Gewalt am Arbeitsplatz: "Es muss keine allein kämpfen"

26. Jänner 2017, 10:38
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Gewerkschaften fordern Enttabuisierung und stärkere innerbetriebliche Unterstützung. Gewaltopfer dürfen nicht stigmatisiert werden, fordern Gewaltschutzeinrichtungen

Wien – Frauen sind auch an ihrer Arbeitsstelle überproportional von Gewalt betroffen. Oft trauen sich Betroffene nicht, die Tat öffentlich zu machen oder anzuzeigen, kritisierten Vortragende der Gewerkschaften, der Arbeiterkammer (AK) und verschiedener Opferschutzeinrichtungen am Mittwoch bei der Tagung "Tatort Arbeitsplatz" in Wien.

In Österreich erleben laut einer EU-Studie 1,2 Prozent aller Erwerbstätigen Gewalt am Arbeitsplatz. EU-weit sind es zehn Prozent. Die meisten davon sind weiblich. "Gewalt im öffentlichen Raum ist Teil des Frauenlebens", betonte Dina Nachbaur von der Verbrechensopferhilfe Weißer Ring. "Gewalt ist immer ein Verbrechen, für viele ist es aber nicht leicht festzustellen, was strafrechtlich relevant ist." Oft sei auch unklar, was unter den Begriff fällt. Auch das seien Gründe, dass viele Betroffene schweigen. "Ist man sich nicht sicher, kann man sich kostenfrei bei Opferschutzeinrichtungen beraten lassen", empfahl Nachbaur.

Angst vor Jobverlust

"Das Thema Gewalt am Arbeitsplatz begleitet mich schon länger", erzählte Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) in ihrer Eröffnungsrede zur Veranstaltung. Gerade in Zeiten, in denen Menschen wie Donald Trump an die Macht kommen, müsse man sensibilisiert sein. Auf die Sprache solle geachtet werden – respektloses Wording gegenüber Frauen gebe es etwa im politischen Kontext genug. Das sei Gewalt, wie sie auch oft in Betrieben vorkomme, aber oft übersehen werde. "Wir haben zum Thema Wertigkeit von Frauen am Arbeitsplatz immer noch zu kämpfen."

Physische, psychische und sexuelle Gewalt erleben vor allem Frauen – insbesondere junge, oft in unsicheren Dienstverhältnissen. Gerade bei ihnen ist die Angst groß, sich jemandem anzuvertrauen oder zur Polizei zu gehen. Daher können kaum konkrete Zahlen erhoben werden, wie viele Gewaltbetroffene es wirklich gibt. Nach wie vor sei das Reden über sexuelle Gewalt ein Tabu, hinzu kommen häufig Selbstvorwürfe, die Furcht vor Jobverlust und die erwartete Gleichgültigkeit von Kollegen und Vorgesetzten, erklärte Birgit Haller vom Institut für Konfliktforschung. "Die betroffenen Frauen werden sogar häufig von den Tätern als Spaßverderberinnen bezeichnet, wenn sie Stopp sagen."

Couragiertes Verhalten in den Betrieben

Umso wichtiger ist den OrganisatorInnen der Tagung, dass innerhalb der Betriebe Maßnahmen gesetzt werden, um Betroffene zu unterstützen. Häufig sind es Arbeitsstellen in den Bereichen Gastronomie, Verkehr und Dienstleistungen. "Die Unternehmenskultur muss sich anpassen", betonte Karmen Riedl vom Rechtsschutz der AK Wien. In den Unternehmen müsse es Maßnahmen geben, die Betroffenen Hilfe bieten. Denn grundsätzlich sind die ArbeitgeberInnen verpflichtet, für die Sicherheit der MitarbeiterInnen zu sorgen. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser, plädierte für couragiertes Verhalten in Betrieben nach dem Motto "Hinschauen statt Wegschauen". Den ArbeitgeberInnen müsse das Thema wichtig sein.

Auch häusliche Gewalt zeige sich häufig während der Arbeit. Hier gelte es, Warnzeichen wie Verletzungen oder Verhaltensänderungen zu erkennen. Auf Gewerkschaftsseite sollten verstärkt Aus- und Fortbildungen zum Thema auf dem Programm stehen, sind sich alle Vortragenden einig.

In Österreich gebe es zur Opferhilfe etwa die Möglichkeit von Prozessbegleitung und weitere staatliche Unterstützungen sowie kostenfreie Beratung und Notrufe, etwa die Frauen-Helpline gegen Gewalt. "Das sind Angebote, die man kennen sollte", meinte Nachbaur abschließend. "Es muss keine allein kämpfen." (APA, 26.1.2017)


  • Der Arbeitsplatz als Risikozone: Betroffene würden oft allein gelassen werden, sagen Opferschutzeinrichtungen.
    foto: getty images/istockphoto/muratsenel

    Der Arbeitsplatz als Risikozone: Betroffene würden oft allein gelassen werden, sagen Opferschutzeinrichtungen.

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