Gewerkschafter wollen sofort über 1.500 Euro Mindestlohn verhandeln

26. Jänner 2017, 14:06
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Vida fordert in Brief an Wirtschaftskammepräsident Leitl "Sonderverhandlungsrunde"

Wien – Die Dienstleistungsgewerkschaft Vida fordert die sofortige Einführung eines Mindestlohns von 1.500 Euro brutto. Für viele Menschen in Österreich gehe es sich trotz Vollzeitarbeit nicht mehr aus, dass sie von ihrer Arbeit leben können. "Das ist einer reichen Volkswirtschaft wie Österreich nicht würdig", sagte Vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit am Donnerstag.

Die Vida hat Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl einen Brief geschrieben. Sie will eine Sonderverhandlungsrunde zur Anhebung der kollektivvertraglichen Mindestlöhne. Von den 70 Kollektivverträgen, die die Vida verhandelt, liegen 18 unter 1.500 Euro brutto. Taxler liegen sogar unter 1.300 Euro.

Paketzusteller, Sicherheitsleute, Reinigungspersonal

Gerade in den boomenden Branchen Paketzustellung und Sicherheitsdienste würden großflächig weniger als 1.500 Euro gezahlt. Das gelte auch für Reinigungspersonal, wobei sich dort die Arbeitszeit zusätzlich immer mehr in die Nacht verlagere.

grafik: apa

Auf Vollzeitbasis gerechnet verdienen demnach rund 356.500 Beschäftigte, also jeder achte Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, weniger als 1.500 Euro brutto monatlich. Dieser Betrag entspricht rund 1.200 Euro netto. Betroffen seien zu zwei Dritteln Frauen. Allein im Hotel- und Gastgewerbe würden von 220.000 Beschäftigten 100.000 einen Mindestlohn von 1.420 Euro bekommen. Eine Auflistung der Berufe, in denen der Mindest-KV unter 1.500 Euro liegt, finden Sie hier.

Hebenstreit "kann Gesudere nicht mehr hören"

Noch während Hebenstreit seine Pressekonferenz hielt, kam bereits Kritik von der Hoteliervereinigung (ÖHV). "Schluss mit der Inszenierung! Packt die Nebelgranaten wieder ein, und seht zu, dass die Mitarbeiter mehr von dem bekommen, was wir ihnen Monat für Monat überweisen", erklärte ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer, die sich wünscht, dass sich die Gewerkschaften für mehr Netto vom Brutto einsetzen.

Für mehr Netto ist auch Hebenstreit, aber ansonsten sieht er die Hoteliers selbst gefordert. "Ich kann das Gesudere nicht mehr hören", so der Gewerkschafter. Gerade in dieser Branche gebe es besonders viele prekäre Arbeitsverhältnisse. Wenn die Hoteliers nicht erkennen würden, dass Arbeitsqualität auch eine entsprechende Bezahlung voraussetze, "dann weiß ich nicht mehr, was hier abgeht". Gespräche mit den Arbeitgebern seien jedenfalls zuletzt von Absagen geprägt gewesen.

Dass der Mindestlohn von 1.500 Euro notfalls gesetzlich verankert werden soll, wie es Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) vorschwebt, findet Hebenstreit weniger gut. Schließlich könnten geänderte parlamentarische Mehrheiten dann diesen nach unten schrauben. Vielmehr wünscht er – ganz auf Gewerkschaftslinie – eine Verankerung in den Kollektivverträgen.

Uneinigkeit über Auswirkungen

Unter Ökonomen ist die Höhe angemessener Mindestlöhne umstritten. Eine Denkschule hebt die Verteilungswirkung hervor. Analog zur Gewerkschaft argumentiert sie, dass es aus Gerechtigkeitsgründen eine Mindestgrenze für die Entlohnung von Arbeit geben müsse. Wenn diese zu gering sei, würden viele Menschen den Anreiz verlieren, arbeiten zu gehen. Gerade bei Geringverdienern würde außerdem jede Erhöhung in den Konsum wandern und somit die Nachfrage stärken.

Andere argumentieren hingegen, dass auch bei einem zu hohen Mindestlohn Arbeitsplätze verlorengehen. Die Entlohnung müsse sich der Produktivität in der jeweiligen Branche anpassen, ansonsten könnten sich Arbeitgeber weniger Beschäftigte leisten oder diese durch Maschinen ersetzen. Eine Studie der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria sieht manche kollektivvertraglichen Mindestlöhne in Österreich über dem Optimum. In Deutschland, wo seit Anfang 2015 ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gilt, ist ein von manchen befürchteter massiver Verlust von Arbeitsplätzen bisher nicht eingetreten.

Sozialpartnerschaftlicher Konsens ist jedenfalls, die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung als Messlatte zu nehmen, nicht die Branchenproduktivität. Daneben gehen auch noch Faktoren wie die Inflationsrate in die Lohnverhandlung ein. (APA, red, 26.1.2017)

  • Reinigungspersonal gehört zu jenen Berufgruppen, die im Regelfall weniger als 1.500 Euro brutto beziehungsweise 1.200 Euro netto verdienen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Reinigungspersonal gehört zu jenen Berufgruppen, die im Regelfall weniger als 1.500 Euro brutto beziehungsweise 1.200 Euro netto verdienen.

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