÖFB-Präsident und scheidender Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich.

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