Bis zu 60.000 Empfänger: Finnland vor Abmahnwelle

26. Jänner 2017, 13:31
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Anwaltsbüro fordert 2.200 Euro für angebliche Weitergabe von TV-Sendung – Regierung untersucht, Polizei warnt

2013 und 2014 wurde Deutschland von einer Abmahnwelle erfasst, die aufgrund des Vorgehens den Beinamen "Redtube-Affäre" erhielt. Eine Regensburger Anwaltskanzlei verschickte im Namen eines dubiosen Mandanten Klagsdrohungen an tausende Internetnutzer, denen durch das Streamen verschiedener Filme am Pornoportal Redtube Urheberrechtsverstöße vorgeworfen wurden. Nach vielen Monaten an Ermittlungen und Verfahren stellten sich die Abmahnungen als unhaltbar heraus. Gegen Helfer und Initiatoren laufen nach wie vor Prozesse.

In Finnland scheint sich nun ein Fall ähnlicher Dimensionen aufzutun, berichtet Torrentfreak. Schon in den letzten Jahren soll es vermehrt zu zweifelhaften Forderungen an Internetnutzer gekommen sein. Nun droht laut Helsingin Sanomat ("Helsinker Zeitung") bis zu 60.000 Menschen eine Abmahnung in der Höhe von 2.200 Euro ins Haus zu flattern.

Kanzlei soll 40.000 Euro je hundert Vergleiche

Der Vorwurf an die Empfänger ist, dass sie eine TV-Sendung illegal heruntergeladen haben sollen. Verschickt werden die Briefe von der in Helsinki ansässigen Kanzlei Hedman Partners, die sich laut Torrentfreak in der Vergangenheit vor allem als Vertreter von Copyright-Trollen hervorgetan hat.

Sie könnte an den Abmahnungen kräftig verdienen. Helsingin Sanomat berichtet, dass sie pro hundert Fälle, in denen die Forderung von den Empfängern beglichen wird, 130.000 Euro erhält, von denen 90.000 Euro an die Rechteinhaber der fraglichen Sendung weitergeleitet werden. Ihr bleiben also 40.000 Euro Umsatz. Selbst wenn nur ein Prozent der kolportierten Empfänger zahlt, wären dies 240.000 Euro.

Polizei: "Brief kein Beweis für Verstoß"

Zahlreiche Briefe wurden bereits verschickt. Einige verwunderte Empfänger haben sich mittlerweile an die Behörden gewandt. Als Reaktion hat die Polizei nun eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie erklärt sich zwar für unzuständig, da es sich um eine zivilrechtliche Angelegenheit handelt, weist aber darauf hin, dass das Schreiben keinen Beweis für ein Vergehen enthalte. Nutzer sollten jedenfalls sicherstellen, dass ihre WLANs nicht von Unbefugten verwendet werden können.

Kulturministerium ermittelt

Mit der Angelegenheit befassen will sich nun allerdings das Kulturministerium, das eine Untersuchung angekündigt hat. "Unsere Gesetzgebung ist nicht dafür gedacht, die Öffentlichkeit zu melken", erklärte eine Regierungsberaterin. Man wolle mit allen beteiligten Partien in Verbindung treten und herausfinden, ob hier gesetzmäßig vorgegangen wird. Ein erster Termin wurde für Februar angesetzt. Mittlerweile sollen auch einige Parlamentarier sich der Sache angenommen haben.

Finnische Gesetze sehen vor, dass Internetprovider Namen und Adressen von Internetnutzern herausgeben, wenn urheberrechtlich geschützte Inhalte in einem "signifikanten Ausmaß" ohne Genehmigung geteilt wurden. Nun wird diskutiert, ob diese Signifikanz durch die Weitergabe einer Fernsehsendung bereits erfüllt wird, oder nicht. (gpi, 26.01.2017)

  • In Finnland könnten bis zu 60.000 Internetnutzer bald Abmahnungen erhalten.
    foto: derstandard.at/pichler

    In Finnland könnten bis zu 60.000 Internetnutzer bald Abmahnungen erhalten.

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