"RogueNASA": Maulkorb von Trump-Regierung löst Twitter-Rebellion aus

26. Jänner 2017, 11:45
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Inoffizielle Accounts im Namen verschiedener US-Behörden gestartet – Wissenschaftler planen "Marsch auf Washington"

Die neue US-Regierung unter Donald Trump lässt sich wenig Zeit bei der Durchsetzung ihrer Agenden. Trump selbst und auch einige seiner Vertrauten leugnen entgegen der erdrückenden Mehrheit der wissenschaftlichen Community das Phänomen des vom Menschen maßgeblich mitverursachten Klimawandels. Im Wahlkampf hatte Trump den Klimawandel gar als von China erfundenen "Hoax" bezeichnet.

Regierung schränkt Kommunikation ein

Das spiegelt sich nun auch in der Vorgehensweise in den ersten Tagen seiner Amtszeit wider. Mitarbeiter zahlreicher Behörden, darunter die Nationalparkverwaltung NPS, Umweltschutzbehörde EPA und die Weltraumagentur Nasa, dürfen nur noch eingeschränkt offiziell kommunizieren. Insbesondere wissenschaftliche Erkenntnisse sollen künftig erst nach Freigabe veröffentlich werden. Die Social Media-Aktivitäten sollen vorerst eingestellt werden.

Man wolle die Kommunikationsstrategie prüfen und vor einer Aufhebung der Sperre sicherstellen, dass Veröffentlichungen "die Prioritäten der neuen Administration abbilden", erklärte Doug Ericksen, der den Regierungswechsel bei der EPA koordiniert, gegenüber Bloomberg.

"Rebellen-Accounts" schießen aus dem Boden

Die Vorgehensweise scheint bei den dortigen Mitarbeitern nicht gut anzukommen. Kurzfristig etwa wurden über den offiziellen Twitter-Account der Verwaltung des Badlands National Park zahlreiche Fakten zum Klimawandel verbreitet, kurz darauf allerdings wieder gelöscht. Die Order dazu kam von der Regierung, die laut Vanity Fair erklärte, besorgt gewesen zu sein, dass das Konto gehackt worden sei.

In den letzten Tagen ist nun eine Reihe von neuen Twitter-Accounts aufgetaucht, die sich als inoffizielles Sprachrohr ihrer Organisation bezeichnen. Zu nennen sind etwa @AltNatParkser für die Nationalparksverwaltung, @ActualEPAFacts für die Umweltbehörde sowie @Alt_NASA und @RogueNASA für die Weltraumagentur. Hinter ihnen sollen Mitarbeiter stecken, die auf diesem Wege Zensurversuche durch die neue Regierung umgehen wollen.

Hunderttausende Follower

"Wissenschaft ist keine parteiliche Angelegenheit", lautet etwa die jüngste Botschaft des "Rogue NASA"-Kontos. "Wissenschaft ist das Fundament unserer Gesellschaft – wir verdanken der wissenschaftlichen Forschung sehr viel." Die alternativen Präsenzen sind jetzt schon äußerst beliebt.

Alt_NASA folgen über 42.000 Nutzer, ActualEPAFacts rund 53.000 und RogueNASA bereits 262.000. Das "Zweitkonto" des NPS hat mit bald einer Million Followern mittlerweile sogar deutlich mehr Anhänger als das Original, das auf 379.000 kommt.

Anonymität als Schutz und Problem

Was aussieht, wie ein interessanter Ansatz zur Aushebelung ideologischer Steuerung öffentlicher Wissenschaftskommunikation birgt allerdings Tücken. Es gibt keine bekannten Verantwortlichen hinter den Konten.

Das ist ob der Situation freilich nicht verwunderlich, denn die Betreiber riskieren durch ihr Vorgehen potenziell ihren Job und gerichtliche Folgen. Allerdings lässt sich kaum verifizieren, ob es sich tatsächlich um aufbegehrende Mitarbeiter der jeweiligen Organisationen handelt.

Einen zweiten Aspekt wirft Forbes auf. Die Rebellen-Accounts nutzen die offiziellen Logos der Behörden. Das könnte ihrem Dasein möglicherweise ein schnelles Ende bescheren. Rechtlich ist die Nutzung nur in künstlerischem Kontext argumentierbar, etwa bei Satireprojekten. In allen anderen Fällen ist, jedenfalls theoretisch, eine offizielle Genehmigung erforderlich. Im Falle der NPS wird bei Verstoß sogar explizit Strafverfolgung gemäß Urheberrecht und dem Gesetz zum Schutz behördlicher Abzeichen gedroht.

Die Nasa hat mittlerweile bei Twitter auch eine Beschwerde gegen den RogueNASA-Account eingebracht, der aber weiterhin online ist. Dort erklärt man, aus Gründen von Privatsphäre und Sicherheit "keine Auskunft zu individuellen Nutzerkonten" zu geben.

Sicherheitsbedenken und Manipulationsgefahr

Von Forbes indirekt zitierte Cybersicherheitsexperten sehen den Aufstieg derlei inoffizieller Social Media-Konten skeptisch. Neben der erwähnten Unklarheit ob ihrer Betreiber könnten diese auch missbraucht werden, um Malware zu verbreiten.

Cyberkriminelle könnten etwa einen neuen Protestaccount im Namen einer bekannten Behörde einrichten, mit der Verbreitung von seriösen Nachrichten eine große Basis an Followern aufbauen und dann dazu übergehen, Kopien von offiziellen und wissenschaftlichen Dokumenten mit Schadcode anzureichern und darauf zu verlinken. Mit dem richtigen Timing ließen sich potenziell hunderttausende User dazu bringen, die Sicherheit ihres Systems und ihrer Daten in Gefahr zu bringen.

Auch könnten böswillige Betreiber wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt durch kleine Anpassungen manipulieren, so selbst die öffentliche Meinung beeinflussen und das Vertrauen in die Wissenschaft beschädigen.

Frage der Kontrolle

Es stellt sich auch die Frage ob der Kontrolle einer Regierung über ihre Kommunikation. Während die Registrierung und Verwendung von ".gov"-Domains ausschließlich der US-Administration vorbehalten ist, gibt es auf Twitter keine eigene Abteilung für Regierungskonten. Lediglich die durch Twitter überprüfte Authentizität eines Kontos wird durch einen blauen Haken neben dem Nutzernamen signalisiert, dessen Bedeutung aber längst nicht jedem bekannt ist.

Der Schwall an "alternativen" Accounts für US-Behörden als Reaktion auf das Vorgehen der Trump-Regierung kann zwar dazu führen, dass möglicherweise unterdrückte Informationen ihren Weg an die Öffentlichkeit finden. Internetnutzer sollten jedoch im Umgang mit diesen Konten große Vorsicht walten lassen.

Forscher wollen Zeichen setzen

Protest gegen die neue Administration organisiert sich aber auch auf offiziellem Wege. Nachdem einen Tag nach Trumps Angelobung bereits Millionen von Teilnehmer mit dem Women’s March ein Zeichen für Frauenrechte setzten, wollen nun auch Wissenschaftler für die Bedeutung ihrer Arbeit Stellung beziehen. Sie planen an einem noch festzulegendem Datum einen "Scientists‘ March on Washington". (gpi, 26.01.2017)

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