Warum Arbeitszeitverkürzung eine demokratiepolitische Forderung ist

Userkommentar26. Jänner 2017, 19:48
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Lehrlingen wird ein Hang zum Autoritarismus zugeschieben. Das ist auch den Betriebshierarchien geschuldet. Die Angst, den Job zu verlieren, macht gefügig

Bei der Frage, warum gerade bei Lehrlingen "der Hang zum Autoritarismus besonders ausgeprägt" ist, wird gerne auf die Bildung und gesellschaftliche Entwicklungen verwiesen. Diese Sicht greift aber zu kurz. Eine Replik auf den Beitrag "Österreichs Lehrlinge und ihre Sehnsucht nach dem starken Mann".

Wir kennen die Wählerstromanalysen nach jeder Wahl, die zeigen, dass es vor allem Pflichtschulabsolventen und Lehrlinge sind, die die FPÖ wählen. Maturanten und Akademiker dagegen nur noch zu einem sehr kleinen Teil (Nationalratswahl 2013: FPÖ bei Arbeitern, SPÖ bei Pensionisten vorne). Nach dieser Schlussfolgerung sind die formal "schlechter" Gebildeten anfällig für autoritäre Tendenzen, die "besser" Gebildeten weniger. Eine zu Unrecht kaum beachtete Rolle spielt das Arbeitsumfeld.

Angst vor Jobverlust macht gefügig

Der Einstieg in das Arbeitsleben beginnt meist sehr früh – im Alter von 16 Jahren. In Betrieben, die oftmals noch autoritärer geführt werden, gebärden sich Chefs als Miniaturausgaben feudaler Herrscher. Die Betriebshierarchie ist eindeutig, und Widerspruch wird selten geduldet. Im Beitrag wird der Zusammenhang zwischen "individuellem Optimismus", "negativem Gesellschaftsbild" und Arbeitsmarkt richtig erkannt. Wer Arbeit hat, hat Perspektiven. Aber die Angst, diese Arbeit zu verlieren, macht gefügig. Wer sich gegen den Chef querstellt, der muss um seine Existenz fürchten.

Aber gerade Ereignisse in diesem Alter prägen die zukünftige Entwicklung von Menschen entscheidend. Lohnarbeit diszipliniert, und das umso mehr, je früher der Einstieg in das Arbeitsleben erfolgt. Der Druck kommt nicht nur von Vorgesetzten, er kommt auch aus der eigenen Familie. Viele Lehrlinge müssen einen Teil ihres Lehrgelds abgeben – es ist Teil des Familieneinkommens. Das Gefühl der Ausweglosigkeit, der Existenzangst wird dadurch bestimmendes Element. 52,2 Prozent der Handelslehrlinge sagen laut einer Umfrage der GPA-djp-Jugend, dass ihr Lehrberuf nicht ihr Wunschberuf ist. 27,5 Prozent haben schon unbezahlt Überstunden geleistet. 47,9 Prozent leisten Überstunden unfreiwillig. Viele Lehrlinge erdulden das, denn Lehrstellen sind knapp. Die Angst vor Arbeitslosigkeit groß. 51,2 Prozent der Handelslehrlinge geben an, es sei schwer gewesen, eine Lehrstelle zu finden.

Disziplinierung durch Lohnarbeit

Die Angst vor Jobverlust ist prägend, der Wirtschaftswissenschafter Heinz-Josef Bontrup sagt dazu im Interview mit dem "Kurier": "Nichts diszipliniert mehr (als Arbeitslosigkeit, Anm.). Sie diszipliniert sowohl die Arbeitslosen als auch alle, die Arbeit haben, denn sie haben Angst, den Job zu verlieren. Wenn Arbeitskraft im Überfluss vorhanden ist, sinkt automatisch der Lohn. Und es kommt zu anormalen Reaktionen: Denn normalerweise wird weniger Ware angeboten, wenn der Preis sinkt. Am Arbeitsmarkt ist das aber umgekehrt: Hier bieten die Arbeitskräfte mehr Zeit an, um ihr Einkommen zu halten. Mit der Folge, dass das Angebot noch größer wird und der Preis immer weiter verfällt. Es entsteht eine ruinöse Konkurrenz – für alle."

Politikwissenschafter Christoph Butterwegge beschreibt eindringlich, wie durch den neuen Standortnationalismus die Entpolitisierung der Gesellschaft vorangetrieben wird – und wie das auf eine Entdemokratisierung der Gesellschaft hinausläuft.

Selbst beim Thema Arbeitszeitverkürzung besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Sphären "Arbeit" und "Demokratie". Die Soziologen Jörg Flecker und Carina Altreiter argumentieren etwa, "warum eine Arbeitszeitverkürzung sinnvoll ist": "Weniger Zeit am Arbeitsplatz zu verbringen, bedeutet auch mehr Zeit für Tätigkeiten zu haben, die nicht unmittelbar einem Verwertungsgedanken unterworfen sind. Dazu gehören ganz wesentlich auch demokratisches und zivilgesellschaftliches Engagement." Arbeitszeitverkürzung ist also auch eine demokratiepolitische Forderung der Gewerkschaften. Denn wer selbstbestimmt lebt, der setzt sich auch für den Erhalt dieses Rechts ein. Umso mehr muss direkte Mitbestimmung in den Betrieben und Wirtschaft selbst gefordert werden. (Stefan Steindl, 26.1.2017)

Stefan Steindl ist stellvertretender Landessprecher der unabhängigen Gewerkschafter (AUGE).

Zum Thema

  • Lohnarbeit diszipliniert und das umso mehr, je früher der Einstieg in das Arbeitsleben erfolgt.
    foto: apa/harald schneider

    Lohnarbeit diszipliniert und das umso mehr, je früher der Einstieg in das Arbeitsleben erfolgt.

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