Was aus einem versunkenen Baumstamm am Meeresboden wird

29. Jänner 2017, 11:00
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Deutsche Forscher versenkten Stämme im Ozean und untersuchten über einige Jahre hinweg, welche Lebensgemeinschaften sich an diesen bilden

Bremen – Nahrung ist knapp in der Tiefsee. Jedes Mal, wenn es zu einem sogenannten "food fall" kommt – also wenn beispielsweise ein Walkadaver oder ein großes Stück Holz zu Boden sinkt –, kommt es daher zu hektischer Aktivität. Auf kleinem Raum können dann binnen kurzem hochproduktive und für Tiefseeverhältnisse ungewöhnlich artenreiche Gemeinschaften entstehen.

Leider sind Zeit und Ort großer "food falls" unvorhersehbar, was sie kaum erforschbar macht. Darum hat nun ein Team des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie in Bremen und des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven selbst einen "food fall" – im konkreten Fall einen "wood fall" – produziert: Sie versenkten Baumstämme im Meer, um zu beobachten, welche Oasen des Lebens sich an diesen bilden.

Die Studie

"Wir wählten einige Baumstämme, die nach Größe und Alter genormt waren, nahmen sie mit an Bord unseres Forschungsschiffs und platzieren sie an kalten Quellen im östlichen Mittelmeer und in der norwegischen Nordsee", sagt Petra Pop Ristova, Erstautorin der Studie, die in "Plos One" erschienen ist.

Über die nächsten drei Jahre wurden immer wieder Proben an den Stämmen entnommen, um ihre bakteriellen und tierischen Bewohner zu untersuchen. Anschließend wurden sie wieder vom Meeresboden geborgen und zur detaillierten Analyse ins Labor gebracht.

Vielfalt und Dynamik

Es zeigte sich, dass die neuen Mini-Ökosysteme nicht nur je nach geografischer Lage unterschiedliche Bewohner haben. Sie sind auch sehr dynamisch: Nach holzbohrenden Muscheln, die unverzichtbar für die Zerkleinerung des Holzes sind, wurden die Stämme rasch von einer artenreichen Organismengemeinschaft besiedelt. Und diese Gemeinschaft veränderte sich laufend.

"Im östlichen Mittelmeer zum Beispiel folgten verschiedene Arten holzbohrender Muscheln aufeinander, während die Zahl der Spritzwürmer immer größer wurde", sagt Pop Ristova. Selbst die Bakteriengemeinschaft veränderte ihr Profil, der Anteil an Sulfatreduzierern und Sulfidoxidierern nahm dabei laufend zu.

Haupttreffer: ein Wal

Die unmittelbaren Auswirkungen reichen nur wenige Meter um den Stamm herum, stellten die Forscher fest. Trotzdem kann versunkenes Holz gleichsam als Trittstein für die Bewohner von Tiefseequellen dienen. Diese liegen oft viele hunderte Kilometer auseinander – ein weiter Weg für Bakterien oder die Tierlarven. Pop Ristova dazu: "Auf den wood falls herrschen gute Bedingungen für diese Organismen. Hier können sie bei ihrer Verbreitung quasi eine Zwischenlandung einlegen."

Und es gibt andere Nahrungsquellen, die sich noch wesentlich nachhaltiger auswirken, wie man bereits weiß. Holz ist nur mühsam in Energie umzumünzen – das sieht bei tierischer Nahrung ganz anders aus, vor allem wenn sie in großen Mengen am Meeresboden eintrifft: "Der Einfluss eines abgesunkenen Wals reicht weit über den Kadaver hinaus und hält mehrere Jahrzehnte an", sagt Studienkoautorin Antje Boetius. (red, 29. 1. 2017)

  • Es ist angerichtet! Ein frisch versenkter Baumstamm am Boden der Nordsee.
    foto: marum – zentrum für marine umweltwissenschaften, universität bremen

    Es ist angerichtet! Ein frisch versenkter Baumstamm am Boden der Nordsee.

  • Ein Tauchroboter entnimmt dem neuentstandenen Mini-Ökosystem Proben.
    foto: marum – zentrum für marine umweltwissenschaften, universität bremen

    Ein Tauchroboter entnimmt dem neuentstandenen Mini-Ökosystem Proben.

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